Karl Lauterbach und die Übersterblichkeit – Ein Minister denkt sich (wieder einmal) etwas aus

2. 06. 2023 | Auf die Frage, was die Bundesregierung tue, um die Ursachen der hohen Übersterblichkeit in Deutschland zu ermitteln, verwies Immernochminister Karl Lauterbach im Bundestag auf Studien, die von deutschen und ausländischen Universitäten dazu angestellt würden. Ich habe beim Ministerium nachgefragt, welche das sind. Die Antwort wird Lauterbach-Kenner wenig überraschen.

Im Rahmen einer Befragung von Regierungsmitgliedern durch die Bundestagsabgeordneten am 24. Mai fragte der Abgeordnete Martin Sichert, (AfD; ab min 20:40) den Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach:

„Wir haben seit Mai letzten Jahres eine konstante Übersterblichkeit und das Statistische Bundesamt erklärt, dass diese nicht mit Corona erklärbar sei, und dass man nicht so genau wisse, woher das kommt. (…) Es sind ja immerhin Zehntausende Tote im letzten Jahr, und nachdem die Regierung erklärt hat, dass jedes Menschenleben so unendlich wertvoll und schützenswert ist, würde ich eigentlich erwarten, dass die Bundesregierung dem nachgeht, und alles daransetzt, (…) dahinterzukommen, woran diese Übersterblichkeit liegt. Was unternimmt die Bundesregierung denn konkret um, abseits der üblichen Prozesse, dieser Übersterblichkeit auf den Grund zu gehen.“

Der für seine vielen Falschbehauptungen und eklatanten Fehlprognosen berüchtigte Minister antwortete:

„Die Übersterblichkeit wird wissenschaftlich natürlich untersucht von den Fakultäten, den deutschen Fakultäten. Sie wird untersucht durch die Wissenschaftler, die sich also mit dieser Debatte seit langer Zeit international beschäftigen. Die deutsche Übersterblichkeit wird ja auch untersucht von internationalen Arbeitsgruppen.“

Ohne danach gefragt worden zu sein, wusste Lauterbach allerdings sicher, dass es keinen Zusammenhang mit den Corona-Impfungen geben könne:

„Falls Sie hier darauf hinweisen wollen, dass es möglicherweise so wäre, dass die Übersterblichkeit durch die verabreichten Impfungen entstanden ist: Dafür haben wir keinerlei Hinweise, das ist medizinisch nicht plausibel. Das ist eine gefährliche Räuberpistole. Ich würde Sie daher bitten, nicht in diese Richtung auch nur zu gestikulieren.“

Außerdem wusste er, ohne danach gefragt worden zu sein, dass durch die Maßnahmen der Regierung Hunderttausende Menschen gerettet worden seien, die sonst gestorben wären. Für ihn ist die Übersterblichkeit kein großes Rätsel, denn:

„Eine gewisse Übersterblichkeit ist in einer solchen Pandemie zu erwarten, weil nicht alle Krankheiten gleichzeitig behandelt werden können. Es haben mehr Menschen ihre Krebsvorsorge nicht wahrgenommen, es haben mehr Menschen ihre Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht so intensiv behandeln lassen können, wie das sonst möglich gewesen wäre. Das sind Nebenwirkungen einer solchen Pandemie, das wird genau untersucht. Und diese Untersuchungsergebnisse werden von uns ausgewertet und zu gegebener Zeit Ihnen auch vorgestellt.“

Es „wird untersucht“, von wem weiß man nicht, und der Minister offenbar auch nicht.

Der Abgeordnete fragte nach:

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, macht die Bundesregierung keine eigenen besonderen Untersuchungen, obwohl wir Zehntausende Tote mehr haben. (…) Und trotzdem gibt es keine besonderen Untersuchungen, um herauszufinden, woran das liegt? (…) Ich höre von Ihnen nur: „Wir warten auf Statistiken und Auswertungen.“ Was unternimmt die Bundesregierung konkret, um diesen Zahlen auf den Grund zu gehen?“

Lauterbach verstärkte durch seine Antwort den Eindruck, dass die Regierung und ihre Behörden selbst nichts unternehmen und stellte den Abgeordneten als minderbegabt oder böswillig dar, weil er danach fragte:

„Wie ich bereits ausgeführt habe: Die deutschen Wissenschaftler, die Universitäten, arbeiten an diesen Fragen. Wir sind im engen Austausch auch mit dem Expertenrat für Coronafragen. (…) Sobald wir nähere Erkenntnisse haben zu den detaillierten [betont] Gründen der Übersterblichkeit, kann ich das sagen. Das was man weiß, habe ich schon vorgetragen. [unterbliebene und aufgeschobene Behandlungen; N.H.] Das wissen wir ja alles, und das dürfte Ihnen auch bekannt sein, wenn Sie sich tatsächlich für dieses Thema interessieren.“

Meine Nachfrage beim Ministerium

Ich fragte das Ministerium unter Verweis auf das Zitat zu den wissenschaftlichen Untersuchungen:

1. Auf Untersuchungen welcher Universitäten und welcher Arbeitsgruppen (Plural) bezieht sich der Minister mit dieser Aussage. Mir liegt die Aussage eines Wissenschaftlers vor, dem keine derartigen laufenden Untersuchungen zu den Ursachen der Übersterblichkeit in Deutschland bekannt sind.

2. Da der Minister nach Aktivitäten der Regierung gefragt worden war, könnte man aus dieser Antwort schließen, dass die Behörden des Bundes und deren wissenschaftliche Abteilungen (z.b. RKI, PEI, BfB, Destatis) derzeit keine derartigen Untersuchungen anstellen. Trifft das zu? Wenn ja, warum bitte werden diese Untersuchungen eines so wichtigen Themas regierungsseitig nicht angestoßen?

Die Antwort des Ministeriums lautet:

„Neben der Untersuchung und Auswertung der Daten durch das Statistische Bundesamt (Destatis) und das Robert Koch-Institut (RKI) werden weitere Methoden zur Erfassung und Auswertung der Übersterblichkeit u.a. vom Max-Planck-Institut für Demographie in Rostock und vom Institut für Statistik der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München erarbeitet.
Auch in anderen Ländern wie z.B. in den USA wurde eine Übersterblichkeit während der COVID-19-Pandemie beobachtet, deren Ursachen anhand von Studien derzeit genauer evaluiert werden.
Das RKI beschäftigt sich fortlaufend im Rahmen der Mortalitätssurveillance mit der genannten Thematik. Das Statistische Bundesamt erstellt die Todesursachenstatistik als amtliche Statistik, welche wichtige Erkenntnisse zu der Fragestellung liefert.
Ausführliche Analysen zu den Ursachen der Übersterblichkeit werden derzeit durchgeführt. Einige Gründe für die Übersterblichkeit im Jahr 2022 sind bereits bekannt: So hat die COVID-19-Pandemie auch im Jahr 2022 ebenso wie die starke Influenzawelle von Mitte November bis Ende des Jahres 2022 jeweils zu zusätzlichen Todesfällen geführt. Weiterhin nimmt durch den demografischen Wandel die Altersgruppe der über 80-Jährigen einen größeren Anteil ein. Dies führt auch zu einer steigenden Anzahl von Todesfällen, ohne dass sich die altersspezifische Sterberate ändert. Weitere erklärende Faktoren zum Ausmaß der erhöhten Sterblichkeit, z.B. warum es im Rahmen der COVID-19-Pandemie zu zusätzlichen Sterbefällen kam, die parallel zu den Coronawellen 2022 auftraten, werden derzeit noch umfangreich untersucht.“

Die erste Studie befasst sich mit Daten die nur bis 2020 reichen und überhaupt nicht mit Todesursachen, sondern nur mit statistischen Methoden. Sie ist als Antwort auf die Frage, was und ob genügend getan wird, um den URSACHEN der Übersterblichkeit auf den Grund zu gehen, nicht einschlägig.

Wenig überraschend, ist auch die zweite aufgeführte Studie nicht einschlägig, denn sie handelt schon im Titel von der Übersterblichkeit während der Covid-Pandemie und betrachtet nur Daten bis 2020.

Auch die Studie aus den USA hält nichts von dem, was Lauterbach versprochen hat. Er hatte ausdrücklich gesagt, auch die ausländischen Wissenschaftler befassten sich mit der Übersterblichkeit in Deutschland. Das ist bei dieser Studie nicht der Fall. Die Daten schließen das Jahr 2021 ein, beziehen sich aber nur auf die USA. Das für Karl Lauterbach eher unbequeme Ergebnis dieser Studie ist, dass in den USA bei den unter 65-Jährigen die indirekten Folgen der Pandemie als Ursache der Übersterblichkeit dominieren, und dass diese in den Monaten am höchsten war, in denen die Maßnahmen am striktesten waren. So viel zur Behauptung, wir wüssten, dass die Maßnahmen Hunderttausende gerettet haben.

Fazit

Das Ministerium konnte keine einzige laufende oder abgeschlossene  Untersuchung nennen, die die Behauptung Lauterbachs stützen würde, dass die Übersterblichkeit im letzten Jahr und bis heute von den Fakultäten und Universitäten intensiv untersucht werde. Lauterbach hat seinem Ruf als Lügenbaron und Hochstapler wieder einmal alle Ehre gemacht.

Was das Ministerium ansonsten über die Befassung von RKI und Statistischem Bundesamt mit dem Thema nachschiebt sind nur vage Verweise auf deren Routinetätigkeit. Danach geht es wie bei Lauterbach im unverbindlichen Passiv weiter (wird untersucht). Die dann aufgeführten Einzelerklärungen für erhöhte Sterblichkeit sind ohne Quantifizierung nutzlos. Es ist außerdem Konsens, dass sie nicht ausreichen, die sehr hohe Übersterblichkeit zu erklären.

Eine verschwiegene Studie

Eine für die Fragestellung genau einschlägige Studie aus deutschen Fakultäten und Universitäten gibt es. Das Ministerium nennt sie wohlweislich nicht, obwohl sie kürzlich bereits gutachtergeprüft in einer Fachzeitschrift erschienen ist. Es handelt sich um die Studie „Estimation of Excess Mortality in Germany During 2020-2022“ von Christof Kuhbandner von der Fakultät für Humanwissenschaften der Universität Regensburg und Matthias Reitzner vom Institut für Mathematik der Universität Osnabrück.

Die Zusammenfassung und die Schlussfolgerung lauten, in meiner Übersetzung:

„Die Ergebnisse zeigen, dass die Zahl der Todesfälle im Jahr 2020 nahe an der erwarteten Zahl lag; es gab etwa 4000 überzählige Todesfälle. Dagegen lag sie 2021 [und 2022 weit] über der erwarteten Zahl. Insgesamt beläuft sich die Zahl der überzähligen Todesfälle 2021 auf etwa 34.000 und 2022 auf etwa 66.000. Die hohe Übersterblichkeit begann erst ab April 2021 zu kumulieren. Ein ähnliches Sterblichkeitsmuster wurde bei den Totgeburten beobachtet, die im Vergleich zu den Vorjahren im zweiten Quartal 2021 um 9,4% und im vierten Quartal 2021 um 19,4% zunahmen. (…) Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass im Frühjahr 2021 etwas passiert sein muss, das zu einem plötzlichen und anhaltenden Anstieg der Sterblichkeit geführt hat, obwohl während der frühen COVID-19-Pandemie bisher keine derartigen Auswirkungen auf die Sterblichkeit beobachtet worden waren. Mögliche Einflussfaktoren werden in der Diskussion erörtert“

Im Kapitel zum statistischen Zusammenhang von Covid-Impfungen und Sterblichkeit stellen die Autoren fest, dass die versprochene sterblichkeitssenkende Wirkung der Impfungen in Anbetracht der Daten nicht plausibel ist. Im Gegenteil: Während vor Beginn der großen Impfkampagne die Übersterblichkeit auf die Älteren beschränkt blieb, auf die sich die Covid-Tode sehr stark konzentrierten, trat mit Beginn der Impfkampagne eine Übersterblichkeit jüngerer Gruppen hinzu. Und zwar wurden die Gruppen mit Übersterblichkeit immer jünger, je weiter die Impfkampagne zu den Jüngeren Altersgruppen vorstieß.

Auf Deutsch kann man sich die Vorgehensweise und Ergebnisse der Studie von Ko-Autor Matthias Reitzner im Interview mit Bastian Barucker in einfacher Sprache erklären lassen. Er erklärt auch, dass bei der Ermittlung der Übersterblichkeit die Bevölkerungsalterung, die das Ministerium albernerweise als einen Grund für die Übersterblichkeit nennt, natürlich berücksichtigt wird, also ihr geschätzter Einfluss quasi abgezogen wird. Das ist Einmaleins der angewandten Statistik.

Kein Wunder, dass das Ministerium diese Studie übersehen hat. Kein Wunder, dass das Engagement der Regierung, der Übersterblichkeit auf den Grund zu gehen, milde gesagt, begrenzt ist. Nicht auszudenken, wenn als Ergebnis herauskäme, dass die Impfungen, zu denen die Regierungen Abermillionen gedrängt und zum Teil gezwungen hat, Zehntausenden einen frühen Tod beschert haben.

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