Es gibt noch mehr innere Widersprüche bei Weidmann

Sehr geehrter Herr Dr. Häring, vielen Dank für Ihre ausgezeichneten Beiträge. Vor gut einem Jahr hatte ich eine eigene Kritik zu den Antinomien der geldpolitischen Wünsche des Jens Weidmann geschrieben.

N.H. Vielen Dank, für den Hinweis, Herr Stöcker. Das ist ein gut argumentierter Beitrag zu einem wichtigen Punkt.

Es gibt einen weiteren Punkt in der Argumentation von Weidmann, den man so auch bei Prof. Sinn et. al. findet: „So floss reichlich Kapital

unter anderem von den Kernländern des Euro-Raums wie Deutschland und Frankreich in die Peripherie.“ Dies ist eine völlig falsche Vorstellung von der Funktionsweise eines Kreditgeldsystems, die auf der Loanable-Funds-Theorie basiert. Ich hatte hierzu vor kurzem im Herdentrieb eine längere Diskussion (# 14 ff.)

N.H. In der Tat. Wie Fabian Lindner in siener Kritik der Loanable Funds Theorie festgestellt hat, haben die französichen Banken sowohl daheim, als auch in Spanien ihre Kreditvergabe deutlich ausgeweitet.

 Ich stimme mit Ihnen übrigens überein, dass Mayer unser Geldsystem nicht verstanden hat.

N.H. Das ist ein Missverständnis. Die entsprechende Überschrift eines Beitrags bezieht sich auf eine Lesermeinung. Meine Meinung ist das nicht. Ich halte Mayer vielmehr für einen hervorragenden Versteher unseres Bank- und Geldsystems. Dass er libertären, “österreichischen” Sichweisen zuneigt, bewegt sich auf der Weltanschauungsebene, nicht auf der analystsichen Ebene. Dort ist er hervorragend.

Immerhin macht er sich aber die Mühen und denkt wenigsten über Alternativen nach. Nach seinem etwas hilflos wirkenden Interview bei den Geldpiraten 2012 ist er dann aber wohl auf den österreichischen Zug aufgesprungen und irrt damit genauso orientierungslos durch die metallistische Geldtheorie wie die Vertreter des Chartalismus (MMT1, MMT2, das Große und Ganze). Beide enthalten ein bisschen Wahrheit, treffen aber die Realität eines Kreditgeldsystems nur unzureichend (meine Sicht der Dinge finden Sie unter Geldmythen und Bankmythen). Ansonsten stimme ich allerdings mit vielen Aussagen von Leser Wilfried Müller überein. Die gegenwärtigen Probleme liegen aber nicht nur in einem fehlerhaften Verständnis über unser Geldsystem sondern vor allem in dem Jahrtausende alten Matthäus-Effekt.

 Ihr Beitrag „Never Waste a Good Crisis” ist übrigens schon starker Tobak. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass es sich um fehlerhafte Theorien handelt, die die intellektuelle Basis für die aktuelle Geldpolitik bilden. Immerhin hatte ich vor einigen Jahren auch noch solchen Unsinn geglaubt. Aber wie gesagt, dies ist nur eine unbegründete Hoffnung.

N.H. Ihr Mangel an Zynismus ehrt Sie. Ich werde allerdings, um Sie zu überzeugen, dass hier durchaus zielgerichtet vorgegangen wird,  in Kürze Herrn Schäuble zitieren.

 Mit besten Grüßen, Michael Stöcker