Im zweiten Monat in Folge hat der DWD in seiner Pressemitteilung zum „Deutschlandwetter im September 2026“ darauf verzichtet, die von ihm bisher in Pressemitteilungen in den Vordergrund gestellte Vergleichsperiode von 1961 bis 1990 die „international gültige Referenzperiode“ zu nennen. In den Mitteilungen zum Wetter im August und im Sommer 2026 war dies zum ersten Mal geschehen. In der Meldung zum Juli hatte es dagegen noch geheißen: „Der Wert der international gültigen Referenzperiode 1961 bis 1990 wurde um 2,8 Grad überschritten.“
Mit der tatsächlich seit Anfang 2021 international gültigen Referenzperiode von 1991 bis 2020 vergleicht der DWD das aktuelle Wetter bis heute regelmäßig nur in zweiter Linie. Da die jüngere Periode im Durchschnitt wärmer war, bewirkt der vorrangige Vergleich mit der älteren Periode, dass der DWD in den Pressemitteilungen zumeist eine größere Erwärmung verkünden und öfter ein „zu warm“ oder „viel zu warm“ in die Überschrift schreiben kann als es der Fall wäre, wenn er die vereinbarte neuere Referenzperiode vorrangig nutzen würde. Der vom DWD in den Vordergrund gestellte Vergleich — und zumeist nur der — wird dann von den Massenmedien an das breite Publikum weitergegeben.
Seit August 2024 habe ich die Öffentlichkeit und den DWD immer wieder darauf hingewiesen, dass die Behauptung von der international gültigen Referenzperiode 1961 bis 1990 seit Anfang 2021 falsch ist. Ich verwies dafür auf eine öffentliche Mitteilung des DWD von Februar 2021 zur Umstellung der Referenzperiode auf 1991 bis 2020. Der Wetterdienst antwortete im August 2024 nicht auf meine Bitte um Stellungnahme und hat auch später nicht auf meine kritischen Berichte reagiert. Er setzte die gleiche Falschbehauptung ungeniert weiter in alle Pressemitteilungen. Diesmal bekam ich allerdings eine Antwort auf meine Bitte um Stellungnahme.
In der Mitteilung des DWD von 2021 stand zur Begründung für die Aktualisierung der Vergleichsperiode: „Der Mittelungszeitraum 1991-2020 ist deutlich besser geeignet, einen aktuellen Monat einzuordnen, als der Zeitraum 1961-1990.“ Er kündigte an, man werde für Auswertungen zur langfristigen Klimaentwicklung weiter 1961 bis 1990 als „Klimanormalperiode“ nutzen, aber „im Kontext des zeitnahen Klimamonitorings“ die „aktuelle Referenzperiode 1991 bis 2020“ einsetzen.
Mit seinen ausführlichen Publikationen zum „Monatlichen Klimastatus“, die sich an ein Fachpublikum richten, folgte der DWD seiner Ankündigung und stellte die Referenzperiode um. In den vorangestellten Erläuterungen heißt es jeweils, dass sich alle Angaben in der Regel auf die Bezugsperiode 1991 – 2020 beziehen. In seinen Pressemitteilungen zum gleichen Thema stellte der DWD dagegen weiter die alte Vergleichsperiode in den Vordergrund und nannte sie wahrheitswidrig „international gültige Vergleichsperiode“. Fünfeinhalb Jahre lang.
Man hätte Grund, die Verantwortlichen dafür zu loben, dass sie das hartnäckige Lügen über die international vereinbarte Referenzperiode endlich einstellen — nach dem Motto „besser spät als nie“. Das fällt jedoch schwer, wenn man feststellt, dass der DWD die Erläuterung von 2021 zur Umstellung der Referenzperiode auf seiner Netzseite durch ein im Februar 2026 nachträglich geändertes Dokument ersetzt hat. Es trägt den unveränderten Titel „Nutzung klimatologischer Referenzperioden ab 2021“ und ist größtenteils wortgleich, trägt aber das neue Datum „Stand: 04.02.2026“. Das Dokument ist trotz des neuen Datums erkennbar aus der Perspektive von Anfang 2021 geschrieben.
Was geändert wurde, muss man durch Vergleich Wort für Wort feststellen. Geändert wurde ausgerechnet der Teil mit der Ankündigung, wie der DWD mit der aktualisierten Referenzperiode umgehen werde. Und zwar so, dass die Begriffe „Klimanormalperiode“ und „aktuelle Referenzperiode“ vertauscht wurden. Wo im Original der Zeitraum von 1991 bis 2020 als „aktuelle Referenzperiode“ bezeichnet wurde, heißt dieser im nachträglich manipulierten Text „aktuelle Klimanormalperiode“. Gleichzeitig wurde der Zeitraum von 1961 bis 1990 von „Klimanormalperiode“ in „WMO-Referenzperiode“ umbenannt.
Der DWD verteidigt sich
In seiner Stellungnahme antwortet der DWD auf die Fragen, ob er nun dauerhaft auf die Bezeichnung der Periode 1961 bis 1990 als „international gültige Referenzperiode verzichten werde, und ob damit die Einräumung verbunden sei, dass diese Aussage falsch war, mit dem Argument:
„Die WMO verwendet seit 2021 den Zeitraum 1991-2020 als aktuelle klimatologische Standardnormalperiode („Climatological Standard Normal“). Diese dient insbesondere dazu, aktuelle klimatische Verhältnisse mit einem möglichst aktuellen 30-jährigen Bezugszeitraum zu vergleichen. Daneben hat die WMO den Zeitraum 1961-1990 als feste Referenzperiode für die Bewertung langfristiger Klimaveränderungen beibehalten. (…) Vor diesem Hintergrund ist die Bezeichnung von 1961-1990 als „internationale Referenzperiode“ im Zusammenhang mit der Aussage, dass der Vergleich aktueller Werte mit dieser Periode eine Einschätzung des längerfristigen Klimawandels ermöglicht, fachlich begründet.“
Daran, dass die Aussage in den Pressemitteilungen zur Einordnung der aktuellen klimatischen Verhältnisse falsch ist, ändert diese Erklärung allerdings nichts, da es sich bei 1961 bis 1990 um die Referenzperiode für Auswertungen zur langfristigen Klimaentwicklung handelt, um die es in den Pressemitteilungen nicht geht. Entsprechend nutzt der DWD ja in seinen Veröffentlichungen für das Fachpublikum zum gleichen Thema die Vergleichsperiode 1991 bis 2020. Auf diese unterschiedliche Vorgehensweise ging der DWD auch auf Nachfrage nicht ein, ebensowenig wie auf die Frage, ob er nun dauerhaft in seinen Pressemitteilungen auf die Bezeichnung von 1961 bis 1990 als international gültige Vergleichsperiode verzichten werde.
Dem Vorwurf der Täuschung der Öffentlichkeit begegnet der DWD mit dem Hinweis, dass in den Pressemitteilungen ausdrücklich erläutert werde, dass die vieljährigen Mittelwerte der Periode 1961-1990 dem Vergleich mit aktuellen Werten dienen und dieser Vergleich eine Einschätzung des längerfristigen Klimawandels ermöglicht. Das ist jedoch fachlich unsinnig. Der Vergleich des Wetters eines aktuellen Monats mit dem Durchschnittswert eines Dreißigjahreszeitraums enthält wegen der starken Variabilität des Wetters für sich genommen fast keine Information über den längerfristigen Klimawandel. Dazu müssten die Abweichungen über einen längeren Zeitraum dargestellt und ausgewertet werden, was in den Pressemitteilungen allenfalls ausnahmsweise geschieht.
Versteckt hat der DWD den in der Stellungnahme erwähnten (fachlich unsinnigen) Hinweis, dass der Vergleich mit dem Durchschnitt von 1961 bis 1990 „eine Einschätzung des längerfristigen Klimawandels ermöglicht“ jeweils in einen Klammereinschub auf der zweiten Seite der Pressemitteilung im Abschnitt „Das Wetter in den Bundesländern“. Dieser versteckte Klammereinschub, den es in dieser Form erst seit Anfang 2021 gibt, dient erkennbar dazu, eine Pro-forma-Rechtfertigung dafür zu konstruieren, dass der DWD in seinen Pressemitteilungen die seither veraltete Vergleichsperiode fälschlich weiterhin die „international vereinbarte Referenzperiode“ nannte. Bis Ende 2020 stand an gleicher Stelle jeweils nur der unscheinbare Hinweis: „(In Klammern stehen jeweils die vieljährigen Mittelwerte der intern. Referenzperiode)“.
Die nachträgliche Änderung der Ankündigung von 2021, wie man mit dem geänderten Referenzwert umgehen werde, erklärt der DWD so:
„Bei der Überarbeitung der Veröffentlichung aus dem Jahr 2021 wurde die Terminologie angepasst. (…) Mit dieser Änderung sollte die Unterscheidung zwischen den beiden unterschiedlichen Funktionen terminologisch präziser an die internationale WMO-Systematik angepasst werden.“
Diese Erläuterung ist zutreffend, was die nun präzisere Übereinstimmung mit der WMO-Systematik angeht. Gleichzeitig hat die Begriffsumstellung allerdings den mutmaßlich erwünschten Effekt, den Zeitraum 1961 bis 1990 mit dem Begriff „Referenzwert“ zu verbinden der auch in den Pressemitteilungen benutzt wird. Der DWD räumt ein:
„Soweit die Änderung des Dokuments nicht durch einen sichtbaren Änderungshinweis kenntlich gemacht wurde, ist nachvollziehbar, dass dies Fragen zur Transparenz aufwerfen kann.“
(Die komplette Stellungnahme des DWD habe ich in einem Anhang dokumentiert.)
Warum jetzt?
Eine plausible Erklärung dafür, warum der DWD gerade jetzt aufgehört hat, die Falschbehauptung von der „international gültigen Referenzperiode 1961 bis 1990“ zu verbreiten, ist leicht zu erkennen. Im Dezember 2025 bekam der DWD eine neue Leiterin der Pressestelle. Ihr Vorgänger hatte offenbar keine Lust gehabt, die Lüge, für die er verantwortlich war, selbst noch vor Renteneintritt richtigzustellen. Noch entspricht das, was die neue Pressechefin in die Wege geleitet hat, allerdings nicht dem was international vereinbart wurde und was der DWD angekündigt hat, sowie dem, was er in seiner Publikation für Fachleute seit fünf Jahren tut. Noch wird das aktuelle Wetter vorrangig mit einer für diesen Zweck schon lange ausgemusterten Vergleichsperiode verglichen.
Als Präsidentin des DWD seit August 2023 direkt verantwortlich für die Pressestelle und damit für deren übermäßig kreativen Umgang mit der Wahrheit ist Prof. Dr. Sarah Jones. Geerbt hat sie die Malaise, von der sich der DWD nun erst mit fünf Jahren Verspätung freizuschwimmen versucht, von ihrem Vorgänger, Prof. Dr. Gerhard Adrian. Politisch verantwortlich ist der Bundesverkehrsminister, zu dessen Ressort der DWD gehört.
Fazit
Der DWD ist auf dem Weg, sich von einer Lüge zu verabschieden, die er fünf Jahre lang monatlich wiederholt hat, um der Öffentlichkeit mithilfe der Massenmedien das Ausmaß der Klimaerwärmung nachdrücklicher deutlich machen zu können. Das ist sehr zu begrüßen. Wenn er jetzt noch tatsächlich das tut, was er angekündigt hat, und das aktuelle Wettermonitoring an internationalen Standards ausrichtet, sowie einen aussagekräftigen Änderungshinweis an die nachträglich manipulierte Ankündigung von 2021 anbringt, hat er das rettende Ufer der Seriosität erreicht.