Einer Analyse des Marktforschungsunternehmens NetworkNurture Hub zufolge gaben US-Schulen 2024 bereits 30 Mrd. Dollar für Lernsoftware und -hardware aus, etwa zehnmal soviel wie für Schulbücher. Befördert und ermöglicht wurde das stark steigende Budget für digitale Lernmittel von Förderprogrammen der Bundesregierung und der Bundesstaaten, wie es sie auch in Deutschland gibt.
Das Ergebnis: Die Generation Z, die für diesen Feldversuch ungefragt herhalten durfte, ist die erste Generation der Neuzeit in den USA und vielen anderen Industrieländern, deren geistige Fähigkeiten geringer sind als die der Vorgängergeneration. Diese Diagnose und Schlussfolgerungen daraus präsentierte der Neurowissenschaftler Jared Cooney Horvath am 15. Januar einem Ausschuss des US-Senats.
Der Wissenschaftler referierte Erkenntnisse aus internationalen Bewertungen und akademischen Studien, die zeigten, dass eine erhöhte Bildschirmnutzung im Unterricht in der Regel mit schwächeren Lernergebnissen einhergeht, nicht mit besseren. Das liege daran, dass die Art, wie digitale Plattformen und auch Lernmittel darauf ausgerichtet sind, Aufmerksamkeit zu erregen und zu fesseln, die Entwicklung von geistigen Fähigkeiten nicht fördere, sondern behindere. Als größtes Problem nannte er die Fragmentierung der Aufmerksamkeit und den schnellen Wechsel von Aufgaben.
Hinzu kommt, dass Menschen nicht so gut darin sind, Bildschirminhalte aufzunehmen wie solche, die auf Papier präsentiert werden. Und anders als man erwarten könnte, werden sie bei ersterem mit zunehmender Gewöhnung an das Bildschirm-Lesen nicht besser. Eine 2018 veröffentlichte Studie, die den Wissensstand aus seit Anfang des Jahrtausends veröffentlichten Studien zusammenführte, ergab einen deutlichen Vorteil bei der Informationsaufnahme von Papier gegenüber Bildschirmen. Dieser ist besonders groß, wenn die verfügbare Zeit begrenzt ist. Der Nachteil des Bildschirmlesens erwies sich als bei Digital Nativs genauso groß wie bei Älteren, die nicht mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Er nahm auch im Lauf der Jahre zu, statt ab. Es handelt sich also offenbar nicht um ein Übergangsproblem, das sich von selbst löst, wenn der Mensch sich an das Bildschirmlesen gewöhnt und die dafür optimalen Fähigkeiten erworben hat.
Während im 20. Jahrhundert außerhalb Kriegszeiten die geistigen Fähigkeiten von einer Generation zur nächsten beständig zunahmen, gibt es Horvath zufolge seit etwa 20 Jahren einen gegenläufigen Trend: Vielfältige Indikatoren zeigten, dass in den OECD Ländern die Fähigkeit zu lesen und zu rechnen, die Problemlösungsfähigkeit, Kreativität und allgemeine geistige Leistungsfähigkeit von Jugendlichen stagniere oder abnehme.
In dieser Zeit wurde der Schulunterricht immer mehr digitalisiert. Ein gutes Viertel der Lehrer in den USA ließ einer Umfrage zufolge schon 2022 die Schüler täglich drei bis vier Stunden den Computer im Unterricht nutzen, ein weiteres gutes Viertel sogar mindestens fünf der durchschnittlich sieben Stunden eines Schultags. Dabei nutzten die Schüler, Horvath zufolge, die Computer mehr als die Hälfte der Zeit für andere Betätigungen als die vorgesehenen.
Eine Auswertung der PISA-Vergleichsstudien des Leistungsstands 15-jähriger in OECD-Ländern ergab, dass die Leistungen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften um so geringer sind, je intensiver Computer im Unterricht eingesetzt werden. Für jüngere Schüler erbrachte die TIMSS- Studie (Trends in International Mathematics and Science Study) das gleiche Ergebnis, unabhängig vom Einkommensniveau der untersuchten Länder.
Einige der abgeleiteten Empfehlungen für den US-Kongress sind ebenso für die deutsche Bildungspolitik hochrelelvant und beachtenswert:
- Keine Förderung von Schuldigitalisierung ohne wissenschaftlichen Nachweis der Effektivität
- Sicherstellung, dass Daten über die Schüler nicht missbraucht werden
- Alle, die mit Entscheidungen über Förderung oder Anschaffung von (digitalen) Unterrichtsmitteln zu tun haben, müssen Interessenkonflikte offenlegen
- Beurteilungs- und Prüfmaßstäbe für Unterrichtsmittel offenlegen
- Förderung von Forschungsvorhaben zu den insbesondere langfristigen Ergebnissen von digitalisierter Lehre
- Einrichtung einer zentralen Plattform des Bundes, auf der für alle Länder und Kommunen einsehbar wissenschaftliche Studien zum Thema Schuldigitalisierung gesammelt werden
Fazit
In Anbetracht der starken Anzeichen dafür, dass Digitalisierung des Unterrichts den Kindern und Jugendlichen mehr schadet als nützt, darf es Digitalisierungsförderung von Bund und Ländern nur geben, wenn es valide Nachweise gibt, dass die geförderten Maßnahmen den Schülern nützen. Bund, Länder und Kommunen dürfen dem Lobbying und den Lockangeboten der IT-Konzerne zum Schaden der Schüler nicht länger nachgeben. Zwar ist sehr wahrscheinlich die exzessive Nutzung von Computern für Spiele, Social Media und anderes in der Freizeit noch schädlicher für die Kinder und Jugendlichen als die Digitalisierung des Unterrichts, aber es gibt wenig Grund zur Annahme, dass es hilfreich ist, Schüler, die in der Freizeit viel zu viel Zeit am Bildschirm verbringen, auch noch in der Schule vor einen Bildschirm zu setzen. Die Grundannahme sollte sein, dass die Schule der Ort zu sein hat, wo junge Menschen lernen, sich zu konzentrieren und auch solche Aufgaben zu lösen, die nicht in kleine Häppchen mit sofortiger Belohnung aufgeteilt sind.