Soweit ich sehen kann, ist der Brief nur presseöffentlich, nicht allgemein abrufbar. Bei den meisten der Autoren liegt die Zusammenarbeit schon eine ganze Weile zurück. Irreführend ist das Label „linksliberal“, weil dieses Milieu mit linker Haltung im traditionellen Sinne von „Einstehen für die Interessen der Schwachen“ nur noch sehr begrenzt etwas zu tun. Liberal ist es schon lange nicht mehr, wie diese Aktion eindrucksvoll zeigt.
Auslöser soll nämlich sein, dass Westend das Buch von Julian Reichelt und Pauline Voss, „Deutsch – Links, Links – Deutsch“ verlegt hat. Darin spießen die Autoren Heucheleien, übertriebene Empfindlichkeiten und andere tatsächliche oder vermeintliche Schwächen aus dem Milieu der 32 Briefschreiber auf. Das konnten diese nicht ertragen und griffen deshalb zum Mittel des Kontaktschuldangriffs auf den Verlag. Den FDP-Politiker Wolfgang Kubicki haben die Briefschreiber als Westend-Autor gnädig gerade noch „akzeptiert“, aber Julian Reichelt vom rechten Nachrichtenmagazin Nius war ihnen zu viel. Mit liberal hat so ein Verhalten nichts mehr zu tun. Es zeugt von überbordender Selbstgerechtigkeit und der anti-liberalen Haltung, dass man mit Menschen nicht diskutieren muss und keinen Kontakt pflegen darf, deren Meinung außerhalb der eigenen Komfortzone liegt.
Der Schmierfink Matthias Meisner vom Volksverpetzer, wo regelmäßig hart am Rande der Legalität Galle verspritzt wird, stellt in seinem Beitrag korrekt fest, dass die (weithin unbekannten) Organisatoren des offenen Briefes mich und einige andere Autoren gar nicht erst gefragt haben, ob wir mitmachen wollen. Sevim Dagdelen nennt er in diesem Zusammenhang Kreml-Propagandistin, Albrecht Müller einen Verschwörungsideologen und Gabriele Krone-Schmalz eine „Anhängerin der aggressiven russischen Außenpolitik“. Zu mir fällt ihm nur ein, die Beschreibung meines Buches „Der Wahrheitskomplex“ zu zitieren. Irgend etwas daran explizit in Zweifel zu ziehen, traut er sich wohlweislich nicht.
Weil sich mit dem Label „links“ angesichts dessen, was heute alles links genannt wird, nicht mehr viel anfangen lässt, hat es der Verlag aus seiner Selbstbeschreibung gestrichen und ersetzt durch „an sozialer Gerechtigkeit und umfassender Teilhabe orientiert.“ Es ist bezeichnend, wie der Volksverpetzer seinen Schmierfinken sich an der Programmbeschreibung von Westend abarbeiten lässt, die als mustergültig in Sachen Debattenkultur und Demokratieverständnis gelten sollte:
„Im Zentrum unseres Programms stehen Autorinnen und Autoren, die soziale Ungleichheit, Fragen von Frieden und Krieg, demokratische Teilhabe und ökologische Krisen kritisch analysieren. Wir verstehen uns ausdrücklich als Plattform für kritische, an sozialer Gerechtigkeit und umfassender Teilhabe orientierter Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit. Denn eine lebendige Demokratie lebt ohne jeden Zweifel vom Streit der Argumente. Abweichende Positionen, die sich innerhalb des demokratischen Rechtsrahmens bewegen, werden bei uns nicht diskreditiert, sondern als Beiträge zu einer offenen Debatte ernst genommen. Gerade unterschiedliche, auch gegensätzliche Ansätze helfen, favorisierte Analysen zu schärfen und weiterzuentwickeln.“
Meisner skandalisiert, dass abweichende Positionen innerhalb des demokratischen Rechtsrahmens zu Wort kommen dürfen. Dass die „linke Perspektive“ entfallen ist, führt er, trotz der entschieden nicht-rechten Ersatzformulierung, als Beleg für seine These vom nach rechts driftenden Verlagshaus an.
Die Organisatoren des Briefs heißen Stephan Hebel und Bernd Hontschik. Einigermaßen bekannt unter den Unterzeichnern sind Andrea Ypsilanti, Gregor Gysi und Christoph Butterwegge, sowie Daniel Bax, Simone Schmollack und Ulrike Herrmann von der taz. Frankfurter Rundschau und taz scheinen im Zentrum der Aktion zu stehen.
Anderen großen Verlagen, mit denen ich in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe, war das Thema „Wahrheitskomplex“ zu heiß. Der Westend-Verlag hat sich getraut, es herauszubringen.
Geschäftsführer Markus J. Karsten konterte den Briefschreibern im Interview mit der Berliner Zeitung (Bezahlschranke):
„Ich kann verstehen, dass es auf wenig Gegenliebe stößt, wenn man sich plötzlich anstrengen und überzeugen soll. Wir wollen das Visier hochklappen und uns dezidiert inhaltlich auseinandersetzen, statt wirkungslos Haltung bekunden. Im Übrigen: Wissen Sie, wie es anders gehen soll, wenn man grundsätzlich Andersdenkende überzeugen möchte? Ignorieren, Brandmarken und Haltung zeitigen offensichtlich keine Effekte.“
Ich bin stolz auf meinen Verlag.
Und hier, weil er so schwer zu finden ist, der Brief im vollen Wortlaut, damit sie dessen selbstgerecht-antiliberalen Duktus selbst erfahren und feststellen können, in wem Sie sich vielleicht getäuscht haben:
„Sehr geehrte Damen und Herren,
wir, die Unterzeichnenden dieses Briefes, distanzieren uns hiermit von der Neuausrichtung Ihres Verlagsprogramms. Wir tun dies nun öffentlich, nachdem Sie auf unsere Aufforderung zu einem Gespräch mit keinem Wort eingegangen sind. Wir haben in Ihrem Verlag unterschiedliche Sachbücher vorgelegt.
Wir haben das im Sinne der Positionierung getan, die sich bis vor Kurzem auf Ihrer Homepage fand: „Wir verstehen uns ausdrücklich als Plattform für kritische, linke Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit.“ Wir stellen mit Interesse fest, dass Sie diese Passage inzwischen gestrichen haben.
Wir haben „Westend“ als Ort geschätzt, an dem sehr unterschiedliche Überzeugungen aufeinanderstießen, die allerdings in aller Regel von demokratischem Geist und dem Willen nach Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt waren. Wir haben im Sinne der Meinungsfreiheit selbstverständlich auch akzeptiert, dass Sie das Portfolio Ihres Verlages um Autoren wie Wolfgang Kubicki und Ulf Poschardt erweitert haben.
Mit der Veröffentlichung des von Pauline Voss und Julian Reichelt herausgegebenen Bandes „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ haben Sie nun das Spektrum Ihrer Veröffentlichungen bis hin zur extremen Rechten erweitert. Dieses Buch ragt nicht nur dadurch heraus, dass Sie damit Ihren Verlag den Führungspersonen eines Portals zur Verfügung stellen, das Tag für Tag große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpft.
Der Band enthält zudem Texte von Autorinnen und Autoren, deren Positionen der AfD nahestehen, einer aus unserer Sicht demokratiebedrohenden Partei.
Wir erkennen ausdrücklich Ihr selbstverständliches Recht an, zu veröffentlichen, was Sie wollen, auch wenn Sie damit rechten Kulturkämpferinnen und-kämpfern eine weitere Plattform bieten.
Wir nehmen allerdings für uns das Recht in Anspruch, unsere publizistische Arbeit nicht in dieser ideologischen Nachbarschaft fortzusetzen.
Unterzeichnende: Daniel Bax, Nils S. Borchers, Christoph Butterwegge, Giorgos Chondros, Ely Maurice, Conrad Tim Engartner, Emran Feroz, Alexander Glasner-Hummel, Claus-Jürgen Göpfert, Selma Güney, Gregor Gysi, Stephan Hebel, Gudrun Hentges, Ulrike Herrmann, Lina Hille, Heike Holdinghausen, Bernd Hontschik, Uwe Krüger, Andreas Meißner, Monika Morres, Laura Porak, Timo Reuter, Kerem Schamberger, Simone Schmollack, Sebastian Sevignani, Klaus-Dieter Stork, Thomas Strohschneider, Hendrik Theine, Gerd Wiegel, Jonas Wollenhaupt, Andrea Ypsilanti.“
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