7 Leserbriefe zu den korrumpierten Philosophen, eine Antwort und die Replik

Stand 19. 10.

Krampfhaftes Passendmachen
Antwort von Norbert Häring
Replik von Andreas Matthies (neu)
Antwort von Norbert Häring auf die Replik (neu)
Replik zu Matthies von Franz Schneider
Harari, ein Philosoph der Beliebigkeit

Giorgio Agamben zeigt, dass Philosophen auch anders können
Autoritär-reaktionäres linkes Spießertum
Ein Dokument der persönlichen intellektuellen Abrüstung
Richard Rorty über Freiheit und Wahrheit

 

Krampfhaftes Passendmachen

Lieber Norbert Häring,

ich gehe nur auf Deine Kritik an Harari ein, weil sich da m. E. klar zeigt, dass Du krampfhaft etwas passend machen willst, was eben doch nicht passt. Ich bin fest überzeugt, dass Du damit Deiner berechtigten Kritik selber schadest. Klickzahlen sind kein Gegenbeweis.

Harari spricht bei den auch von Dir geteilten – gut begründeten – Befürchtungen vom „schlimmsten Fall“; er stellt fest, dass sich demokratische Gesellschaften zwar widersetzen, warnt aber mit dem „noch“ davor, dass dies auf Dauer erfolglos bleiben könnte. Er malt die „Befürchtung totaler Kontrolle“ an die Wand und hält eine perfekte Diktatur, mit dem Gesundheitsschutz begründet, für möglich. Eine Diktatur, die „schlimmer“ wäre als die der Nazis und Stalins! Schärfer kann eine Kritik nicht ausfallen! Und sie ist berechtigt, weil Hitler und Stalin tatschlich nicht ein so umfassendes, jedes Verästelung erfassendes Instrumentarium zur Verfügung stand. –

Harari sieht den Ausweg darin, dass die Bürger die „Kontrolle der Regierung verschärfen“.

Dass diese seine Vorstellungen eines möglichen Ausweges möglicherweise zu naiv sein könnten, mag sein. Aber nicht das ist es , was Du kritisierst. Du setzt Dich auch nicht in der Weise mit ihm auseinander, dass Du positive Aspekte gelten lässt und sie Deiner Ansicht nach negativen gegenüber stellst. Nein, Du behauptest einfach ziemlich unverfroren, dass seine eben skizzierten Überlegungen nicht ernst gemeint seien und dass Harari selber ein – wenn auch sublimer -Protagonist des totalitären Überwachungsstaates sei, eben einer der „korrumpierten Philosophen“, auf die schon Deine Überschrift hinweist. Wer in dieser Weise angegangen wird, hat kaum noch Lust, sich mit Dir ernsthaft auseinanderzusetzen. Wer das als Leser mitverfolgt, auch nicht. Nur die, die sowieso nur das bestätigt bekommen wollen, was sie selber denken, werden Beifall klatschen. Deine Gegner aber haben so ein leichtes Spiel, Dich als unglaubwürdig und verrannt abzutun. Dabei könntest Du die Einheit in der Analyse betonen und Harari als Zeugen Deiner Analyse aufrufen, was bei dessen Popularität durchaus lohnend wäre; auf dieser Grundlage könntest Du seine Vorschläge zur Abhilfe als völlig unzureichend – oder meinetwegen sogar gefährlich – kritisieren (was Du dann aber ausführlich begründen müsstest).

Ich werde den Eindruck nicht los, dass sich hier ein sehr intelligenter und verdienstvoller Mensch verrannt hat. Und nur noch Feinde sieht. Und denkt, die „Klicker“ sind seine Freunde. Schade!

Freundliche Grüße, Andreas Matthies

Antwort von Norbert Häring

Lieber Herr Matthies,

zunächst einmal danke, dass Sie ohne das Wort Verschwörungstheoretiker auskommen, sondern ausformulieren, was Sie meinen. Das ist nicht selbstverständlich in diesen Tagen.

Sie meinen, bei meiner Kritik an Harari ein krampfhaftes Bemühen zu erkennen, sich die Dinge passend zu machen. Falls das heißen soll, dass ich mir Hararis Einlassungen passend zu meiner Kritik an Habermas mache, so trifft das nachweislich nicht zu. Ich habe die Kritik an Harari zum ersten Mal formuliert, als das zitierte Interview erschien. Ich hatte das Interview wegen der Kritik eine berühmten Menschen am heraufziehenden Totalüberwachungsstaat mit großem Interesse und zunächst mit Freude gelesen. Die Freude verflog aber schnell, als ich feststellen musste, dass Harari die Gefahr zunächst in drastischen Worten beschrieb, um sie dann zu verharmlosen und zu der maximal obrigkeitsgefälligen Schlussfolgerung zu kommen, wir müssten nur alle bessere Menschen werden, dann würde die Welt schon besser.

Sie argumentieren, es wäre angemessener und strategisch günstiger (um Leser nicht zu vergraulen), davon auszugehen, dass Harari das alles in voller intellektueller Redlichkeit genauso meint, wie er es schreibt, und einfach ein bisschen (sehr) naiv ist, wenn es um die Folgerungen geht. Ich solle mich doch freuen, dass er die Gefahr der Totalüberwachung thematisiert und als solche bezeichnet. Seine Analyse und seine Folgerungen könne ich ja unabhängig davon kritisieren.

Diese Position erscheint mir in sich widersprüchlich. Und zwar, weil Sie selbst thematisieren, dass man Menschen, die kritisch, aber noch ohne festgefügte Meinung sind, am besten überzeugen (oder manipulieren) kann, wenn man sie dort abholt, wo sie sich befinden. Gleichzeitig erklären sie meine Vermutung, dass Harari genau dieses tut, für abseitig. Sie halten es für wesentlich plausibler, dass der weltweit aktuelle meistgelesene Philosoph und Historiker, ein sehr naiver Mensch ist, der ausgeprägte innere Widersprüche in seinen Texten nicht erkennt.

Doch das Konzept des trojanischen Pferdes ist tausende Jahre alt. Die Strategie, gezielt diejenigen, die wegen bestimmter Aktionen der Regierungen oder sonstiger Eliten besorgt sind, zu beruhigen, indem man erst ihre Sorge aufgreift, um dann, wenn man das nötige Vertrauen gewonnen hat, die Analyse in eine harmlose Richtung zu drehen, hat Harari nicht erst entwickeln müssen. Das ist eingeübte Propaganda-Praxis und das erste, was ein Propagandist lernt.

Über Richard David Prechts Einlassungen habe ich seinerzeit nicht geschrieben, als er sie öffentlich machte. Denn bei ihm halte ich es durchaus für denkbar, dass sein Drang, der Mehrheit und den Einflussreichen zu gefallen, so groß ist, dass er solches Zeug schreibt, ohne so recht zu durchdringen, was er da tut. Möglichst zumindest, nicht unbedingt wahrscheinlich. Aber nachdem nun Habermas sich mit seinem Text so eindeutig als korrumpiert geoutet hat, schien es mir nicht angemessen, ihn wegzulassen.

Ich finde es übrigens bemerkenswert, um nicht zu sagen verräterisch, Herr Matthies, dass sie sich auf Harari beschränken, der es am klügsten anstellt. Aber. Wenn Sie es als zwingend betrachten, davon auszugehen, dass Harari intellektuell redlich ist, dann müssen sie das auch bei Habermas tun. Ich meine aber, bei ihm habe ich sehr deutlich gemacht, dass es nicht plausibel ist, dass ein berühmter Philosoph einfach mal so das zentrale Konzept der Verhältnismäßigkeit vergisst, beziehungsweise es plötzlich nur noch in negativer Einkleidung wahrnehmen kann.

Hier noch ein Auszug aus Hararis Selbstvorstellung von seiner (deutschen) Webseite, anhand der ich einlade, die Plausibilität Ihrer These zu überprüfen, dass Hararis obrigkeitsfreundliche Widersprüchlichkeit einer großen Naivität geschuldet ist, und nicht der Tatsache, dass er bestens mit den globalen Eliten vernetzt ist und diesen seinen Aufstieg verdankt (meine Fettungen):

Yuval Noah Harari ist Historiker, Philosoph und Autor. (…) Seine Bücher wurden in 65 Sprachen mehr als 35 Millionen Mal verkauft, und er gilt heute als einer der einflussreichsten öffentlichen Intellektuellen weltweit. (…) In den Jahren 2018 und 2020 hielt Yuval Noah Harari beim Weltwirtschaftsforum in Davos vielbeachtete Keynotes über die Zukunft der Menschheit. Er diskutiert regelmäßig mit Staatsoberhäuptern über globale Fragen und hat öffentliche Gespräche mit dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz, dem niederländischen Premierminister Mark Rutte und dem griechischen Premier Kyriakos Mitsotakis geführt. Er traf zudem mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, dem argentinischen Präsidenten Mauricio Macri, dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und der Bürgermeisterin von Shanghai, Ying Yong, zusammen. Im Jahr 2019 debattierte Harari in einem Videogespräch mit Facebook-CEO Mark Zuckerberg über Technologie und die Zukunft der Gesellschaft, und 2018 präsentierte er den allerersten TED-Vortrag, der als digitaler Avatar gehalten wurde.“

Replik von Andreas Matthies

Lieber Norbert Häring,

es tut mir leid, aber Ihre Replik auf mein Schreiben kann nicht den Eindruck auflösen, dass Sie die Äußerungen Hararis „passend zu machen“ versuchen. Im Gegenteil. Sie schreiben, dass Harari zwar eine Kritik am befürchteten „heraufziehenden Totalüberwachungsstaat“ formuliere, dies aber nur, „um sie dann zu verharmlosen und zu der maximal obrigkeitsgefälligen Schlussfolgerung zu kommen, wir müssten nur alle bessere Menschen werden, dann würde die Welt schon besser“.

Meine erste Kritik bezog sich nur auf die von Ihnen zitierten Stellen, nun habe ich mir erstmals das gesamte Interview von t-online durchgelesen. Ich finde aber keine Stelle, an der Hariri die Gefahr verharmlost! Sie haben auch kein Wort zitiert, das in diese Richtung geht. Vielmehr zeigt Harari auf, in welchen Situationen Staaten es besonders leicht haben, eine lückenlose Kontrolle zu etablieren, und warum dann auch bestehende Datenschutzgesetze kein absoluter Schutzwall mehr wären. Weiter führt er überzeugend an, über welche völlig neuen Mittel solche modernen Diktaturen verfügen könnten.

Das von Ihnen angeführte Zitat „Wir dürfen nicht immer nur auf das Negative in der Welt schauen“ bezieht sich nun keineswegs auf die Befürchtung einer Totalüberwachung. Zwischen seiner Aussage, ohne konsequenten Datenschutz sei „sonst ..die Versuchung zu groß, sie (die Überwachungsdaten, A.M.) auch für andere Zwecke zu nutzen“ und dem von Ihnen angeführten Zitat geht es in über 40 Textzeilen um ganz andere Themen wie das neue Buch Hararis, den Aufstieg des homo sapiens, künstliche Intelligenz, die Gefahr der Spaltung der Menschheit in wenige Profiteure, die den „Rest“ der Menschheit zur nutzlosen Kaste degradieren könnten, und anderes mehr; kurz vor dem Zitat werden die Themen Kriege, Konflikt und Kooperation verhandelt. Deshalb auch der folgende Satz im Zitat: „Es ist kein Naturgesetz, dass wir uns bekriegen müssen.“ Also kein Zusammenhang mit den Aussagen zur Überwachung. Und weder Verharmlosung noch Kniefall vor der Obrigkeit.

Und auch das dritte von Ihnen angeführte Zitat von Harari, von Ihnen als „Holzhammer“ gegen Überwachungskritiker charakterisiert, steht in anderem Zusammenhang. Nach wiederum über 40 Zeilen Ausführungen zur Rolle des Faustkeils, zur (angeblichen) historischen Bedeutung der Nadel, zum Erzählen von Geschichten und zur Rolle des Geldes stellt der Interviewer eine Frage zum Thema Verschwörungstheorien. Harari macht seine Meinung deutlich, ohne den geringsten Bezug zur Gefahr des Überwachungsstaates herzustellen. Er glaubt nicht, dass die ganze Welt von einer kleinen Elite kontrollierbar sei. Das bedeutet aber nicht, dass sich nicht in vielen Einzelstaaten die Dinge zum Überwachungsstaat entwickeln könnten. Dass allerdings selbst mächtige Regierungen oft das Gegenteil ihrer Planungen bewirken, verdeutlicht er gut nachvollziehbar am Beispiel des Krieges der USA gegen den Irak 2003.

Im Übrigen bin ich kein Anhänger Hararis. Ob ich ihn als „intellektuell redlich“ ansehe, wie Sie meinen, sei mal dahingestellt. Ich habe mich jedenfalls dazu nicht geäußert. Ich würde ihn als Populärhistoriker bezeichnen. Dass Sie ihn den derzeit „meistgelesenen Philosophen“ der Welt nennen, folgt offenbar seiner website, in der er sich selber als Philosophen bezeichnet. Mir scheint das nur dann gerechtfertigt, wenn man jeden Menschen, der sich Gedanken über die Welt macht, als Philosophen einordnen möchte. Ob es wirklich eine Tatsache ist, dass er seinen Aufstieg den globalen Eliten verdanke, wie Sie schreiben, mag jeder für sich selbst entscheiden. Dass Millionen Leser seine Bücher unterhaltsam finden und kaufen, dürfte auch eine gewisse Rolle gespielt haben. Das wiederum sagt nichts über die wissenschaftliche Qualität seiner Ausführungen. Es schließt weder Irrtümer noch Widersprüchlichkeiten aus. Nicht einmal Naivität. Aber das rechtfertigt nicht, seine Worte zu verdrehen.

Freundliche Grüße, Andreas Matthies

Antwort auf die Replik

Lieber Herr Matthies,

leider beginnt dieser Austausch für mich ärgerlich zu werden. Nachdem Sie mir in ihrem ersten Leserbrief einfach so unterstellten, meine Kritik an Harari sei von der Erwartung hoher Klickzahlen motiviert, stellt sich nun heraus, dass Sie es dafür nicht einmal für nötig befanden, das verlinkte Interview von Harari zu lesen. Das haben sie nun nachgeholt und erneuern und intensivieren auf dieser Basis ihre Kritik. Auf meine Erwiderung einzugehen unterlassen Sie dafür weitgehend. Aber gut, gehen wir zurück zum Start.

Sie haben Recht, dass sich Hararis Aufforderung, „nicht nur auf das Negative zu schauen“, nicht direkt auf die Gefahr der Totalüberwachung bezieht. Aber: Dass ich das zitiert habe, ist Resultat meiner Suche nach Empfehlungen, wer etwas gegen die von Harari aufgemalten Horrorszenarien tut kann und sollte, und was. Was ich in dieser Richtung gefunden habe, habe ich zitiert. Und das war eben neben der demokratischen Kontrolle der Regierungen das positive Denken und das „Wenn jedes Individuum sich besser verhält, wird auch die Welt besser.“

Wenn nun der Herr Philosoph erst die Gefahr des Übergangs zu Diktaturen, schlimmer als der unter Hitler und Stalin und dann die Kriegsgefahr drastisch beschreibt, und uns danach empfiehlt positiv zu denken und nicht nur auf das Negative zu schauen, so ist es für mich eine zulässige Interpretation, dass er uns einlädt, uns damit abzufinden, und zwar mit beidem, denn die Gefahren sind von ähnlicher Art und Größe.

Er hätte an dieser und jeder anderen Stelle auch sagen können, die Menschen müssten gegen die totalitären Tendenzen aufbegehren und auf die Straße gehen, um das zu verhindern, aber er hat es bei seinen naiven, obrigkeitsgefälligen Einladungen zur Gewöhnung oder zur von ihm selbst als kaum erfolgversprechend eingestuften Kontrolle der Bürger über das, was die Regierungen mit den vielen Daten tun.

Entgegen ihrer Einschätzung ist auch seine Einstufung der Diagnose einer heraufziehenden totalitären Weltregierung durchaus eng mit der Totalitarismusgefahr verbunden, die er vorne beschreibt – und steht in eklatantem Widerspruch dazu. Hier die zwei einschlägigen Stellen, erst hinten:

Verschwörungstheorien suggerieren, dass die ganze Welt von einer kleinen Elite kontrollierbar sei, dabei ist das vollkommen unrealistisch. Schaut man sich die Menschheitsgeschichte an, sieht man deutlich: Selbst die mächtigsten Regierungen sind oft ahnungslos, was geschieht. Sie machen Pläne – aber das genaue Gegenteil tritt ein.“

Und vorne (meine Fettungen):

Denn vollständige Überwachung kann eben nicht nur zur Verbesserung der Gesundheitsvorsorge genutzt werden.
Sondern auch für eine lückenlose Kontrolle der Menschen?
Genau, und zwar weltweit.
Moment, Sie meinen aller Menschen?
Ja, aller Menschen. Wir sind heute in der Lage, die perfekte Diktatur zu errichten. Es wäre ein autoritäres Regime, wie es dieser Planet noch nicht gesehen hat. Eine Diktatur, die schlimmer wäre als Nazideutschland oder die Sowjetunion unter Josef Stalin, ist heute denkbar.“

Dass alle IT-Konzerne, bei denen die allermeisten Daten der Weltbevölkerung zusammenlaufen, in den USA oder China sitzen, und in enger Kooperation mit der dortigen Regierung und dem dortigen „Sicherheits“-Apparat agieren, dürfte Ihnen bekannt sein. Harari ist es erkennbar bekannt. Wenn es ein totalitäres Regime zur Kontrolle „aller Menschen“ auf der Welt geben wird, dann wird der größere Teil davon sein Zentrum in den USA haben, der kleinere in China. Wenn Harari nach seiner Warnung vor einem totalitären Weltregime weiter hinten diejenigen als Verschwörungstheoretiker belächelt, die davon ausgehen, dass eine technokratische Elite die Weltbevölkerung kontrollieren möchte, fehlt es ihm an meiner Sicht an intellektueller Redlichkeit.

Replik zu Matthies von Franz Schneider

Hallo Herr Häring,

Ich gehöre keineswegs zu den Leuten, die alles, was Norbert Häring schreibt, kritiklos abnicken oder bestätigen. Das, was Andreas Matthies zu Yuval Hairi schreibt, scheint mir dagegen genau eine solche Haltung zu sein. Auch mit geringen textanalytischen Fähigkeiten erkennt man in den von Häring zitierten Textauszügen des Philosophen vor allem eines: Standortlosigkeit. Auch philosophisches Denken bedarf eines Standortes, wenn es sich nicht der Gefahr aussetzen will, in ein Denken als l’art pour l’art abzugleiten.

Prof. Dr. Franz Schneider

Harari, ein Philosoph der Beliebigkeit

Sehr geehrter Herr Haering,

Ich teile ihre Auffassung zu Harari; habe vor einigen Tagen die Lektüre „Homo Deus“ abgebrochen, weil für mich nicht erkennbar ist, wofür der Autor steht.
Hier ein Zitat von ihm, womit ich nichts anfangen kann: „Tatsache aber bleibt, dass die Menschheit heute nicht nur viel mächtiger ist als je zuvor, sondern auch viel friedlicher und kooperativer.“

Beste Grüße und herzlichen Dank für alles, G. Gärtner

Giorgio Agamben zeigt, dass Philosophen auch anders können

In einer Rede vor dem italienischen Senat am 7. Oktober 2021 mit dem Titel „Grüner Pass schlimmer als die Sowjetunion unter Stalin,“ sagte der international renommierte Philosoph Giorgio Agamben:

Ich möchte mich nur auf zwei Punkte konzentrieren, die ich den Abgeordneten zur Kenntnis bringen möchte, die sich zur Umwandlung der Verordnung über den grünen Paß in ein Gesetz äußern müssen.

Der erste ist die offensichtliche Widersprüchlichkeit des betreffenden Dekrets. Sie wissen, daß die Regierung sich mit einem speziellen Dekret von jeglicher Haftung für durch den Impfstoff verursachte Schäden befreit hat. Und die Schwere dieser Schäden ergibt sich aus der Tatsache, daß in Artikel 3 des Dekrets ausdrücklich die Artikel 589 und 590 des Strafgesetzbuches erwähnt werden, die sich auf fahrlässige Tötung und fahrlässige Verletzungen beziehen. Wie maßgebliche Juristen festgestellt haben, bedeutet dies, daß der Staat nicht bereit ist, die Verantwortung für einen Impfstoff zu übernehmen, der seine Testphase noch nicht abgeschlossen hat. Gleichzeitig versucht er mit allen Mitteln, die Bürger zur Impfung zu zwingen, indem er sie andernfalls aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließt und nun mit dem neuen Dekret, das Sie bestätigen sollen, ihnen sogar die Arbeitsmöglichkeit nehmen will.

Ist es möglich, frage ich, sich eine rechtlich und moralisch anormalere Situation vorzustellen? Wie kann der Staat diejenigen, die sich entscheiden, sich nicht impfen zu lassen, der Verantwortungslosigkeit bezichtigen, wenn derselbe Staat formell jegliche Verantwortung für mögliche schwerwiegende Folgen ablehnt? Ich möchte, daß die Abgeordneten über diese Widersprüchlichkeit nachdenken, die meiner Meinung nach eine juristische Ungeheuerlichkeit darstellt.

Der zweite Punkt, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, betrifft nicht das medizinische Problem des Impfstoffs, sondern das politische Problem des Gesundheitspasses, das nicht mit dem ersten zu verwechseln ist. Wissenschaftler und Ärzte haben gesagt, daß der Gesundheitspaß an sich keine medizinische Bedeutung hat, sondern dazu dient, Menschen zur Impfung zu zwingen.

Ich glaube eher das Gegenteil: Das heißt, der Impfstoff ist ein Mittel, um die Menschen zu einem Gesundheitspaß zu zwingen, nämlich zu einem Instrument der Kontrolle und Verfolgung sämtlicher Bewegungen der Personen – eine bisher beispiellose Maßnahme. Politikologen wissen seit langem, daß sich unsere Gesellschaften vom früheren Modell der ‚Disziplingesellschaft’ zu einer ‚Kontrollgesellschaft’ entwickelt haben; mit einer nahezu unbegrenzten digitalen Kontrolle einzelner Verhaltensweisen, die auf diese Weise quantifizierbar werden. Wir sind dabei, uns an diese Kontrollinstrumente zu gewöhnen, aber ich frage Sie: Bis zu welchem Punkt können wir diese Kontrolle akzeptieren? Ist es möglich, daß die Bürger einer vermeintlich demokratischen Gesellschaft in einer schlechteren Lage sind als die Bürger der Sowjetunion unter Stalin? Sie wissen vielleicht, daß die Sowjetbürger gezwungen waren, einen Passierschein für jede Reise von einem Ort zum anderen vorzulegen. Wir hingegen müssen den Paß zeigen, um ins Restaurant, ins Museum oder ins Kino zu gehen. Und jetzt sollen wir ihn sogar zeigen, um arbeiten zu gehen!…“

…Fortsetzung auf klonovsky.de

Autoritär-reaktionäres linkes Spießertum

Möchte Habermas künftig auch das Rauchen, gefährliche Sportarten, Alkohol und ungesunde Nahrungsmittel verbieten? Muss derjenige künftig mit Strafe rechnen, der seine Gesundheit durch zu wenig Ausgleichssport, Übergewicht oder unterlassene Vorsorgeuntersuchungen gefährdet? Wird künftig das Eingehen persönlicher Lebensrisiken unter Strafe gestellt? Möchte Habermas die Bevölkerung in Watte einpacken und wegsperren? Jürgen Habermas gehört mit seinem verfassungsfeindlichen Corona-Extremismus in jene neuartige politische Kategorie, die man mit „autoritär-reaktionäres Spießertum von links“ umschreiben kann.

Günter Kieren

Ein Dokument der persönlichen intellektuellen Abrüstung

Ein scharfsinniger und notwendiger Kommentar.

Ich hatte den Habermas-Text mit wachsendem Entsetzen gelesen. Habermas nimmt die Meinungsfreiheit in Anspruch, die jedem zusteht, soweit so gut. Zuallererst ist sein Text aber m.E. ein Dokument der persönlichen intellektuellen Abrüstung. Das war ein weiter Weg von der anspruchsvollen Denkfigur des „herrschaftsfreien Diskurses“ bis zur banalen Herabsetzung Andersdenkender.

Das passt „gut“ zum Publikationsort; die Blätter haben den Umzug von Frankfurt nach Berlin nicht gut verkraftet. Unter der Regie des Herrn von Luckow stehen sie seit einiger Zeit eben auch für intellektuelle Abrüstung mit der Tendenz zum unbeachtlichen Palaver entlang des Mainstreams.

Apropos Habermas: Ich erinnere mich etwas dunkel an Diskussionen vor ziemlich genau 50 Jahren in der sog. Grundsatzkonferenz des Berliner MPI für Bildungsforschung, an denen Habermas manchmal als Gast teilnahm. Eine damalige Kontroverse markiert für mich – aus heutiger Sicht – einen Nukleus für Zentralismus und Autoritarismus in seinem Denken. Es ging um den Anspruch, die eine universelle Gesellschaftstheorie zu entwickeln (und zu haben und zu vertreten), die zwar Ungleichzeitigkeiten zuließ, aber immer auf der Behauptung der Allgemeingültigkeit bestand (verkleidet als das Projekt der Moderne). Mit Habermas waren darüber die meisten Diskutanten mit wenigen Einschränkungen einig. Ich war dazu mit meiner schon damals ausgeprägten Neigung zu Minderheitspositionen in Opposition mit der These, der universalistische Anspruch sei überzogen und nichttragfähig, eben verbunden mit der Gefahr eines autoritären Denkens. Ich plädierte für eine bewusste Beschränkung auf Theorien begrenzter Reichweite, auf Theoriestücke statt Theorie-Totalität.

Deutsche Philosophen: Von den medial stärker markierten deutschen Philosophen ist immerhin Markus Gabriel bei #allesaufdentisch vertreten.

Jürgen Kunze

Richard Rorty über Freiheit und Wahrheit

Sehr geehrter Herr Häring,

ich lese so gut wie alles von Ihnen (auch Ihre Bücher, das nächste ist schon vorbestellt) und stimme in Vielem mit Ihnen überein. Diesmal reizt es mich als studierter Philosoph, Ihre Ausführungen zu ergänzen bzw. weiterzudenken. Zu den weiteren, leider sehr wenigen Philosophen, die kritisch Stellung in dieser Zeit beziehen, sind auch Michael Esfeld oder Robert Pfaller zu nennen. Sicherlich wäre auch Kant ein Corona-Kritiker. Kant fordert in seiner kleinen Schrift „Was ist Aufklärung?“, den Wert der Freiheit zu erkennen: „Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit: und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty (1931-2007) hat in einem Interview, das bezeichnenderweise mit „There is a crisis coming“ betitelt wurde, gesagt:

Mein Slogan lautet: Wenn man sich um die Freiheit kümmert, kümmert sich die Wahrheit um sich selbst. Eine wahre Aussage ist nur dann wahr, wenn sich eine freie Gemeinschaft darauf einigen kann, dass sie wahr ist. Wenn wir uns um die politische Freiheit kümmern, bekommen wir die Wahrheit als Bonus.“ Anders herum: Wenn wir die Freiheit verlieren, verlieren wir auch die Wahrheit und die Gemeinschaft.“

Mit freundlichen Grüßen, Matthias Reitenbach

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