Der Erfolg der Bargeldpetition reizt die „Zeit“ zu einem unausgegorenen Stück Gegenpropaganda

14. 01. 2026 | Die Zeit hat die Bemühungen von Hansjörg Stützle und Hakon von Holst um den Bargelderhalt mit einer langen Reportage geadelt. Über 300.000 Unterschriften unter seine Petition machte offenbar eine Attacke auf die Initiatoren nötig. Die Hinterhältigkeit, mit der ihre Positionen verfälscht werden, lässt darauf schließen, das ihre Argumente zu gut sind, um ehrlich und fair widerlegt zu werden.

Zeit-Journalist Fabian Franke hat den Mitinitiator der Bargeldpetition an das Europäische Parlament und Betreiber der Netzseite Bargeldverbot.info, Hansjörg Stützle getroffen. Mit Mitinitiator Hakon von Holst hat er korrespondiert. Das Ergebnis ist eine längere Reportage über ihr Wirken. Schon der Vorspann zeigt, wohin die Reise geht: „Bargeldverfechter finden, am 50-Euro-Schein hänge unsere Freiheit. Und finden Zuspruch. Besonders von rechts.“

Da Franke nicht allzu viel hat, um Stützle und die Bargeldverteidiger in die rechte Ecke zu schieben, außer dass dieser einmal Roland Tichy ein Interview gegeben hat, greift er zu einem frei assoziierten Vergleich und reißt Aussagen aus ihrem Zusammenhang. Weil Stützle sagt, Digitalzahler handelten unreflektiert, sie seien durch Werbung beeinflusst, klingt er für Franke angeblich „wie einst die Kritiker der Coronamaßnahmen, die andere als „Schlafschafe“ bezeichneten“.

Mit der Einführung öffentlicher Digitalwährungen wie dem digitalen Euro würden Strukturen geschaffen, die bei einem Regimewechsel zur „totalen Kontrolle“ genutzt werden könnten, soll Stützle in dem Interview mit Roland Tichy gesagt haben, ein weiteres angeblich rechtes Narrativ. Tatsächlich standen die Sätze zur „totalen Kontrolle“ aber eindeutig in keinerlei Zusammenhang mit dem digitalen Euro, sondern waren auf ein Szenario gemünzt, in dem das Bargeld beseitigt wäre (YouTube-Video, ab min 16:25).

Possierlich wird es, wo der für Bargeld zuständige Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz damit zitiert wird, dass er „der Gefahr eines Überwachungsstaates widerspricht“ und „vor dem Narrativ eines Feldzugs gegen das Bargeld warnt“. Da werde „vieles durcheinander geworfen und vermengt“. Denn Abschaffen wolle das Bargeld in Wahrheit niemand, und die Bundesbank baue ihr Verteilnetz in Deutschland sogar aus.

Balz Vorgänger Carl-Ludiwg Thiele veranstaltete 2017 den internationalen Kongress „War on Cash“: Bundesbank-Zentralbereichsleiter Bargeld Stefan Hardt sprach 2016 im NRW-Landtagsausschuss vom „War on Cash“. Ausgerufen hat diesen „Krieg dem Bargeld“ das Kreditkartenunternehmen Mastercard schon vor 20 Jahren. Und im Bundestag fanden Veranstaltungen unter dem Titel „Welt ohne Bargeld“ statt. Niemand will also das Bargeld abschaffen? Bei Herrn Balz geht tatsächlich einiges durcheinander, und bei der Zeit, die das unkritisch abdruckt, auch.

Noch mehr von dem, was Balz sagt, ist nämlich falsch, oder zumindest sehr fragwürdig. Dass die Bundesbank ihr Verteilnetz ausbaut, kann man – freundlich ausgedrückt – als Augenwischerei bezeichnen. Der Handelsverband beklagt etwas anderes, nämlich, dass die Wege für die Bargeldbranche immer länger werden, weil die Bundesbank ihr Filialnetz immer weiter ausdünnt.

Die Bundesbank hat kontinuierlich Filialen abgebaut und privatisiert damit die Bargeldversorgung, was die Kosten erhöht für Banken und Handel, die den Geldtransport bezahlen müssen. Für Händler wird es damit auch schwieriger, selber Münzgeld bei der Bundesbank einzuzahlen anstatt bei Privatbanken, bei denen das immer teurer wird. Die Zahl der Bankfilialen geht aus den jährlichen Geschäftsberichten der Bundesbank hervor. Im April 2000 waren es noch 135. Heute sind es 31. Und bis 2039 sollen es nur noch 23 sein.

Seine Hausaufgaben hat Franke – nicht nur daran erkennbar – nicht gemacht. „Während sich mit den digitalen Bezahlmethoden viel Geld verdienen lässt, ist Bargeld für kein Unternehmen ein lohnendes Geschäftsmodell“ behauptet er, gerade so als gäbe es keine Bargeldbranche.

Auch mit der Logik haben es der Autor und diejenigen, die seinen Text bei der Zeit redigiert haben, nicht so. Was Konsumenten wollen, komme in Stützles Erzählung nicht vor, kritisiert Franke. Die 38%, die er anführt, die am liebsten mit Karte bezahlen, sind aber eine Minderheit. Warum das ein Argument dagegen sein sollte, Bargeld zu bewahren, erschließt sich nicht. Dasselbe gilt für den Befund, dass sich die allermeisten neben Bargeld eine weitere, digitale Bezahlmethode wünschen. Niemand fordert Abschaffung oder Verbot digitalen Bezahlens.

Stützle habe das Lokal, in dem sie sich trafen, ausgewählt, „weil er weiß, dass man dort bar zahlen kann“, hat sich Franke ausgedacht, weil es so schön passt und die Reportage aufwertet. Stützle weist das, wie manches andere ihm Untergeschobene in dem Artikel, von sich. Er kenne kein Lokal in Friedrichshafen in dem man nicht bar zahlen kann, sagt er.

Ich könnte noch eine Weile weitermachen, den Beitrag zu zerpflücken. Aber das würde nur von der frohen Botschaft ablenken, dass der Widerstand gegen den „War on Cash“ wirkt und Gegenpropaganda von Leitmedien provoziert, die von den großen Werbebudgets der Krieger gegen das Bargeld regelmäßig ihren Teil abbekommen.