Das wahre Wesen des Kapitalismus: 1. Kapital als geronnene Macht

21. 09. 2020 | Hören | Bücher über den Kapitalismus haben Konjunktur. Die meisten kommen ohne Definition aus. Kapitalismus wird einfach mit Marktwirtschaft gleichgesetzt, eine vernünftige Definition von Kapital gar nicht erst versucht. Solange das so bleibt, ist die Vormacht des Kapitals unangreifbar, denn eine Reform der Wirtschaftsordnung ist schwer möglich, wenn man sich über ihr Wesen nicht klar ist.

Ist Kapital das, was in Form von Maschinen, Anlagen, Grundstücken und Gebäuden Verwendung in der Produktion findet? Oder ist es das Geld mit dem Güterproduzenten und die Finanzbranche „arbeiten“? Oder beides? Es bleibt sehr oft einfach offen, nicht zuletzt bei Werken wie „Kapital im 21. Jahrhundert“ mit dem der Franzose Thomas Piketty zum Star-Ökonomen geworden ist. Ganz anders das Buch „Capital as Power“ (Kapital als Macht) von Jonathan Nitzan und Shimshon Bichler aus dem Jahr 2007. Dieses frei im Internet verfügbare Buch hat diesen mehrteiligen Beitrag über das Wesen des Kapitalismus stark befruchtet. Zusätzliche Inspiration kommt von dem aktuellen Buch „The Code of Capital“ der deutschen Rechtsprofessorin an der Universität Columbia, Katharina Pistor.

Die Ultra-Kurzfassung lautet etwa so: Kapital ist kein Produktionsmittel, sondern ein Eigentumsrecht auf die Erträge der Produktion. Kapitalisten ermöglichen nicht Produktion, sondern sie drücken aus Gewinninteresse die Produktion auf ein Niveau weit unterhalb der Menge, die technisch effizient und kostendeckend herstellbar wäre.

Das Kapital des Robinson Crusoe

Einführungslehrbücher der Ökonomie legen gern die Grundlagen mit Beispielen aus der Einpersonenökonomie des auf einer einsamen Insel gestrandeten Robinson Crusoe. Tun wir das also auch. Crusoe überlebe zunächst, indem er Fische mit seinen Händen fängt. Weil das nicht sehr ergiebig ist, sparte er sich einige Fische vom Mund ab, um an manchen Tagen, statt zu fischen, ein Netz zu flechten. Damit kann er dann seinen Fischbedarf in sehr viel kürzerer Zeit, mit weniger Arbeit decken.

Für Mainstream-Ökonomen ist das Netz ein Produktionsmittel, auch Kapitalgut oder kurz Kapital genannt.

Gegen die Bezeichnung als Produktionsmittel ist nichts einzuwenden. Gegen die Bezeichnung als Kapital schon. Denn Kapital, so wie der Begriff gemeinhin verwendet wird, hat einen Vergütungsanspruch, der demjenigen zusteht, der das Kapital bereitstellt. Nach der vorherrschenden „neoklassischen“ Kapitaltheorie, die wir gleich noch näher betrachten werden, bemisst sich dieser Vergütungsanspruch nach dem Anteil des Kapitals am Produktionsergebnis, nach seiner „Produktivität“.

Was heißt das für Robinson? Sagen wir, er fängt Fische unter Einsatz eigener Arbeit und einem Netz, das er selbst gebaut hat. Was er fängt isst er. Es ist nicht möglich, zu ermitteln, welcher Anteil am Fang auf die (direkte) Arbeit zurückgeht und welcher auf den Einsatz der Fischfanggeräte. Ohne Arbeit ist der Ertrag des Netzes Null, ohne Netz ist der Ertrag des Fischfangs sehr niedrig.

Es ist auch völlig unnötig und uninteressant für Robinson, diese Anteile zu ermitteln. Das wird erst interessant, wenn eine zweite Person ins Spiel kommt, zum Beispiel Freitag, den Robinson im Roman von Daniel Defoe aus der Gewalt von Kannibalen befreit und zu seinem Diener macht. Robinson bringe ihm bei, wie er ein Netz flechten und verwenden kann, um zur Versorgung beider Fische zu fangen.

Von nun an stelle Freitag die Arbeit und Robinson das Knowhow zur Herstellung des Produktionsmittels. Nun kann man von Kapital sprechen. Aber nicht das Netz ist das Kapital, das einen Vergütungsanspruch hat, sondern das ausschließliche (aber handelbare) Recht Robinsons auf die Nutzung des Netzes.

Die Machtfrage ist zentral

Will man die Produktivität und den Wert des „Kapitals“ von Robinson bewerten, ist die relative Macht des vormaligen Sklavenhändlers Robinson und seines Dieners Freitag von zentraler Bedeutung. Es ist weiterhin unmöglich, objektiv festzustellen, welcher Anteil des Fischfangs auf die Arbeit von Freitag und welcher auf das mit Robinsons Knowhow gebaute Netz zurückgeht. Man kann damit starten, zu vergleichen, wie viel weniger Fische Freitag ohne Netz an einem Tag fangen würde. Aber ohne jemand, der das Netz auslegt und wieder einholt – etwas, was Robinson entweder nicht tun kann oder nicht tun will – ist der Ertrag des Netzes Null.

Wer wie viel vom Fang bekommt ist also Verhandlungssache. Im Buch von Defoe steht Freitag in einem sklavenartigen Verhältnis zu Robinson. Robinson kann also einfach Freitag so viele Fische zuteilen, wie er für angemessen hält.

Es könnte auch anders herum sein. Wäre Robinson am Verhungern, weil er selber keine Fische fangen kann, und müsste einem selbstbewussten Eingeborenen anbieten, diesem gegen einen Anteil am Fischfang beizubringen, wie man ein Netz baut, müsste sich Robinson vielleicht mit einem Anteil zufrieden geben, der ihn gerade so am Leben erhält.

Von zentraler Bedeutung für die Verhandlungsposition ist das Recht am geistigen Eigentum und am Eigentum generell und die Macht, dieses durchzusetzen. Ohne dieses Recht kein Kapital. Wenn Freitag das Netz einfach nachbauen kann, sieht es schlecht aus für Robinsons Kapitalistenanspruch. Wenn er nicht durch geistige oder körperliche Überlegenheit (Macht) ein Recht an geistigem Eigentum etablieren und durchsetzen kann, ist sein Kapital wertlos, auch wenn das Netz unverändert produktiv ist oder sein könnte. Robinson braucht also die Macht, Freitag zu hindern, das, was er von ihm gelernt hat, selbst anzuwenden.

Diese zentralen Machtfragen werden in der Lehrbuchökonomie nie angesprochen. Dabei werden sie nicht minder wichtig, wenn wir zu einer komplexeren Wirtschaftsordnung mit vielen Menschen kommen – wie dem Kapitalismus. Diese Machtfragen verschwinden lediglich hinter einem Schleier von als selbstverständlich hingenommenen institutionellen Regeln. Diese sind aber nichts weiter als die in Institutionen geronnene Macht des Robinson, seine Kapitalisteninteressen gegen die Arbeitnehmerinteressen des Freitag durchzusetzen.

Durch den Schleier für selbstverständlich erklärter Institutionen lässt die Ökonomik die Macht des Kapitals verschwinden und stellt das Verteilungsergebnis als etwas dar, das sich in einem fairen und objektiven Prozess herausbildet, bei dem alle die gleichen Chancen auf Wohlstand haben.

Das Kapital im Lehrbuch

Die Ökonomie-Lehrbücher nehmen einfach an, es gäbe eine „Produktionsfunktion“, die bestimmt, wie groß das Produktionsergebnis bei verschiedenen Einsatzmengen Arbeit und Kapital ist. Dieser Funktion geben sie eine Form, mit der sich gut rechnen lässt. Was Kapital ist, bleibt dabei der Fantasie des Betrachters überlassen. Die meisten werden an Maschinen denken, andere an Geld. Dank der angenommenen Formel lässt sich berechnen, wie viel mehr Produkteinheiten (Fische) herauskommen, wenn man entweder den Arbeitseinsatz um eine Einheit erhöht oder den Kapitaleinsatz.

Das Ergebnis wird Grenzproduktivität der Arbeit beziehungsweise des Kapitals genannt. Nach der neoklassichen Theorie sorgt der Markt dafür, dass diese Grenzproduktivität, den Lohn der Arbeit und die Vergütung des Kapitals bestimmt. Jeder bekommt, was er verdient. So hat John Bates Clark das ausgedrückt, als er diese Theorie um die Wende zum 20. Jahrhundert entwickelte. Er tat das ausdrücklich mit dem Ziel, der Ausbeutungsthese der Marxisten etwas entgegenzusetzen. Dass seine Theorie dafür so geeignet ist, erklärt ihre andauernde Popularität, obwohl sie voller Widersprüche und Lücken steckt.

Die wichtigste und größte Lücke: Was eine Einheit Kapital ist, bleibt aus gutem Grund offen. Ist es ein zweites Netz für Robinson? Oder ein etwas größeres Netz? Diese Frage hat bis heute niemand beantworten können. Ein Weinfass und ein Kran lassen sich einfach nicht zusammenzählen. Man kann zwar den Marktwert der Kapitalgüter zusammenzählen, aber das ist ein Trick, bei dem man das, was zu erklären ist – den Wert – benutzt, um sich selber zu erklären. In der sogenannten Cambridge-Capital-Kontroverse zwischen den Neoklassikern von Cambridge, USA, und ihren Kritikern in Cambridge, England, bei der es darum ging, zogen erstere anerkannter Maßen den Kürzeren und mussten zugeben, dass ihre Kapitaltheorie nicht funktioniert und sie keine Einheit für Kapital haben. Bis heute wird so getan, als hätte es diese Niederlage und diese Einräumung nicht gegeben.

Ein weiteres Problem der Theorie: Das Einsatzverhältniss von Arbeit und Kapital zu variieren ist nur in engen Grenzen sinnvoll. Freitag kann nur ein Netz und nur eines bis zu einer bestimmten Größe bedienen. Ihm ein zweites oder ein sehr großes Netz zu geben, bringt nichts. Oder nehmen wir das Beispiel von Busfahrern (Arbeit) und Bussen (Kapital). Es gibt ein vernünftiges Verhältnis von sagen wir zwei Busfahrern pro Bus, mit dem sich alle Schichten abdecken lassen und die Beförderungsleistung effizient produziert wird. Erhöht man das Verhältnis auf zwei Busse für zwei Busfahrer, so bringt das eine Reserve für technische Probleme, sonst aber nicht viel. Erhöhe ich die Anzahl der Busfahrer auf drei pro Bus, gilt das Gleiche. Es leuchtet nicht ein, warum unter solchen Bedingungen die Grenzproduktivität von Arbeit und Kapital die Höhe der Löhne und Rendite bestimmen sollte, selbst wenn diese Grenzproduktivität bestimmbar wäre.

Ein Ökonom, der eine Produktionsfunktion mit Arbeit und “Kapital” als Produktionsfaktoren einfach annimmt, und daraus seine Schlussfolgerungen zieht, ignoriert solche elementaren Probleme. Die Formel funktioniert ja auch hervorragend, selbst wenn sie keine Entsprechung in der realen Welt hat. Und das Ergebnis ist politisch opportun für die Mächtigen.

Geld arbeitet nicht und produziert nichts

Diejenigen, die in der realen Geschäftswelt mit dem Kapitalbegriff hantieren, verstehen darunter einfach, was man in der Bilanz als Eigenkapital und Fremdkapital (Schulden) auf der rechten Seite stehen hat: das Geld, das der Kapitalist zur Verfügung hat. Typischerweise hat das sehr wenig mit Maschinen und Anlagen zu tun. Der Wert der Produktionsmittel ist oft im Verhältnis zum Gesamtkapital in diesem Sinne sehr gering. Bichler und Nitzan veranschaulichen das in “Capital as Power” mit der Bilanz und dem Börsenwert von Microsoft. Dort standen 2005 Gebäude und Anlagen im Wert von 2,3 Mrd. Dollar in der Bilanz, bei einem Börsenwert von 283 Milliarden Dollar. Nimmt man die Schulden (Fremdkapital) hinzu, die im Börsenwert ja nicht enthalten sind, kommt ein Gesamtkapitalwert von 306 Mrd. Dollar zusammen. Wenig mehr als ein halbes Prozent geht auf den Wert der Produktionsmittel zurück.

Der Rest sind immaterielle Produktionsgüter, was man im großen und ganzen mit Rechten übersetzen kann. Niemand hat das Recht, die Software von Microsoft zu kopieren und anzuwenden, ohne dafür hohe Lizenzgebühren an  Microsoft zu bezahlen.

Daran sieht man auch sehr schön, dass Kapital nicht produktiv ist, sondern Produktion verhindert und begrenzt. Software lässt sich praktisch kostenlos kopieren. Ohne das Kapital von Microsoft bzw. seiner Besitzer würde sehr viel mehr Software produziert und angewendet. Durch Produktionsbegrenzung schaffen es die Besitzer von Microsoft, dass ihr Unternehmen zu dem gewinnträchtigsten und wertvollsten der Welt gehört.

Das gilt nicht nur für Software. Auch die Manager von Automobilunternehmen haben als Agenten der Kapitaleigner den Auftrag, die Produktion unter die technisch kosteneffiziente Menge zu begrenzen, damit die Autos zu gewinnmaximierenden Preisen verkauft werden können.

In diesem Sinne hat auch der berühmte Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen postuliert, dass das moderne Unternehmen nicht entstanden ist, um die Produktivität – im Sinne einer möglichst großen Bedürfnisbefriedigung mit vorhandenen Produktionsmitteln – zu erhöhen, sondern um sie zu begrenzen.

Heute gilt dieses System weithin als so selbstverständlich und alternativlos, dass es gar nicht mehr hinterfragt wird. Als die Ökonomen noch genötigt waren, es zu verteidigen und zu rechtfertigen, taten sie das mit dem Argument, dass es besser funktioniere als alternative Systeme. Zwar begrenze Microsoft aus Gewinnabsicht die Produktion von kostenlos herstellbarer Software. Aber nur weil das möglich sei, sei die Software so gut geworden, wie sie heute ist.

Ob das stimmt, ist eine Frage, die man nicht allgemeingültig beantworten kann. Kapitalismus ist in gewissem Sinne etwas graduelles. Im Spätkapitalismus, wenn die Kapitalisten lange Zeit hatten, ihre zunehmende Macht einzusetzen, um sich immer mehr Rechte zu sichern, sind die kapitalisierbaren Rechte so ausgeprägt, dass die Produktion und Produktivität ernsthaft leidet. Unternehmenswerte werden vor allem noch durch Umverteilung geschaffen, indem der Anteil der Arbeitnehmer am Produktionsergebnis gedrückt wird und die Gewinnmarge, die auf die Produktpreise aufgeschlagen wird, zulasten der Konsument immer größer wird.

Wenn Urheberrechte sich bis 70 Jahre nach dem Tod eines Autors erstrecken und noch dazu rückwirkend immer wieder verlängert wurden, dann lässt sich dafür keine Begründung mit notwendigen Anreizen mehr finden. Es ist klar, dass es hier nur um Umverteilung zugunsten der Rechteinhaber geht.

Auf vielerlei Weisen wurden Rechte an geistigem Eigentum in den letzten Jahrzehnten sowohl ausgedehnt als auch verstärkt durchgesetzt. Bei Patenten gibt es Patentdickichte aus strategischen Patenten, die nur angemeldet werden, damit ein Unternehmen in Verhandlungen mit einem anderen Unternehmen etwas hat, was das andere Unternehmen an der Produktion hindern kann, sodass dieses andere Unternehmen einwilligen muss, seinerseits die Nutzung eines Patents zu erlauben.

Branchen mit solchen Patentdickichten gleichen Minenfeldern für kleinere und mittlere Unternehmen. Nur noch die größten Unternehmen können es sich leisten, in diesen Branchen tätig zu sein. Die Gewinnmargen sind dann entsprechend hoch. Mobiltelefonie ist ein Beispiel. Der Börsenwert von Apple ist im Jahr 2020 binnen Monaten von einer auf zwei Billionen Euro gestiegen.

Zusammenfassung und Ausblick

Nachdem wir gesehen haben, dass Kapital kein Produktionsfaktor ist, sondern ein Produktionsverhinderungsfaktor zur Aneignung und Steigerung von Gewinnen, wird sich in Teil 2 zeigen, dass der Unternehmenswert und damit das Vermögen der Kapitalisten weniger davon abhängt, wie viel und was sie produzieren, sondern vor allem von ihrem Erfolg dabei, sich einen größeren Anteil am Kuchen zu sichern.

Fortsetzung

Das wahre Wesen des Kapitalismus: 2. Leistungslose Einkommen durch Monopole und Privilegien