Klimaneutralität: Ein dreister Ökobluff

8. 03. 2020 | Helge Peukert, Ökonomieprofessor in Siegen, wundert sich, dass massenhaft Unternehmen klimaneutral werden, obwohl die Autos immer mehr und größer werden und die Gewinne weiter sprudeln. Ist es so leicht und billig, klimaneutral zu werden? Er macht die Probe aufs Exempel. Ein Gastbeitrag. …

Helge Peukert. In Zeiten der heraufziehenden Klimakatastrophe fragt man sich gelegentlich, ob man selber, die Mitwelt oder gar beide sich in einem Zustand akuter Schizophrenie befinden. Blickt man auf die Straße, sieht man immer mehr und größere Autos und viele Autobahnen werden ausgebaut. Geht man im Wald spazieren, sieht man Kahlschläge, die einem vom Förster als dürrebedingt erklärt werden. Schaut man in den Himmel, sieht (und hört) man immer mehr Flugzeuge, eigentlich keine Überraschung, wird doch nicht nur der Flughafen Rhein/Main emsig ausgebaut.

Gleichzeitig hört man ständig Jubelbotschaften ökologischen Fortschritts: die gesamte EU soll in Zukunft (nun gut: bis 2050) klimaneutral werden, der Dax bekommt eine grüne Variante und viele Unternehmen, die expandieren und ungebremst Gewinne ausschütten, Finanzinstitute, Fonds und Indizes schmücken sich mit den drei neuen Schlüsselbuchstaben ESG (E = Ecological, S = Social, G = Governance). Ganz zu schweigen von all den Unternehmen und Organisationen, die von gestern auf heute vorgeben, plötzlich klimaneutral zu sein.

Ich wundere mich. Kann denn beides gleichzeitig stimmen: das Weiterlaufen der expandierenden Megamaschine wie gehabt und die neue Melodie Es grünt so grün wenn ESG-Blüten blühen?

Ob das auch für mich funktionieren würde?

Wenn die Unternehmen und Finanzprodukte grün werden können, ohne etwas zu ändern, kann ich dann auch die vier folgenden Bedingungen gleichzeitig unter einen Hut bekommen?

  1. Ich bleibe ein übermäßiger Umweltbelaster und ändere mein Verhalten nicht, bleibe also mit 17 Tonnen (1) über dem deutschen Durchschnitt von rund 12 Tonnen und weit über einem weltweit nachhaltigen Kontingent von rund 2 Tonnen CO2 pro Jahr und Person;
  2. Ich will höchstens 30 Minuten in meine Klimaneutralität investieren;
  3. Es muss sich um eine zertifizierte Neutralisierung handeln, die mir von einer internationalen Institution mit bestem Leumund bescheinigt wird.
  4. Das Ganze soll mich weniger kosten als eine viertel Tankfüllung eines SUV.

Welche Institution könnte mir dieses Paket bieten und bescheinigen, mit dem ich auch als Umweltschwein klimaneutral sein kann? Die Suchmaschine führt mich bei der Suche nach CO2-Neutralisierung als erstes zur UNFCCC. Das steht für die United Nations Framework Convention on Climate Change, also die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen. Das ist seit 1992 (Erdgipfel von Rio) DIE Institution für Umwelt und Entwicklung. Sie repräsentiert die vielbeschworene Weltgemeinschaft. Es ist die zentrale Institution für das Kyoto-Protokoll und die Pariser Verträge.

Es scheint unwahrscheinlich, dass ich mir als unverbesserliches Klimaschwein ausgerechnet von dieser Organisation Klimaneutralität bescheinigen lassen kann. Aber ein Blick auf Ihre Website kostet ja nichts. Gleich auf der ersten Seite finde ich unter “climate action” die Unterkategorie “climate neutral now”.

Hier kann ich meinen ökologischen Fußabdruck in weniger als fünf Minuten berechnen lassen und bekomme, sehr zu meiner Freude, ein Ergebnis ausgeworfen, dass deutlich niedriger ist als das des Rechners des Bundesumweltministeriums. Ich werde gefragt, ob ich meinen Fußabdruck neutralisieren will. Ja, ich will (wenn es schnell geht und wenig kostet).

Dann kommt das Beste. Ein unschlagbarer Preis bei höchster Qualität.

Klimaneutral für 80 Cent pro Tonne CO2

Der Kauf eines der dort angebotenen freiwilligen Ausgleichszertifikate (1 Zertifikat = eine Tonne neutralisiertes CO2) wird in einem vom UN-Klimasekretariat verwalteten CDM-Register elektronisch gespeichert. Das Sekretariat zertifiziert auch die Qualität der CDM-Zertifikate. Unter CDM versteht man zertifizierte Projekte in Entwicklungs- oder Schwellenländern, mit denen dort die C02-Emission verringert wird, zum Beispiel indem man anstelle von Gas oder Öl zur Stromgewinnung auf Windenergie zurückgreift. Mein Fußabdruck hier wird demnach durch von mir finanzierte Einsparungen in einem Entwicklungsland neutralisiert.

Mir fällt wegen des sehr niedrigen Preises gleich ein Projekt mit der Nummer 9625 ins Auge, bei dem in Indien 9 Windräder finanziert werden; ein sogenanntes small-scale CDM project. Die Tonne CO2-Neutralisierung kostet mich ganze 0,8 US-Dollar. Das sind nur etwa 14 US-Dollar oder 12 Euro pro Jahr für meine 17 Tonnen! Es scheint also zu gehen. Ich kann mich mit UN-Siegel klimaneutral nennen, ohne mein umweltschädliches Verhalten zu ändern und zu fast unmerklichen Kosten.

Dann wäre das wirklich kein Wunder, dass selbst die klimaschädlichsten Unternehmen plötzlich klimaneutral werden, oder das zumindest anstreben.

Kaum zu glauben, aber wahr

Ich habe das nicht recht glauben können und dem Climate Neutral Now Team eine Mail geschrieben, ob ich das richtig verstanden habe. Mir wurde bestätigt, dass ich richtig gerechnet habe.

Die Windräder stehen übrigens bereits und man kann sich die Bilder anschauen. Der Projektdurchführende erhält also durch meine Zahlung eine nachträgliche Subvention. Der Bauherr ist die Sahyadri Industries Limited, die – doch etwas überraschend – vor allem im Bereich der Zementfaserherstellung tätig ist.

Um als CDM-Neutralisierung anerkannt zu werden, muss die Zusätzlichkeit (Additionality) belegt werden. Der Projektdurchführende muss nachweisen, dass die Windräder ohne die (Aussicht auf die) Subvention nicht aufgestellt worden wären. Dass das bei den Windrädern der Fall ist, scheint nicht sehr wahrscheinlich, jedenfalls nicht zwingend. In anderen Zusammenhängen ist die Voraussetzung für Subventionen, die eine Anreizwirkung haben sollen, regelmäßig, dass das Projekt vor Bewilligung der Subvention noch nicht begonnen, geschweige denn fertig gestellt wurde.

Im technischen Begleitdokument findet sich die vorgeschriebene, komplizierte Berechnung, dass sich das Projekt ohne die Subvention nicht rentiert hätte. Um dies zu belegen, hat man unter anderem einen Zinssatz für Fremdkapital von 10,05 Prozent zugrunde gelegt. Es gibt neben dem Zins noch weitere Parameter, mit denen man problemlos die Nichtrentierlichkeit ohne Subventionen vorrechnen kann, wenn man das will.

Außerdem muss das Projekt, um anerkannt zu werden, dazu führen, dass andernorts CO2 eingespart wird. Der durch die Windräder erzeugte Strom wird in eines der größeren indischen Stromnetze eingespeist. Der Projektträger behauptet und das UN-Sekretariat hält es offenbar für sehr plausibel, dass nun entsprechend weniger Strom aus fossilen Erzeugungsquellen in dieses Netz eingespeist wird. Wie man das beweisen kann, ist mir schleierhaft. Man setzt offenbar voraus, dass die indische Regierung keine entsprechende Investition in Windkraft oder Solarstrom aus eigenen Stücken vorgenommen hätte, um den stark steigenden indischen Strombedarf zu decken.

Resümee

Mein persönlicher Test deutet darauf hin, dass es sich bei der Klimaneutralität um eine Form des (Selbst-)Betrugs handelt, ein grünes Feigenblättchen. Beim mittelalterlichen Ablasshandel der Kirche wurde man seine Sünden nicht so billig los.

Ausblick

Am 8. Februar stand ich frühmorgens in Berlin an der Bushaltestelle am Anhalter Bahnhof, um zum Hauptbahnhof zu fahren. Direkt neben der Bushaltestelle befand sich das Entwicklungshilfeministerium (BMZ). Und riesengroß stand auf der Fassade, dass das BMZ nunmehr klimaneutral sei. Natürlich fragte ich mich sofort, für wie viel, oder besser, wie wenig Geld dieses Ministerium seine Klimaneutralität erlangt hat. Dazu bald genaueres.

(1) Damit ich für mein Rechenbeispiel über den deutschen Durchschnitt komme, habe ich mir fiktiv zwei Langstreckenflüge dazugerechnet.