Die „drohende“ Überlastung der Krankenhäuser ist ein seit 20 Jahren wiederkehrendes Problem, dem mit Abbau von Krankenhausbetten „begegnet“ wurde

8. 12. 2021 | Während der Corona-Pandemie reicht die Möglichkeit, dass das Gesundheitssystem überlastet werden könnte, um elementare Grundrechte der Bevölkerung nachhaltig außer Kraft zu setzen. Dabei sind Überlastungen des Gesundheitssystems immer wieder vorgekommen. Die Politiker hat das nicht interessiert. Sie haben die Kapazitäten des Systems immer weiter heruntergefahren, angefeuert u.a. vom neuen Gesundheitsminister.

Sucht man im Internet nach „Lauterbach fordert Kliniken schließen“, wird man über die Jahre und Jahrzehnte oft fündig. Zum Beispiel 2013, als er gerade zum Schatten-Gesundheitsminister gekürt worden war und daraufhin sein Aufsichtsratsmandat bei der Klinikkette Rhön niedergelegt hatte. Oder in einem Tweet vom 4. Juni 2019, kurz vor Ausbruch der Pandemie, als er verkündete:

Jeder weiß, dass wir in Deutschland mindestens jede dritte, eigentlich jede zweite, Klinik schließen sollten. Dann hätten wir anderen Kliniken genug Personal, geringere Kosten, bessere Qualität und nicht so viel Überflüssiges. Länder und Städte blockieren..“

Es gebe zu viele Krankenhausbetten, waren sich Bertelsmann-Stiftung und fast alle Politiker einig. Von 2000 bis 2019 sank die Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland von 2242 auf 1914. Dabei gab es immer wieder Phasen, in denen das Krankenhaussystem in Deutschland oder anderen europäischen Ländern massiv überlastet war. Hier einige Beispiele für Überlastungen aus der Vergangenheit nach Medienberichten:

presse

09.01.2000. Nach Großbritannien und Deutschland hat die Grippewelle jetzt auch Italien erreicht. Die Krankenhäuser in Mailand, Florenz und Venedig sind nach Presseberichten vom Sonntag derart überfüllt, dass praktisch keine Betten mehr frei sind. In vielen Hospitälern müssten die Kranken auf Pritschen auf den Gängen liegen. In Mailand war es über Stunden nicht möglich, einen Krankenwagen zu rufen: Patienten, die im Krankenhaus keine Aufnahme fanden, blockierten die Einsätze. Die Zeitung „La Repubblica“ meldete, allein in Turin seien zehn ältere Menschen an den Folgen der Virusgrippe gestorben. Derzeit würden 250 000 Fälle pro Woche registriert. Dabei sei der Höhepunkt der Grippewelle erst Ende Januar zu erwarten. Man rechne mit bis zu acht Millionen Kranken. (…)  In Deutschland nimmt die Zahl der Fälle ebenfalls zu. Vor allem Baden-Württemberg, Bayern und Thüringen sind betroffen, sagte ein Sprecher des Nationalen Referenzzentrums für Influenza in Hannover.“ (Quelle: Tagesspiegel)

09. 01.2002. Notdienste und Krankenhäuser überlastet: Grippe-Epidemie in Spanien. In einigen Städten wie Madrid und Barcelona waren die Notdienste und einige Krankenhäuser wegen der großen Zahl von Patienten völlig überlastet. (Quelle: RP-Online)

23.02.2012. Grippe: Wiens Spitäler überfüllt. Grippewelle und Durchfallerkrankungen sorgen derzeit für Engpässe in Spitälern: Einige nicht akute Operationen werden verschoben, Patienten auf dem Gang behandelt. (Quelle: Die Presse)

28.02.2015. Am Rande der Erschöpfung. Die Influenza wütet in diesem Jahr besonders heftig. Zahlreiche Notaufnahmen sind überlaufen. Dienst nach Vorschrift können sich die Ärzte und Pfleger im Frankfurter Nordwestkrankenhaus nicht mehr leisten. Schon bei der Anmeldung werden die Patienten klassifiziert. Die Krankenhäuser arbeiten am Limit, seit Tagen schon. (Quelle: FAZ)

11.01.2017. Frankreich Grippewelle führt zu Engpässen in Krankenhäusern- Mehr als hundert französische Krankenhäuser haben Probleme, Betten für alle Patienten zu finden. 142 von den 850 öffentlichen Krankenhäusern des Landes hätten eine angespannte Lage gemeldet, sagte Touraine am Mittwoch. „Es wird schwierig, Betten für alle zu finden“, erzählte ein Arzt eines Krankenhauses in Lyon dem Sender France info. Geplante Operationen könnten verschoben werden. Ursache ist die aktuelle Grippewelle. (Quelle: Spiegel)

07.02.2017. Kliniken schließen wegen Überlastung ihre Notaufnahmen. Die Zahl der Influenza-Fälle in Bayern steigt und steigt, die Grippewelle bringt auch die Krankenhäuser in Bedrängnis. Mehrere Kliniken können wegen Überlastung zeitweise keine Patienten aufnehmen. (Quelle: Welt)

16.03.2018. Grippe legt Krankenhäuser und Ämter lahm. Bus- und Bahnverbindungen fallen aus, weil Fahrer fehlen. OP-Säle bleiben geschlossen, weil Ärzte erkrankt sind. Die Grippewelle sorgt in vielen Gebieten Deutschlands weiter für Probleme. Ausgedünnte Verwaltungen, Kliniken an der Kapazitätsgrenze: Die weiter anhaltende Grippewelle sorgt an vielen Stellen für Engpässe. In der zehnten Kalenderwoche lag die Zahl bestätigter, an das Robert Koch-Institut (RKI) übermittelter Fälle bei knapp 46.400. Damit ist die Zahl der Erkrankten noch einmal gestiegen. In der Woche zuvor hatte die Arbeitsgemeinschaft Influenza rund 42.400 Fälle gemeldet. Insgesamt sind in dieser Saison bereits mehr als 215.500 Menschen nachweislich an Grippe erkrankt. Die tatsächliche Zahl liegt deutlich höher, weil nicht von jedem Patienten Proben analysiert werden. (Quelle: Spiegel)

Auch derzeit noch, nach zwei Jahren in denen wir ständig vor einer drohenden Überlastung des Krankenhauswesens gewarnt und immer wieder in Lockdown geschickt wurden, um diese zu vermeiden, können Krankenhausträger staatliche Subventionen bekommen, wenn sie Krankenhäuser schließen oder Betten in größerer Zahl abbauen.

Was ich damit sagen will? Es gibt Gründe, misstrauisch zu sein.

Ich danke Lothar Glück und Henry Mattheß für die Zusammenstellungen der Medienberichte und der Zeitungstitel.

Änderungshinweis (9.12.): Tweetkommentar von Lauterbach zu Klinikschließungen eingefügt.

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