Für Deutschland ist Anja Lehmann von der gemeinnützigen Forschungseinrichtung Hasso-Plattner-Institut Ansprechpartnerin der Gruppe, für Österreich ist es René Mayrhofer vom Institute of Networks and Security der Universität Linz und für die Schweiz Carmela Troncoso vom Max Planck Institute for Security and Privacy in Bochum.
In der Erklärung heißt es zusammenfassend (in meiner Übersetzung):
„Wir schreiben Ihnen in Reaktion auf die weltweiten Initiativen zur Einführung von Technologien zur Altersüberprüfung, mit denen der Zugang zu Internetdiensten kontrolliert werden soll. Wir teilen die Besorgnis über die negativen Auswirkungen, die schädliche Online-Inhalte auf Kinder haben können, und begrüßen es, dass Regulierungsbehörden weltweit Zeit und Mühe investieren, um Kinder zu schützen. Wir befürchten jedoch, dass die neue Regelung, wenn sie ohne sorgfältige Abwägung der technologischen Risiken umgesetzt wird, mehr Schaden als Nutzen bringen könnte.“
Zu den befürchteten Schäden zählen die Wissenschaftler:
„Aktuelle Diskussionen über die Notwendigkeit einer Regulierung von sozialen Medien, KI-Chatbots oder Instant Messaging würden erfordern, dass alle Nutzer – Minderjährige und Erwachsene – ihr Alter nachweisen müssen, um mit Freunden und Familie zu kommunizieren, Nachrichten zu lesen oder nach Informationen zu suchen; dies geht weit über das hinaus, was jemals in unserem Offline-Leben geschehen ist.“
Außerdem weisen sie darauf hin, dass der Zugang zu Informations- und Kommunikationsplattformen für viele Minderjährige, die ausgeschlossen würden, auch große Vorteile bieten könne und für manche von ihnen enorm wichtig sei, etwa um Isolation zu durchbrechen. Dabei sei nicht einmal gewährleistet, dass die Alterskontrollen funktionieren und tatsächlich die Missstände beseitigen, um die es geht. Die Wissenschaftler befürchten, dass viele Jugendliche und Erwachsene auf zwielichtige, unregulierte Plattformen ausweichen würden und Opfer von Schadsoftware und Betrugsmaschen werden könnten.
Die Computerexperten warnen, es werde „eine Infrastruktur geschaffen, die dazu missbraucht werden könnte, den Zugang zu Internetdiensten aus Gründen zu sperren, die nichts mit Sicherheit zu tun haben“. Aus diesen und weiteren Gründen fordern sie von der Politik ein Moratorium für verpflichtende Alterskontrollen, bis geklärt ist, ob der Nutzen wirklich die Schäden überwiegt.
Sie weisen darauf hin, dass es ursachengerechtere Maßnahmen ohne diese Nebenwirkungen gibt. Diese sollten zuerst umgesetzt werden. Dazu zählen sie das Unterbinden der Nutzung manipulativer und suchterzeugender Algorithmen, die den Nutzern der Plattformen unablässig neue reizintensive Inhalte ausspielen. Auch sollten den Eltern effektive Instrumente an die Hand gegeben werden, mit denen sie ihre Kinder vor schädlichen Inhalten im Internet bewahren können.