Koloniale Denkweise und Rassismus in der Ökonomenzunft

9. 08. 2020 | Führende Fachzeitschriften und Ökonomen in den USA sind in eine heftige Debatte über den Umgang mit rassistischen und kolonialen Denkweisen in der Ökonomik geraten. Anlässe waren ein Zeitschriftenherausgeber, dem rassistische Diskriminierung und unangemessene Äußerungen vorgeworfen wurden, und ein prominent publizierter Fachaufsatz, der evangelikale Missionierung als Mittel zur Steigerung der Arbeitsmoral mittelloser Menschen in Entwicklungsländern empfiehlt.

Die Entscheidung des von der Universität Harvard herausgegebenen, weltweit führenden Quarterly Journal of Economics den Beitrag „Randomizing Religion” zur Veröffentlichung anzunehmen, führte zu einem Sturm der Entrüstung. Autoren, Zeitschrift und die Ethikkommissionen, die dafür verantwortlich zeichneten, mussten sich heftiger Vorwürfe einiger der prominentesten Ökonominnen und Ökonomen anhören. Von unterschwelligem Rassismus und kolonialistischer Denkweise ist die Rede.

Der Aufsatz beschreibt ein sogenanntes kontrolliertes Feldexperiment (RCT) mit besonders armen Menschen auf den Philippinen. Die ausgewählten, mehrheitlich katholischen Philippinos wurden nach dem Zufallsprinzip in verschiedene Gruppen eingeteilt. Eine Teilgruppe durfte das volle Programm einer missionarisch tätigen evangelikalen Organisation genießen. Andere bekamen nur entweder den Teil zur Religionserziehung, den Teil zu Gesundheit und praktischen Fertigkeiten, oder gar kein Programm angeboten.

Dieses kirchenbasierte Programm könnte eine Methode sein, die nichtkognitiven Fertigkeiten zu steigern und so Armut unter Erwachsenen in Entwicklungsländern zu vermindern.

Durch Vergleich wollten die Wirtschaftsforscher herausfinden, ob protestantische Glaubenserziehung dazu geeignet ist, bei armen Menschen Arbeitswillen und Beharrungsvermögen zu stärken und so Armut zu lindern.

Die Autoren kommen aus dem Umfeld der letztjährigen Ökonomie-Nobelpreisgewinner Ester Duflo und Abhijit Banerjee. Einer der Autoren, Dean Karlan, ist selbst ein sehr renommierter Forscher auf dem Gebiet der kontrollierten Feldexperimente.

Missionieren als Entwicklungspolitik

Die Autoren stellten fest, dass die missionarisch „behandelten“ Probanden sechs Monate nach Ende des Programms, ein etwas höheres Einkommen hatten, als Mitglieder der jeweiligen Vergleichsgruppen, können aber nicht ausschließen, dass der gemessene Effekt an Nebenumständen der Religionskurse liegt. Konsumniveau, Ernährungssicherheit, Arbeitsleistung und Lebenszufriedenheit waren nicht höher, der wahrgenommene eigene sozioökonomische Status sogar niedriger als bei den Probanden, die nicht missioniert wurden.

Trotz dieser, wie sie selbst es ausdrücken, „gemischten Evidenz“, schlussfolgern die Autoren: „Dieses kirchenbasierte Programm könnte eine Methode sein, die nichtkognitiven Fertigkeiten zu steigern und so Armut unter Erwachsenen in Entwicklungsländern zu vermindern.“

Dass hier das Missionieren als Entwicklungspolitik propagiert wird, und das auch noch auf schwacher Evidenzbasis, rief bei vielen Wissenschaftlern ungläubiges Entsetzen hervor.

„Die Leitfrage hat ihre Wurzeln im Kolonialismus und einem westlichen Retter-Komplex, und in Argumenten, die Armut auf eine ‚Kultur der Armut‘ zurückführen“, twitterte der Assistenzprofesor für Soziologie Landon Schnabel.

Die Ethikkommission der Eliteuniversität Yale hatte bei dem Missionsexperiment jedoch keine Bedenken und winkte das Projekt sogar im beschleunigten Verfahren durch, weil es unproblematisch sei.

Allein schon die Idee, dass missionarische Bekehrung ein legitimer Ansatz sein könnte, um die Einkommen der Ärmsten zu erhöhen, ist eine Beleidigung.

Ganz anders die Einschätzung des südafrikanischen Wirtschaftsprofessors Seán Muller. „Allein schon die Idee, dass missionarische Bekehrung ein legitimer Ansatz sein könnte, um die Einkommen der Ärmsten zu erhöhen, ist eine Beleidigung“, kommentiert er. Das auch noch in einer vermeintlich wissenschaftlichen Studie zu schlussfolgern, ist eine Absurdität, die nur daher rühren kann, dass man strukturelle und historische Faktoren komplett ausblendet.“

Muller weitet seine Kritik auf die kontrollierten Feldexperimente insgesamt aus, die meist an „schwarzen und braunen Menschen in armen Teilen der Welt“ vorgenommen würden, unter ethischen Standards, die weit unter dem lägen, was in reicheren und hellhäutigeren Weltgegenden die Norm sei.

Arme Versuchskaninchen

Die norwegische Entwicklungsökonomin Ingrid Kvangraven kritisiert ebenfalls, die Autoren suchten die Ursachen der Armut in Unzulänglichkeiten der Armen, anstatt die strukturellen Ursachen der Armut anzuerkennen. Noch dazu werde die koloniale Dimension des Versuchs verkannt, über die Religion arme Menschen zu mehr Ausdauer und Leistungsbereitschaft zu erziehen.

Sie bemängelt darüber hinaus, dass die Probanden nicht darüber informiert wurden, dass sie Teil eines Experiments waren und deshalb gar keine informierte Zustimmung hätten geben können.

Dass im Literaturverzeichnis kein Werk aus oder über die Philippinen aufgeführt ist, zeige eine Haltung, nach der das einzige verlässliche Wissen das des globalen Norden ist, auch wenn es um das Leben der Menschen in anderen Weltgegenden geht.

Die Autoren verteidigen sich

Choi, Byran und Karlan antworteten auf Anfrage ausführlich auf die Vorwürfe. „Wir schätzen die ethischen Anmerkungen, die wir bekommen haben“, schreiben sie. „Sie haben uns veranlasst, einige von diesen Themen in der finalen, veröffentlichten Version des Aufsatzes zu diskutieren.“ Sie hätten schon viele derartige Feldexperimente durchgeführt, aber noch nie diese Art von Reaktion darauf bekommen.

Sie betonen, dass kein Mensch aufgrund ihrer Forschung zusätzlich zu einem solchen Programm eingeladen worden sei. Dieses Programm und viele ähnliche gebe es schon sehr lange. Unabhängig davon, wie man dazu steht, sei es wertvoll, zu erforschen, ob sie den Armen der Welt helfen oder schaden.

Was die informierte Zustimmung angeht, beriefen die Forscher sich darauf, dass man sich an die Normen für solche Studien gehalten habe und die Ethikkommissionen das auch bestätigt hätten. Vor der Abfrage von Daten sei informierte Zustimmung eingeholt worden. Da die Teilnehmer frei entscheiden könnten, ob sie die Einladung zu einem der Kurse annehmen, sei es nicht nötig, sie zu informieren, dass sie gleichzeitig Teilnehmer eines Feldexperiments seien. „Wir haben die Normen unseres Fachgebiets befolgt, aber möglicherweise müssen die Normen sich auch ändern“, räumen sie ein.

Den Vorwurf, sie wiesen implizit den Armen die Verantwortung für ihre Armut zu, weisen die drei entschieden von sich. „Es ist ohne weiteres möglich, dass Programme Menschen helfen, weniger arm zu sein, ohne damit zu sagen, dass ihre Armut ihre eigene Schuld ist“, schreiben sie. Ihre Untersuchung des konkreten Missionsprogramms beinhalte keine Befürwortung dieses Programms, erwidern sie auf den Vorwurf von Muller, ihr Forschungsansatz sei eine Beleidigung für arme Menschen mit dunkler Hautfarbe.

Die Forschungsergebnisse könnten zwar nur im Lichte der philippinischen Geschichte und Gesellschaft richtig interpretiert werden. Aber es sei gemeinsames Verständnis unter Wirtschaftsforschern, dass man nicht in jedem Aufsatz diesen Kontext ausbreiten müsse. „So kommen Ökonomen zu Aufsätzen, die stringent sind und verhältnismäßig knapp versuchen, eine begrenzte Frage zu beantworten.“

Wir haben die Normen unseres Fachgebiets befolgt, aber möglicherweise müssen die Normen sich auch ändern.

Auf die Kritik, dass sie die historische Rolle und den kolonialen Kontext von Religion und Mission in den Philippinen ignorierten, die zuerst eine spanische, dann eine amerikanische Kolonie waren, antworten die Forscher mit dem Hinweis, dass International Care Ministries (ICM), die Organisation, die das untersuchte Programm durchführt, 1992 von philippinischen Pastoren gegründet worden sei.

Dieser Hinweis auf die philippinischen Wurzeln der Organisation ist allerdings in diesem Zusammenhang irreführend. Blickt man auf die Webseite von ICM, so findet man eine dominierende Präsenz der ehemaligen Kolonialmacht USA.

Vorsitzender des Boards (Aufsichtsrats) ist David Sutherland, der ICM ab 1999, während seiner Managerzeit bei Morgan Stanley, von einem kleinen Startup zu einer Organisation mit 10-Millionen-Dollar Budget aufgebaut habe. Sutherland ist auch einer der sechs globalen Teamleader, zusammen mit Deanne Sutherland und Dale Sutherland, sowie einem Professor in Kanada und einem von der New Yorker Columbia University.

Diskriminierung kein Journal-Thema

Shelly Lindberg, Ökonomieprofessorin in Kalifornien, beteiligte sich auf Twitter mit einer eigenen Erfahrung mit dem „Quarterly Journal of Economics“ an der Diskussion über Rassismus in der Wirtschaftswissenschaft.

Sie habe mit Dick Startz ein Papier zur Fortdauer der Ungleichheit nach Hautfarben dort eingereicht. Der Gutachter habe es als einen wichtigen Aufsatz bezeichnet, der unbedingt publiziert werden sollte. Der Herausgeber habe es dennoch abgelehnt und die Autoren für ihre „überhitzte Rhetorik“ gescholten, weil sie davon ausgingen, dass Methoden zum Niederhalten der Farbigen auch nach dem Ende der Sklaverei noch breite Anwendung gefunden hätten.

Gemeint sein dürfte der Aufsatz „Information and Racial Exclusion“, der 2007 im weit weniger renommierten „Journal of Population Economics“ erschien.

Ein deutscher Chicago Boy bekommt Gegenwind

Mit dem Journal of Political Economy (JPE) der Universität Chicago geriet auch eine zweite der fünf weltweit angesehensten Fachzeitschriften der Ökonomen in eine sogar noch heftigere Kontroverse. Mitten in den Protesten gegen den gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd provozierte der Makroökonom Harald Uhlig, der seit 2007 in Chicago lehrt, mit Beiträgen auf seinem Blog und Twitter-Kommentaren.

Die „Chicago Boys“, die Ökonomen der Universität Chicago, sind ein Hort der Marktradikalen und die Fakultät mit den meisten Ökonomie-Nobelpreisen. Außerdem ist diese Fakultät an den großen Seen ewiges Feindbild der „Salzwasserökonomen“ von der Ostküste und Kalifornien, mit dem bekannten Ökonomen und Publizisten Paul Krugman als einem der schärfsten Kritiker.

Harald Uhlig, der seit 2007 in Chicago lehrt und einer der Herausgeber des JPE ist, provozierte während der Proteste gegen den gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd durch einen Polizisten Ende Mai mit Blog-Beiträgen und Twitter-Kommentaren. Darin verglich er die Black-Lives-Matter-Organisation mit Leuten, die die Erde für eine Scheibe halten und Footballspieler, die durch Niederknien gegen Diskriminierung protestieren, mit jemand, der eine Ku-Klux-Klan-Kapuze trägt.

Das brachte ihm einen Sturm der Entrüstung ein. Unter anderem Paul Krugman und Justin Wolfers, mit ihren großen Gefolgschaften in den sozialen und etablierten Medien, forderten Konsequenzen von der Universität Chicago und dem JPE.

Sogar die ehemalige Präsidentin der US-Notenbank Federal Reserve und gegenwärtige Vorsitzende der Ökonomenvereinigung American Economic Association, Janet Yellen, schrieb, die Tweets und Blogbeiträge von Uhlig seien extrem irritierend und „es wäre angemessen, wenn die Universität Chicago Uhligs Performance und seine Eignung, weiterhin als Herausgeber des JPE zu fungieren, überprüfen würde.“

Das Thema Rassismus hat hohe Priorität für die Ökonomenvereinigung, seit eine Umfrage im letzten Herbst ergeben hat, dass fast die Hälfte der afroamerikanischen Ökonomen von diskriminierender Behandlung aufgrund ihrer Hautfarbe berichteten.

Uhlig entschuldigte sich in einem Interview mit der New York Times für seiner Worte und Vergleiche und beteuerte, dass er Rassismus verabscheue. Das Interview war kaum gedruckt, da holte ihn die Vergangenheit ein – in Form eines Tweets.

Ein Rassismusvorwurf aus der Vergangenheit

Am 11. Juni twitterte der afroamerikanische Wirtschaftsprofessor Bokar Ba an Uhlig gerichtet, er habe 2014 in dessen Unterricht gesessen, als Uhlig erst abfällige Bemerkungen über das afroamerikanische Idol Martin Luther King gemacht habe und sich dann in sarkastischer Weise an ihn gewendet habe, um zu fragen, ob er damit vielleicht irgend jemandes Gefühle verletzt habe.

Schon am nächsten Tag suspendierte die Federal Reserve Bank Chicago Uhligs Beratertätigkeit und das JPE setzte seine Herausgeberschaft der Zeitschrift vorläufig aus.

Der Chicago-Ökonom John Cochrane schrieb auf seinem Blog: „Der Twitter-Mob hat die Ökonomik übernommen“ und kritisierte Krugman, Wolters und Yellen heftig für ihre Rolle in dieser „Hexenjagd“ auf Ökonomen mit unpopulären Meinungen. Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar bezeichnete den „Hinauswurf“ als „Gipfel der Scheinheiligkeit“.

Es war allerdings kein Hinauswurf. Am 22. Juni verkündete die Universität Chicago, dass die Überprüfung des Verhaltens von Uhlig ergeben habe, „dass es keine Grundlage für eine weitere Untersuchung gibt“. Daher habe das JPE Uhlig wieder in seine Rolle als Herausgeber eingesetzt.

Hinweis: Dieser Beitrag ist die etwas längere deutsche Version eines Blogposts, den ich am 27. 06. 2020 auf den englischen Seiten dieses Blogs veröffentlicht habe.