Deutsche Presseagentur stellt mit Expertenauswahl sich und weite Teile der deutschen Medienlandschaft bloß

3. 10. 2021 | In einem Beitrag, den man kaum eine „Nachricht“ nennen kann, bietet Deutschlands führende Nachrichtenagentur dpa einen Politikwissenschaftler gegen die „umstrittene“ Initiative #allesaufdentisch auf. Dessen Statement nutzt eine Sprache, die in freiheitlichen Gesellschaften nicht üblich ist. Sein Status als Wissenschaftler darf (hiermit) als „umstritten“ gelten.

Kurz nachdem am Donnerstag 30. September, 53 Gesprächsvideos von Künstlern mit Experten online gingen, hatte man bei dpa einen Bericht zu #allesaufdentisch fertig, den man an die Medienkundschaft verbreitete. Diese publizierte den Beitrag massenhaft unverändert oder wenig verändert für ein Millionenpublikum, von A wie Augsburger Allgemeine bis Z wie Zeit.

Auf diese Weise wusste binnen Kurzem fast das ganze politisch interessierte Volk, schon bevor irgend jemand Gelegenheit hatte, wenigstens einige der Videos anzusehen und etwas Kritisches zu äußern, dass hier eine „umstrittene“, also kritikwürdige Aktion von kritikwürdigen Leuten gestartet worden war. Oft stand das sogar schon in der Überschrift.

Als Ersatz für die mangels Zeitablauf noch nicht mögliche Umstrittenheit bot dpa einen Experten auf, der erklärt, warum die Aktion kritikwürdig ist.

Nach Ansicht eines Experten für Verschwörungsideologien befeuert die Aktion ein «schädliches Narrativ». Über die Schauspieler und Künstler verbreiteten sich wissenschaftliche Minderheitenmeinungen über die Pandemie-Leugner-Szene hinaus, diese würden als Mehrheitspositionen dargestellt, sagte Politikwissenschaftler Josef Holnburger.“

Der nicht ganz wissenschaftliche Begriff des „Pandemie-Leugners“ wird nicht weiter erklärt. Er dürfte dem Corona-Leugner entsprechen, zu dem es einen Eintrag im Corona-Neusprech-Kompendium gibt. Das sind Menschen, die an der Verhältnismäßigkeit von Dauer und Intensität der Grundrechtseinschränkungen zur Pandemiebewältigung Zweifel äußern. Verhältnismäßigkeit jedoch ist ein verbotenes Unwort im Wörterbuch des Corona-Neusprech.

Besorgniserregender ist der Begriff „schädliches Narrativ“. Die Einteilung von Informationen und Meinungen in „schädlich“ und nützlich kannte man bisher nur von Regierungen mit totalitärem Anspruch. Die Ostdeutschen können ein langes Lied davon singen. Im Westen mit seinem freiheitlichen Selbstverständnis wurden solche Einteilungen aus gutem Grund bisher nicht verwendet, jedenfalls nicht dermaßen prominent und weit verbreitet. Der Begriff verdient daher die Aufnahme ins Corona-Neusprech-Kompendium.

Nun müsste man als Nachrichtenagentur auch abseitige und extreme Statements verbreiten, wenn sie von einem wichtigen und bekannten Menschen geäußert würden. Wer also ist Josef Holnburger? Er sei Politikwissenschaftler, heißt es in dem Bericht. Suchen wir seinen Lebenslauf.

Dort lernen wir, dass er, mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung, 2017 den Bachelorabschluss der Politikwissenschaft erwarb.

Es ist eher selten, dass man mit einem Bachelorabschluss als „Wissenschaftler“ tituliert wird. Er arbeitet nach eigener Darstellung an einem Masterabschluss, aber er hatte offenbar noch keine Zeit, diesen Abschluss abzulegen, der ihn immerhin grenzwertig zum „Wissenschaftler“ qualifizieren würde.

Der „Politikwissenschaftler“ mit Bachelor-Abschluss kennt sich aus mit ungerechtfertigtem wissenschaftlichen Anschein. Er wird weiter wie folgt mit seiner Kritik zitiert:

Durch einen wissenschaftlichen Anschein werden die Beiträge aufgewertet. Solche Debatten würden aber auf Konferenzen und in Studien geführt – zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sagte Holnburger.“

Resümee

Halten wir resümierend fest:

  • Die Aktion #allesaufdentisch gilt der dpa und damit weiten Teilen der deutschen Medienlandschaft schon beim Start als umstritten, weil die dpa einen „Politikwissenschaftler“ mit Bachelorabschluss findet, der sie als schädlich bezeichnet.
  • Inhalte spielen keine Rolle, es geht um die Form.
  • Es gibt für die dpa und die Medien, die den Beitrag übernehmen, schädliche und nützliche „Narrative“. Aus wessen Perspektive und auf welches Ziel hin, muss nicht offengelegt oder hinterfragt werden.
  • Für die dpa und ihre treuen Medienkunden sollen nur wissenschaftliche Mehrheitsmeinungen das Licht der Öffentlichkeit sehen.

Offenlegungen

Mit einem Gesprächsvideo zum digitalen Impfpass bin ich an #allesaufdentisch beteiligt. Die Gesprächspartner der Künstler werden als „Wissenschaftler“ vorgestellt. Auch wenn ich einen Doktortitel und eine wissenschaftliche Publikation in einer besseren Zeitschrift aufweisen kann, würde ich mich nicht als Wissenschaftler bezeichnen. Zugesagt hatte ich als „Experte“ für die Vorgeschichte des digitalen Impfpasses. Dass bei über 50 Teilnehmenden die Rubrik nicht genau auf alle passt, finde ich hinnehmbar.

Mehr

Soziale Distanzierung 2.0 – ARD hilft beim Abstand halten von Rechten und Verschwörungstheoretikern (Mit Auftritt der anderen Lieblings-Expertin der Medien aus der neuen Disziplin der Verschwörungstheorie-Wissenschaft, Pia Lamberti, die immerhin schon – seit 2016 – an einer Doktorarbeit laboriert.)

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