Warum ich nicht mit * gendere

13. 02. 2021 | In der Grammatik unserer Sprache kommen Frauen schlecht weg. Wenn das Geschlecht nicht bekannt ist, oder in einer Gruppe Männer und Frauen sind, wird immer die männliche Form genommen. Als Gegenmittel wird zunehmend das Gendersternchen angeboten. Mir gefällt es nicht. Ich wähle einen anderen Weg.

Wenn im Deutschen von einer Personenmehrzahl mit gemischtem oder unbekannten Geschlecht gesprochen wird, verlangt die Grammatik entweder umständlich von “Buchhaltern und Buchhalterinnen”, “Lesern und Leserinnen” oder “Wählern und Wählerinnen” zu sprechen, oder aber das sogenannte generische Maskulinum zu verwenden. Das bedeutet, dass die männliche Form benutzt wird, aber gleichermaßen Personen männlichen, weiblichen und sonstigen Geschlechts gemeint sind.

Ähnliches gilt, wenn von einer Person die Rede ist, deren Geschlecht entweder unbekannt ist, oder nicht interessieren soll. Dann heißt es entweder “eine Buchhalterin oder ein Buchhalter hat etwas falsch verbucht”, oder es wird – generisch – die männliche Form verwendet. “Ein Buchhalter hat etwas falsch verbucht”, und das könnte dann auch eine Frau gewesen sein.

Die Aufzählung jeweils beider Geschlechter kann sehr umständlich sein. Vor allem aber hat sie den Nachteil, dass sie etwas betont, was zumeist gar keine Rolle spielen sollte, das Geschlecht der Person über die geredet oder die angesprochen wird. Das macht diesen Weg des Umgangs mit dem Problem unbefriedigend.

Weiter unbefangen das generische Maskulinum zu verwenden und Frauen entweder implizit oder ausdrücklich – wie in Stellenanzeigen – mit zu meinen, ist aber ebenfalls unbefriedigend. Es ist hinreichend erwiesen, dass das generische Maskulinum nicht so neutral ankommt, wie es gemeint ist. In vielen Zusammenhängen stellen sich die Empfänger Männer vor, wenn das generische Maskulinum verwendet wird. Das ist ungünstig für Mädchen und Frauen, die in den angeseheneren und besser bezahlten Funktionen und Berufen oft stark unterrepräsentiert sind.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung mit dem Englischen, wo Hauptwörter keine weibliche Endung kennen. Nicht selten ist mir passiert, dass ich von einem “pilot” oder “driver” erzählt bekam oder las und dann irgendwann, als das Wort “she” (sie) fiel, feststellen musste, dass ich mir grundlos und falsch einen Mann vorgestellt hatte.

Dazu gibt es eine Vielzahl von überzeugenden, auch sprachenvergleichenden Studien, die in einem Beitrag von Republik von Juni 2020 verlinkt sind und sehr gut eingeordnet werden. (Diesen Absatz habe ich am 18. 02. eingefügt.)

Es gibt Formen, die moderat in die überlieferte Sprache eingreifen, wie den mit einem großen “I” eingeleiteten Zusatz der weiblichen Form hinter den zumeist männlichen Wortstamm, wie in BuchhalterInnen. Diese Form habe ich zuletzt häufig verwendet.

Sie hat aus Sicht vieler den Nachteil, dass auch bei ihr Menschen, die sich weder dem weiblichen, noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen, nicht mit genannt werden und sich dadurch ausgegrenzt fühlen könnten.

Das Gendersternchen

Deshalb breitet sich zunehmend das Gendersternchen als weitergehender Eingriff in die Sprache aus, wie in Buchhalter*innen. Davon gibt es auch gesprochene Versionen, meist mit einer kurzen Sprechpause statt Sternchen.

Das Sternchen soll dabei für alle anderen Geschlechteridentitäten stehen, der vordere Wortstamm für die männliche Form und die Endung hinter dem Sternchen für die weibliche.

Dieser Umgang mit dem Problem, der es allen Recht machen will, hat gravierende Nachteile:

  • Er greift sehr stark künstlich in die Sprache ein, was viele Menschen stört, weil sie es als aufgedrückte, verkopfte Zumutung empfinden. Sprache wird ja ansonsten gerade nicht gemacht, sondern entwickelt sich von unten, dadurch wie sie genutzt wird.
  • Verwandt damit, finden viele Menschen die Sternchenwörter hässlich und umständlich, sodass sie sich nicht mehr in dieser Sprache heimisch fühlen können.
  • Noch stärker als bei den anderen Varianten des Genderns wird bei “den Buchhalter*Innen, die etwas falsch verbucht haben” und “dem oder der Buchhalter*in, der oder die etwas falsch verbucht hat” etwas betont, was in aller Regel nichts zur Sache tut, das Geschlecht dessen, über den oder die geredet wird.

Der Vorteil, dass alle Geschlechter mit angesprochen sind, ist unbestreitbar, aber aus meiner Sicht bei weitem nicht ausreichend, diese Nachteile auszugleichen. Transgender-Menschen, die von einem Geschlecht zum anderen gewechselt sind, brauchen das Sternchen nicht. Diejenigen, die sich weder als männlich noch als weiblich fühlen, haben sehr vielfältige Präferenzen, wie sie angesprochen werden möchten. Dem kann man auch mit einem summarischen Sternchen nicht gerecht werden.

Außerdem bin ich zuversichtlich, dass die meisten Menschen mit sonstigen Geschlechtsformen Verständnis dafür aufbringen, wenn die Sprache ihrer Mitmenschen nicht standardmäßig jede Abweichung vom Üblichen berücksichtigt. So wie die meisten Menschen in Rollstühlen nicht verlangen würden, dass alle Waren in Supermärkten, und auch sonst alles, nur in einer Höhe sein dürfen, die sie ohne Hilfe erreichen können. Dass man in Formularen nicht mehr genötigt wird, sich zwischen männlich und weiblich zu entscheiden, wenn man beides nicht ist, dürfte für diese Menschen viel wichtiger sein.

Das generische Femininum

Die Lösung, die ich bis auf weiteres erproben möchte, ist einfach und greift nicht in die Grammatik ein. Ich will künftig das generische Maskulinum durch das generische Femininum ersetzen. Das heißt: Immer dort, wo man traditionell die männliche Form benutzen und Frauen mit meinen würde, will ich die weibliche Form nutzen und andere Geschlechter mit meinen.

Dann macht es aus meiner Sicht auch nichts mehr, wenn ich bei anderen Sprachfiguren und Wörtern, bei denen die Dominanz der männlichen Form nur durch Eingriffe in die Grammatik zu beseitigen wäre, bei der tradierten männlichen Form bleibe, etwa bei dem Wörtchen “man” oder bei “jemand, dessen”.

Ich habe in letzter Zeit gelernt, dass es viel mehr solcher sprachlichen und grammatischen Gender-Fallstricke gibt als man denkt. Das sind Fallstricke, die sich auch mit dem großen Binnen-“I” oder der Aufzählung beider Geschlechter oder den Gendersternchen nicht leicht umschiffen lassen.

Wenn die langen weiblichen Formen durch Häufung in einer Textpassage zu penetrant wirken würden, behalte ich mir vor, mit der kürzeren männlichen abzuwechseln. Es geht ja nicht ums Prinzip, sondern um Respekt.

Es würde mich freuen, wenn sich das generische Femininum bewährt und weitere Nutzer findet. Aber es ist weder notwendig noch angestrebt, dass alle mitmachen. Wenn manche durchgängig das generische Maskulinum verwenden und andere (meist) das generische Femininum, dann ist das ein gutes Ergebnis. Wenn dazu noch manche die Gendersternchen nutzen, denen die Schönheit ihrer Sprache nicht so wichtig ist, hat das die nützliche Funktion, uns daran zu erinnern, dass es auch noch etwas jenseits von männlich und weiblich gibt.

In einem Feld fände ich es allerdings wichtig, dass das generische Femininum von (fast) allen verwendet wird, bei Stellenanzeigen für Berufe und Führungspositionen, die ohne guten Grund männerdominiert sind. Es sollte zur Norm werden, dass nicht der Investmentbanker (m/w) gesucht wird, sondern die Investmentbankerin (m/w). Deutlicher kann man nämlich kaum signalisieren, dass man es mit Beteuerungen ernst meint, den Frauenanteil erhöhen zu wollen. Umgekehrt hat man in dieser Hinsicht schon fast verloren, wenn man das generische Maskulinum nutzt.

Das Wort Investmentbankerin kennt übrigens die Rechtschreibprüfung von WordPress nicht, und von meinem Textverarbeitungsprogramm auch nicht.

Leserbreife

Ich erhielt eine Vielzahl von Zuschriften, meistens kritische. Dazu ein Hinweis. Ich veröffentliche Leserbriefe, aber nur, wenn Sie durch den Betreff “Leserbrief” oder auf andere Weise ausdrücklich als zur Veröffentlichung gekennzeichnet sind. Das war nicht der Fall. Aber hier ist meine Reaktion auf die Zuschriften, mit der ich versuche, Wogen zu glätten und meine Gründe und Absichten besser zu erklären.

Missverständnisse über das Gendern