Ulrike Guérot und der Krieg: Kommt man gegen die Argumente nicht an, wird die Person vernichtet

Nachtrag 5.7. | 4. 06. 2022 | Nachdem die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot im bewährten Alle-gegen-Eine-Format des Markus Lanz mit ihren abweichlerischen Thesen zum Ukraine-Krieg den moralisierenden Mainstream provoziert und tapfer ihre Frau gestanden hatte, durfte der Politikwissenschaftler Markus Linden in der FAZ eine widerwärtige Attacke auf die Person der Abtrünnigen reiten. Diese sagt mehr über die FAZ, den Mainstream und den Angreifer als über die, die auf diese Weise moralisch vernichtet und mundtot gemacht werden soll.

Es ist an und für sich unanständig, den mangelnden Erfolg einer Person zu betonen. Aber wenn diese Person, so wie Markus Linden in der Frankfurter Allgemeinen, sich daran stört, dass Ulrike Guérot „von der Universität für Weiterbildung im österreichischen Krems“ (keine renommierte Institution, will er andeuten) auf eine Professur in Bonn berufen worden ist, „obwohl sie seit vielen Jahren vorrangig als Publizistin in Erscheinung tritt, nicht als Wissenschaftlerin“, dann will man schon wissen, wer hier so hohe Standards anlegt.

Der Lebenslauf des noch nicht ganz 50jährigen Politikwissenschaftlers weist aus, dass er in Trier studiert und dort auch 2006 den Doktortitel erworben hat, und seither, seit etwa 16 Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an derselben Uni sein Dasein fristet und dabei an seiner inzwischen geglückten Habilitation, ebenfalls in Trier, gearbeitet hat.

Seit zwei Jahren ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Titel „außerplanmäßiger Professor“. [Diesen Absatz am 6.6. geändert. Ich habe mir erklären lassen, dass Hausberufung nicht richtig ist, weil man zum apl. Professor nicht berufen wird, sondern es ein Ehrentitel ist, den man auf Antrag erhält.]

Dieser Markus Linden, Langzeitwissenschaftlicherassistent an einer Provinzuni, macht sich nun öffentlich zum Richter darüber, ob eine in der Öffentlichkeit viel bekanntere Lehrstuhlinhaberin ihren Ruf zu Recht bekommen hat. Was da wohl für Gefühle mit im Spiel sind?

Argumente widerlegen lohnt nicht

Der Stein des Anstoßes wird recht deutlich, wenn Linden schreibt:

„Bei Lanz sagte Guérot jetzt, dass es in der Ukraine parallel zum „russischen Angriffskrieg“ einen „ukrainischen Bürgerkrieg“ und zwei weitere Kriege gebe. Der Schlüssel zum Frieden liege in Washington, „weil es doch Putin zentral darum geht, Sicherheitsgarantien zu bekommen“. Sie wies den Vergleich der FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann zwischen dem russischen Überfall auf die Ukraine und einem nächtlichen Überfall im Wald zurück, weil es darauf ankomme, was „vorher stattgefunden“ habe. Es sei „dokumentiert“, dass die Ukraine Russland provoziert habe.“

Ein Wissenschaftler würde diese Thesen widerlegen, an denen er sich offenkundig sehr stört. Nicht so Linden, dem es nicht um Argumente, sondern um die moralische Vernichtung der Person Ulrike Guérot geht. Damit sollen alle ihre Argumente und Thesen mitvernichtet werden, anstatt diese direkt anzugehen.

Dafür leitet Linden die oben zitierten Thesen Guérots ein mit einem Gemisch aus Unterstellung eines niederen Motivs (Profilierungssucht), unbelegtem Lügenvorwurf und billigstem Kontaktschuldargument, alles in einem einzigen Satz:

„Nun ist es die Ukrainekrise, die für die Profilierung im Namen der Meinungsfreiheit herhalten muss, wobei Meinung, Wunsch und falsche Tatsachenbehauptung wieder verschwimmen, wie einst bei Guérots Ko-Autor Robert Menasse, der Walter Hallstein in den Mund gelegt hatte, was dieser seiner Meinung nach hätte sagen sollen.“

Wenn alles verschwimmt, dann ist offenbar selbst ein so guter Wissenschaftler wie Lindner nicht in der Lage, eine Falschbehauptung klar zu benennen und zu belegen. Jedenfalls versucht er es nicht. Aber wenn schon ein Ko-Autor Guérots des Schummelns überführt wurde, dann ist ja wohl klar, dass auch sie nicht ganz sauber ist.

Auch dass Guérot auf Bild-TV gesagt habe: „Wenn wir sagen, wir wollen den Frieden, dann machen wir den morgen, dann sagen wir ‚Verhandlungen‘, dann hört das Ge­schlachte auf in Butscha, und dann hört es auf in Mariupol“, stört Linden sehr. Aber anstatt seinen nicht ganz offensichtlichen Vorwurf der „Täter-Opfer-Umkehr in Reinkultur“ zu belegen – „wir“ sind ja nicht die Opfer –  oder wenigsten näher zu erklären, beschränkt er sich darauf, zu referieren, dass das Studierendenparlament der Universität Bonn Guérot aufgefordert habe, sich nicht mehr bei Bild-TV zu äußern und außerdem festgestellt habe, dass ihre Behauptung, die Lieferung schwerer Waffen mache Deutschland zur Kriegspartei, von Völkerrechtlern der Universität widerlegt worden sei.

Der Wissenschaftler Linden ersetzt hier Gegenargumente durch den Verweis auf Studenten, die gesagt hätten, andere Wissenschaftler hätten Gegenargumente vorgebracht.

Im Rest des Beitrags geht es dann darum, dass Guérot in ihrem Bestseller-Essay, „Wer schweigt, stimmt zu“, den man auch eine Wutrede nennen könnte, an manchen Stellen das Ausmaß ihrer deklarierten Übernahmen von anderen Autoren verschleiert habe, und was sie in verschiedenen hitzigen Talkshow-Diskussionen an ungenauem Halbwissen von sich gegeben hat. Beides nicht schön, aber auch nicht selten. Aber auf keinen Fall sind Verweise auf frühere Irrtümer einer Person ein Ersatz für Gegenargumente zu deren heutigen, unbequemen Thesen, jedenfalls nicht für Menschen, die sich als Wissenschaftler gerieren. Sie können diese Gegenargumente allenfalls ergänzen.

Unbedingter Verteidiger der Staatsräson

Schaut man sich Lindens Veröffentlichungsverzeichnis an, wundert man sich ehrlich gesagt nicht mehr über seine Erfolglosigkeit und auch nicht über seine Giftigkeit. Es wird sehr deutlich, wes Geistes Kind er ist. Eines einfachen Geistes, der alles was elitenkritisch ist mit den unwissenschaftlichen Kampfbegriffen populistisch und verschwörungstheoretisch abtut. Der jüngste Aufsatz trägt den Titel „Die Legende vom „Konformitätsdruck“ – Zur zweifelhaften Kritik an der Corona-Debatte“ und er liest sich auch so. Auch wenn er sich wenigstens stellenweise des gelernten, elaborierten politikwissenschaftlichen Vokabulars bedient, um seine Anwürfe gegen Abweichler wissenschaftlich klingen zu lassen, bleiben sie furchtbar oberflächlich.

Besonders bemerkenswert fand ich seine Buchbesprechung von Michael Butters Buch „Nichts ist, wie es scheint – Über Verschwörungstheorien“. Ich habe selbst eine Rezension darüber geschrieben und konnte mich nur noch in Zynismus und Spott flüchten. Linden dagegen meint, es handele sich um ein „aus wissenschaftlicher Sicht sauber gearbeitetes Essay“ und einen „neuen, agendasetzenden Standard zu einem aktuellen Thema“.

Ich will hier nicht die in meiner damaligen Rezension aufgelisteten Widersprüchlichkeiten dieses „Standard“-Werkes wiederholen, sondern nur die vielleicht krasseste Fehlleistung noch einmal erwähnen. Butter schreibt, dass nicht nur „System- und Superverschwörungstheorien“ zu disqualifizieren seien, sondern auch Ereignisverschwörungstheorien, die sich um klar eingrenzbare Ereignisse wie Attentate und Staatsstreiche drehen. Bei diesen sei zwar eher vorstellbar, dass sie sich einmal als wahr erweisen, aber das sei „sehr unwahrscheinlich“ und in der Praxis auch noch nie vorgekommen. Er schreibt nicht „selten“, er schreibt tatsächlich „nie“.

Somit wissen wir, dass nicht etwa die CIA den Schah von Persien an die Macht gebracht hat und dass es keine Verschwörung gab, um mit gefälschten Beweisen für angeblich im Irak gesichtete chemische Massenvernichtungswaffen einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu rechtfertigen. Pinochets Coup gegen Allende wurde nicht heimlich aus den USA gesteuert, wie David Rockefeller das in seinem Buch „Erinnerungen eines Weltbankers“ aus der Täterperspektive beschreibt. Auch die Operation Condor gab es nicht, bei der die CIA lateinamerikanische Diktatoren bei der blutigen Unterdrückung und Beseitigung linker Oppositioneller unterstützte und anleitete. Dabei ist das alles dokumentiert. Wissenschaftlich sauber gearbeitet, nennt Linden diesen irreführenden Unsinn von Butter.

Die wissenschaftlichen Standards sind halt doch sehr unterschiedlich, je nachdem ob man es mit Kritikern der Mächtigen oder mit den Mitgliedern von deren akademischer Rechtfertigungstruppe zu tun hat.

Was die FAZ angeht, so ist die Tatsache, dass niemand diese widerwärtige Ad-Hominem-Attacke vor dem Abdruck gestoppt hat, ein weiterer Beweis für den Niedergang dieser einst so honorigen Zeitung.

Nachtrag 8.6. zur Kollaboration der Süddeutschen

Am 7. Juni sagte die Süddeutsche Zeitung wegen der durch die missgünstige Intervention eines erfolglosen wissenschaftlichen Mitarbeiters einer Provinzuni „im Raum stehenden Plagiatsvorwürfe“ einen für 8. Juni geplanten Salon mit Ulrike Guérot kurzfristig ab.

Es ist nicht bekannt, dass die SZ wegen der ähnlich wenig schwerwiegenden Plagiatsvorwürfe gegen Außenministerin Baerbock oder der viel schwerwiegenderen gegen die Berliner Bürgermeisterin Giffey, ähnliche Skrupel ausgebildet hätte, mit diesen zu sprechen. Am 30. November 2021 publizierte die SZ ein großes Interview mit Baerbock. Ihr letztes Interview mit Giffey publizierte sie im Januar 2022.

Eine Twitter-Nutzerin kommentierte treffend, nun könne sich die FAZ noch besser darüber mokieren, dass Guérot nur mit sogenannten alternativen Medien spreche: „Immerhin wissen wir jetzt, wie es dazu kommt.“(Absatz geändert von versehentlich „Giffey“ in „Guérot“)

Nachtrag 5.7. zur Verunglimpfung von Nachdenkseiten und Thomas Moser

Linden verfasste auch im Auftrag des grünennahen Zentrums liberale Moderne eine als Studie ausgewiesene Schmähschrift gegen die Nachdenkseiten. Dazu haben die Nachdenkseiten ausführlich berichtet. Skandalös am Vorgang ist neben der Dreckschleuderei Lindens, dass die Bundesregierung das Projekt „Gegneranaylse“ des Zentrums mit Steuergeld fördert. Der Terrorismusexperte Thomas Moser, der in dem Beitrag ebenfalls verunglimpft wird, unter anderem mit falscher Zitierung, hat inzwischen ebenfalls geantwortet. Er verdächtigt Linden, für den Verfassungsschutz zu arbeiten. Linden und die Liberale Moderne haben auf seine Bitten um Stellungnahmen nicht reagiert.

Leserbrief

Mehr

Bilderberg: Wenn CIA, Pfizer, Facebook und die EU-Granden im Geheimen kungeln mit einem Nachtrag, der die inkriminierte These Guérots plausibel erscheinen lässt, dass Kräfte außerhalb der Ukraine ein Interesse daran haben könnten, den Krieg so lange weitergehen zu lassen, bis Putin und Russland genug gestraft sind, unabhängig vom Interesse der Ukrainer an einem Ende dieses Krieges,

Eine Analyse der Lanz-Sendung auf multipolar-magazin.de;

Programmbeschwerde auf publikumskonferenz.de

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