„Worum es bei Fake News wirklich geht“ , heißt der Beitrag des Deutschlandfunks vom 20. August. Darin erfahren wir zu unserer Überraschung, dass es bei Fake News oft gar nicht um falsche Fakten gehe, sondern um Fakten, die „in einen falschen Rahmen“ gestellt werden, die für das Falsche genutzt werden. Das Falsche ist dabei — unausgesprochen, aber deutlich — Kritik an den Regierenden und dem Funktionieren der Herrschaftsinstitutionen. Mit anderen Worten: Fakte News ist, wenn das Rahmen der Fakten nicht mit dem offiziellen Rahmen übereinstimmt. Deshalb gehe man (wer „man“ ist, wird nicht ausgeführt), nun „weg vom Inhalt“, also dem Faktenchecken, hin zum „großen Ganzen“. Das große Ganze ist das kritische Milieu, der Quell der Kritik und ihrer Verbreitung. Er soll zum Versiegen und unschädlichem Versickern gebracht werden.
Alle Experten, die aufgeboten werden, kommen von einem 2024 gestarteten, großen und aufwendigen Forschungsprojekt, das von den großen staatlichen Institutionen der Wissenschaftsförderung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, DFG, FWF und SNF, finanziert wird. „Connecting the Dots“ heißt das internationale Forschungsprogramm. Es wird geleitet von Nils Kumkar von der Uni Bremen und Markus Brunner, Sozialpsychologe und Soziologe“ an der Sigmund Freud Privat Universität (SFU) Wien. Mit dabei sind die Kultursoziologin Sarah Speck von der Uni Frankfurt (Oder) und Oliver Nachtwey von der Universität Basel.
Es soll in dem Projekt darum gehen, die Produktion von Verschwörungstheorien und deren politische Wirkmächtigkeit als „kollaborativer sozialer Prozess“ zu untersuchen. Was der Staat für sein Forschungsgeld erwarten darf, steht zwar nicht in der Programmbeschreibung, wohl aber (auf Englisch) in einer ersten Veröffentlichung des Forscherteams mit dem Titel „Doing Conspiracy Theory“:
„Indem der Untersuchungsschwerpunkt auf die Vermittlung von Verschwörungstheorien verlagert wird und die Kontingenz bei der Stabilisierung der Kommunikation von Verschwörungstheorien hervorgehoben wird, ergeben sich vielfältige Ansatzpunkte für Interventionen.“
Der politische Kampfbegriff Verschwörungstheorie kommt in dem Aufsatz im Journal of Political Sociology in Abwandlung über 300 Mal vor, obwohl die Autoren zugeben, dass sie ihn nicht definieren können und es sich nur um eine „Heuristik“ handelt, also eine fehleranfällige Verständnishilfe, die man später vielleicht werde verwerfen müssen. Sie wird von den Forschern als Synonym für tief sitzendes Misstrauen gegenüber den Regierenden und ihren Institutionen gebraucht. Wo sie gelegentlich das wissenschaftlich-neutralere Synonym „umstrittenes politisches Wissen“ verwenden, wird die Verwandschaft zu den „schädlichen Inhalten“ im Digital Services Act der EU deutlich.
Auf gut Deutsch steht in dem obigen Zitat also: Liebe Regierung: indem wir untersuchen, wo mögliche Bruchstellen in der Kommunikation von Kritik und Misstrauen über Milieus hinweg liegen, helfen wir dir, diese auszunutzen, und zwar so, dass keine wirksame Protestbewegung entstehen kann. So will man politische Soziologie für „praktische politische Strategien“, also für die Regierung gegen Fundamentaloppostion, nutzbar machen. Denn, so erfahren wir im Beitrag des Deutschlandfunks: „Sorgen machen nicht so sehr die Fakten, sondern was damit politisch gemacht wird.“
Das Ziel der Forschungsgeldnehmer besteht zum einen darin, die psychologischen Motive derer zu erforschen, die „Verschwörungstheorien“ weiterverbreiten, unabhängig davon, ob sie im Detail alles glauben oder nicht. Da kommen dann solche Motive zum Vorschein wie das Erheischen von Aufmerksamkeit und von Anerkennung als kritischer Durchblicker. Zum anderen wollen sie die Schwierigkeiten und möglichen Bruchstellen einer Verbreitung dieser „Verschwörungstheorien“ über verschiedene Milieus identifizieren.
Die Interventionen, die dort ansetzen könnten, wurden zwar (noch) nicht ausbuchstabiert. Aber es ist nicht schwer, sie sich vorzustellen. Man muss es hinbekommen, das was die verschiedenen Milieus trennt und unterscheidet zu betonen und gegenseitiges Misstrauen oder Abneigung zu produzieren. Damit zum Beispiel die Libertären mit ihrer Kritik an einem übergriffigen Staat keinen Anklang bei ganzheitlich-spirituell eingestellten Menschen finden und umgekehrt. Damit rechtskonservative und linke Kriegsgegner nicht miteinander reden und nicht miteinander auf die Straße gehen.
Die Protagonisten
Erfolgreich den Mächtigen angedient hat sich Projektleiter Markus Brunner unter anderem mit zwei Untersuchungen der „Narrative – Motive – Einstellungen“ des Corona-Protestmilieus aus den Jahren 2021 und 2023. Darin zeigte er ihnen sehr deutlich, wes Geistes Kind er ist. Er deutetete die Proteste gegen staatliche Maßnahmen in Proteste von Menschen mit Tendenz zu einem rechtsexrem-autoritären Weltbild um. Und das, obwohl er selbst festgestellt hat, dass über 80% der Protestierer Demokratieanhänger sind. Die angebliche Tendenz zum Rechtsextremismus leitete er daraus ab, dass die Protestierenden das „angebliche“ Kindswohl „strategisch“ in den Vordergrund stellen würden (2021, S.52f). Weil immer wieder auch warnend auf den Nationalsozialismus verwiesen worden und „Verschwörungstheorien“ verbreitet worden seien, die immer auch antisemitisch seien, dichtete er dem Milieu auch noch einen starken Hang zum Antisemitismus an. Schon damals ging er unhinterfragt davon aus, dass der Staat im Großen und Ganzen recht hat und die Protestierenden im Großen und Ganzen unrecht und setzte deshalb ihr „Misstrauen in demokratische Institutionen“ mit Verschwörungsdenken und Autoritarismus gleich. Mit dieser Grundannahme, dass Protestierer unrecht haben, macht er weiter, obwohl inzwischen eigentlich fast jeder weiß, dass zumindest der Richtung nach stimmte, was er 2023 als Essenz der Maßnahmenkritik herausfand:
„Die Befragten sind überwiegend der Meinung, dass Politik, Medien und Expert:innen die vom Virus ausgehenden Risiken deutlich überschätzen. Demnach erachten 71,5% das Virus als nicht gefährlicher als eine herkömmliche Grippe; demgegenüber erachten 90,8% der Befragten die psychischen Folgen der Pandemie als gravierender als die gesundheitlichen Auswirkungen.“
Diese hartnäckige Lernresistenz kann ich mir nur mit dem berühmten Satz von Upton Sinclair erklären: „Es ist schwierig, jemandem etwas verständlich zu machen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht!“ „Sein Gehalt“ darf man hier ersetzen durch „ein sehr großer Forschungsauftrag“. Es handelt sich hier klar um einen Fall der institutionalisierten Korruption.
Nils Kumkar hat sich durch Forschungen und Publikationen zur Polarisierung als Ko-Leiter des Projekts qualifiziert, einschließlich der für die Mächtigen und dieses Projekt besonders interessanten Frage, „wie man produktiver spalten kann“. Auch zu „alternativen Fakten“ hat er Herrschaftsstützendes herausgefunden. Diese Gegenentwürfe zu den Narrativen der Mächtigen, bezeichnet er, nicht ganz wissenschaftlich objektiv, als „kommunikative Realitätsdestruktion, die es erlaubt, wider besseres Wissen weiterzumachen wie bisher“.
Auch Oliver Nachtwey hat in seinen Forschungen überdeutlich gemacht, dass er die Voraussetzung für einen Hofsoziologen erfüllt, sich bei seinen Analysen des Protestmilieus nicht wissenschaftlich neutral zu verhalten, sondern sich uneingeschränkt auf die Seite der Mächtigen und der Geldgeber zu schlagen. In einer Studie zu den „Quellen des ‚Querdenkertums‘“, die er im Auftrag der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung verfasste, stellte er gegen extreme Corona-Maßnahmen Protestierende und der Impfung skeptisch Gegenüberstehende als verblendet, die Willfährigen und Impfwilligen ungeprüft als vernünftig dar. Er ließ dazu in einem Interview wissen, dass „eine sachliche, wissenschaftlich evidenzbasierte Aufklärung mit Maßnahmenkritikern relativ wirkungslos“ sei, denn „die sind sehr, sehr häufig in einem bestimmten Tunnel drin und nehmen kognitiv eigentlich nur die Informationen wahr, die zu ihrem Argument passen.“ Das garnierte er mit konkreten Empfehlungen zur Erhöhung der Impfquote. In seinem im Oktober 2025 erschienenen Buch (mit Carolin Amlinger) „Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus“ setzt er Kritik an der Performance demokratischer Institutionen und an Wokismus und offenen Grenzen, die er liberale Demokratie nennt, gleich mit Zerstörungslust und einem Faschismus, der sich als Wunsch nach Erneuerung der Demokratie tarne. Finanziert wurde das Forschungsprojekt von der Open Society Foundation. Selbst ein Rezensent von der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung findet Nachtweys Pathologisierung des politischen Gegners unangemessen und polarisierend.
Sarah Speck, deren Schwerpunkt bisher eher auf Genderforschung lag, hat sich bisher nicht als Hofsoziologin der Mächtigen profiliert, hat aber zusammen mit Kumkar den erfolgreichen Förderantrag gestellt und ist damit auf einem guten Weg.
Fazit
Bei meinen Analysen des Wahrheitskomplexes habe ich die Wissenschaftler zwar immer mit genannt, ihre Arbeit im Dienste der Durchsetzung der offiziellen Wahrheit aber wegen der Vielzahl und Vielfältigkeit der Projekte und der Beteiligten noch nicht vertieft analysiert. Diese Lücke soll dieser Beitrag etwas kleiner machen. Es zeigt sich, dass sich der Schwerpunkt der staatlichen Aktivität zur Unterdrückung von Protest verlagert von der Abschottung der noch nicht vom Protestvirus Infizierten durch Faktenchecks und Prebunking, hin zum Unterbinden der Ausbreitung des kritischen Gedankenguts innerhalb und zwischen den kritischen Milieus.
Das heißt nicht, dass man damit rechnen sollte, dass Faktenchecker nicht mehr gefördert und eingesetzt werden würden. Sie werden weiterhin gebraucht, um den Journalisten der Mainstream-Medien klar zu machen, was sie als wahr akzeptieren und verbreiten dürfen, und was nicht. Auch das Prebunking wird weitergehen, also die Immunisierung der noch nicht von schädlichem Gedankengut Infizierten, indem ihnen beigebracht wird, das die Stilmittel des Protests ein sicheres Indiz für Fake News sind. Es bedeutet nur, dass diese Formen des Umgangs mit Protest bereits gut erprobt und durch Verhaltensforschung ausreichend unterfüttert sind, sodass sich die „praktische politische Strategie“ stärker der nächsten, schwierigeren, aber noch lohnenderen Ebene zuwenden kann. Skrupellose oder im Selbstbetrug geübte Wissenschaftler, die ihre Überzeugungen und Loyalitäten geschmeidig nach dem Strom der Fördergelder ausrichten können, bieten dafür gern ihre Dienste an.
Hinweis zum Urheberrecht: Beiträge auf diesem Blog können, soweit nicht ausdrücklich ausgeschlossen, frei von anderen Portalen übernommen werden. Bedingung ist die gut erkennbare Nennung der Quelle und der Originalüberschrift (falls nicht identisch) sowie die Einbettung eines Links zum Original. Textliche Ergänzungen, Kürzungen oder andere inhaltliche Veränderungen des Originalbeitrags müssen durch einen aussagekräftigen Hinweis kenntlich gemacht werden. Kein Kanal darf ohne ausdrückliche Genehmigung mehr als drei Beiträge in einem Kalendermonat übernehmen.