Social Observatory for Disinformation and Digital Media Analysis (SOMA)

SOMA ist ein von 2018 bis 2022 aktives, EU-finanziertes Projekt um europäische Faktenkontrolleure zu vernetzen, mit „einer mächtigen technologischen Infrastruktur“ und vorgefertigten Narrativen zu versorgen und finanziell zu fördern. Google erklärte sich 2020 auf Druck der EU-Kommission bereit, die Texte der angeschlossenen, damals 60 Wahrheitskontroll-Organisationen  bevorzugt als Suchergebnisse anzuzeigen.  Inzwischen hat die Nachfolgeorganisation EDMO die Bereitstellung der IT-Infrastruktur, die Vernetzung und die Förderung der Wahrheitskontrolleure übernommen.

Netzseite | Gegründet Nov. 2018

Die EU-Kommission hat ihr Social Observatory for Disinformation and Social Media Analysis (Soziale Beobachtungsstelle für Desinformation und Analyse der Sozialen Medien) zynischerweise SOMA genannt, wie die Volksberuhigungsdroge im Roman „Schöne neue Welt“.

Selbstbeschreibung (ATC; übersetzt): „SOMA hat seine Tätigkeit offiziell am 1. November 2018 aufgenommen und will innerhalb der nächsten 30 Monate die „Jäger“ irreführender Nachrichten mit den geeigneten Werkzeugen ausstatten. Gleichzeitig sollen Faktenprüfer mit Nachrichtenorganisationen, Social-Media-Innovatoren, Forschern und politischen Entscheidungsträgern zusammengebracht werden, um: den Kern von 2 nationalen Zentren für die Erforschung von Desinformation zu bilden, (…) und einen allgemein akzeptierten Quellentransparenzindex (STI) zu erstellen. SOMA ist eine Zusammenarbeit von fünf Partnern: Athens Technology Center (ATC, Griechenland), das das Projekt koordiniert; Pagella Politica (Italien), LUISS Data Lab (Italien), T6Ecosystems (Italien) und die Universität von Aarhus (Dänemark).“

Das SOMA-Projekt wurde als Koordinierungs- und Unterstützungsaktion von der Europäischen Kommission ins Leben gerufen und mit knapp einer Million Euro finanziert. Die Entwicklung der inforamtionstechnischen Analyse- und Überwachungsinstrumente, die den vernetzten Mitgliedern bereitgestellt werden, wurden mit einer Reihe von separaten Fördervereinbarungen mit einem Vielfachen dieser Summe gefördert. Das Wohlverhalten der Mitglieder im Sinne der Regierenden wurde in einer zweimonatigen Probemitgliedschaft geprüft.

Die wichtigsten Beteiligten sind die Big-Data-Analysespezialisten von ATC, der Aarhus Universität und der privaten italienischen Universität LUISS. Diese entwickelten mit Geld der EU-Kommission und von Google informationstechnische Instrumente zur Ausforschung und Analyse der digitalen Medienplattformen und zur Überprüfung der Echtheit von dort verbreiteten Inhalten. Außerdem dabei, die italienische Wahrheitsprüforganisation Pagella Politica. ATC, Aarhus und Pagella Politica sind auch maßgebliche Beteiligte am öffentlich-privaten EU-Projekt EDMO.

Mitglieder von SOMA waren private und staatliche Stellen. Hier arbeiteten also Regierungen und Faktenchecker direkt zusammen. Zu den vielen auf der Netzseite des Projekts aufgeführten Mitgliedern gehören Mimikama, Newsguard (Deutschland) mit Briefkasten in Berlin, Nato-Foundation Defense College und das Institut für Informationssicherheit der Ukraine. Es gibt aber auch viele, wohl vor allem staatliche Mitglieder, die einer Veröffentlichung ihrer Mitgliedschaft nicht zugestimmt haben. Das Nachfolgeprojekt EDMO ist zwar von der EU-Kommission finanziert, hat aber keine staatlichen Stellen als Mitglieder.

Truly Media

Zusammen mit Deutsche Welle und finanziell gefördert von EU-Kommission und Google hat ATC Truly Media entwickelt, „eine webbasierte Kooperationsplattform, die vor allem Journalisten und Menschenrechtsaktivisten bei der Überprüfung digitaler Inhalte, z. B. in sozialen Netzwerken, unterstützt.“

Die Plattform wird genutzt vom European Science-Media Hub, von den EDMO-Mitgliedern, der Deutschen Welle, dem ZDF und Reuters. Auch einem „großen Netzwerk von Wahrheitsprüfern in Myanmar und Georgien“ wurde die Plattform zur Verfügung gestellt.

Das Who-is-Who der Medienlandschaft und das Gros der Wahrheitsprüfer richten sich also bei Der Entscheidung darüber, was echt oder gefälscht ist, nach einer indirekt von der EU-Kommission kontrollierten kooperativen Plattform. Es gehört nicht allzuviel Misstrauen und Fantasie dazu, sich vorzustellen, das dabei die Wahrheit unter die großen Räder der Informationskriegs-Maschinerie kommen kann. Nach Angaben des überwiegend von Italien und der EU finanzierten Ressource Center on Media Freedom in Europe ist eines der Ziele dieses Tools „einen einfachen Kommunikationskanal mit offiziellen Quellen wie dem Europäischen Parlament, der Europäischen Kommission und Eurostat zu schaffen, um deren offizielle Position in laufenden Untersuchungen zu erfragen“. Sprich: Die pseudo-privaten Wahrheitsprüfer sollen leicht erfahren können, was die staatlich sanktionierte Wahrheit ist.

TruthNest

Selbstbeschreibung: „TruthNest bietet dynamische Analysen nahezu in Echtzeit, mit denen Sie Twitter-Konten überwachen können, während diese Beiträge teilen und miteinander interagieren. Fügen Sie die gewünschten Nutzer in Beobachtungslisten ein und exportieren Sie Berichte über Ihre Analysen im PDF-Format. (…) Ein Beispiel dafür ist die Analyse von DFRLab über verdächtige Konten, die möglicherweise von Russland unterstützte Desinformationen über den Krieg in der Ukraine verbreiten, in spanischer Sprache.“

Wer als regierungskritischer Geist oder alternatives Medium die Plattform X nutzt, muss also davon ausgehen, dass staatliche und staatlich finanzierte Wahrheitswächter fast in Echtzeit seine Aktivitäten überwachen und analysieren. So heißt es auf der Netzseite von CEDMO, einem mittelosteuropäischen Stützpunkt von EDMO, der Truly Media und TruthNest würden nutzt in diesem Zusammenhang, man arbeite „mit nationalen Behörden bei der Überwachung digitaler Medienökosysteme“ zusammen.

Seit Twitter, bzw. nun X, den Zugang zu den Daten kostenpflichtig gemacht hat, können die vielen Dutzend vernetzten Wahrheitsprüfer TruthNest allerdings nicht mehr beliebig nutzen, sondern müssen jeweils eine Nutzung beantragen.