Der Amazon-Euro breitet sich aus – selbst staatliche Institute bezahlen damit

26. 11. 2020 | Der Handelsplattformbetreiber Amazon ist einer der größten Nutznießer der Corona-Pandemie und der Maßnahmen dagegen. Amazon hat fast ein quasi-Monopol im Internethandel in Deutschland. Das zeigt sich auch daran, dass sogar Behörden keine gute Alternative zu Gutscheinen des großen Steuervermeiders als Dankeschön sehen, auch wenn sie sich des fragwürdigen Rufs von Amazon durchaus bewusst sind.

Das staatliche Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt „Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Beschäftigung und Haushalte“. In diesem Rahmen führt es eine Haushaltsbefragung durch. Teilnehmern verspricht das IAB einen Amazon-Gutschein im Wert von 10,- Euro.

Ich habe beim IAB nachgefragt und bekam bereitwillig und offen Auskunft. Ich wollte wissen:

Halten Sie es für angemessen, auf diese Weise Absatzförderung für ein privates Unternehmen zu betreiben, noch dazu eines, das zu den größten Profiteuren der Pandemie gehört und wegen seiner Steuermoral in der Kritik steht? Bezahlt das IAB diese Gutscheine, und wenn ja, bezahlt es dafür annähernd den Nennwert?

Das IAB anwortete:

Wir haben für das Dankeschön für die Teilnahme an der Befragung unterschiedliche Möglichkeiten geprüft, darunter auch Gutscheine anderer Anbieter. Neben den von Ihnen genannten Aspekten mussten wir dabei auch berücksichtigen, dass das Dankeschön für einen möglichst breiten Personenkreis attraktiv und gleichzeitig der administrative Aufwand nicht unverhältnismäßig hoch sein soll. Unter Abwägung all dieser Aspekte und unter Einbeziehung bisheriger Erfahrungen mit vergangenen Befragungen haben wir uns bei dieser Befragung für Amazon.de-Gutscheine entschieden. Uns war bei dieser Entscheidung bewusst, dass aus unterschiedlichen Gründen nicht alle Personen, die wir zur Befragung eingeladen haben, dort einkaufen oder dort einkaufen möchten. Deshalb können Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Befragung angeben, dass sie keinen Gutschein abnehmen möchten. Wir werden die Rückmeldungen aus dieser Befragung berücksichtigen, wenn wir für zukünftige Befragungen die unterschiedlichen Möglichkeiten erneut bewerten. (…) Die Mittel für Personal- und Sachkosten zur Umsetzung dieser Befragung setzen wir u.a. zur Finanzierung der Amazon.de-Gutscheine als Dankeschön für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein.

Auf Nachfragen bestätigte das IAB, dass es den Nennwert für die Gutscheine an Amazon bezahle.

Die Gründe für die Wahl des IAB leuchten ein. Auch die Bundespolizei hat – sicherlich aus ähnlichen Gründen – für die Teilnahme an ihrem anrüchigen Überwachungsversuch mit Gesichtserkennungs-Kameras am Berliner Südbahnhof Amazon-Gutscheine ausgegeben.

Man möchte die Teilnehmer nicht bezahlen, aber man möchte ihnen ein Geschenk geben, das ähnlich vielseitig wertgeschätzt wird wie Geld. Da es fast alles auf Amazon gibt und sehr viele Menschen dort einkaufen, sind Amazon-Gutscheine Geld, kein universell akzeptiertes, aber eine weithin akzeptiertes. Wer sie nicht selbst nutzen will, kann sie leicht als Geschenk oder für einen kleinen Abschlag an jemand weitergeben, der sie gebrauchen kann.

Indem Amazon solche Gutscheine verkaufen kann, kann das Unternehmen Geld drucken. Der Vorteil ist bisher noch begrenzt, weil die Gutscheine meist innerhalb überschaubarer Zeit eingelöst werden, also nicht lange als Zahlungsmittel umlaufen.

Aber Amazon ist noch dabei sein Quasi-Monopol auszubauen. Es braucht wahrscheinlich nicht mehr allzu viel, und das Unternehmen wäre in der Lage, in manchen Ländern mit wackeliger Währung der lokalen Währung Konkurrenz zu machen, mit Gutscheinen in harter Währung wie Dollar, Euro oder Yuan. Amazon könnte diese Gutscheine zum Beispiel in Umlauf bringen, indem es Lieferanten mit einem Abschlag in dieser Währung bezahlt, oder indem es Kunden Rabatte in Form von Gutscheinen gewährt.

Aber zunächst einmal sei festgestellt, dass das Fast-Monopol von Amazon schon so ausgeprägt ist, dass selbst staatlichen Stellen in ihrer Gedankenlosigkeit nichts anderes mehr einfällt als Gutscheine dieses amerikanischen gewerkschafts- und arbeitnehmerfeindlichen Steuervermeiders und Einzelhandelsvernichters zu verschenken und dadurch dessen soziopathischen Großaktionär Jeff Bezos, den reichsten Menschen der Welt, noch reicher zu machen. Man merkt es wohl, ich mag Amazon nicht, auch wenn über diese Plattform sicherlich viele meiner Bücher verkauft wurden.

Gerade bei Büchern ist das allerdings sehr leicht zu vermeiden. Ich kaufe meine Bücher, indem ich eine Buchhandlung anrufe, die in meiner Nähe oder auf dem Weg zur Arbeit liegt, und den Titel durchgebe, den ich gerne hätte. Schon am nächsten Morgen kann ich das Buch abholen. Schneller kann das auch Amazon nicht und weil ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und ohnehin in der Nähe vorbeikomme, ist es viel umweltschonender.

Nachtrag (30.11.): Eine Leserin aus Sachsen wies mich dankenswerter Weise darauf hin, dass meine Schlussbemerkungen eine starke Städter-Schlagseite aufweisen. In manchen ländlichen Regionen wie ihrer ist die nächste Buchhandlung 10 oder gar 20 km weit entfernt. Ich bitte um Entschuldigung für die Gedankenlosigkeit. In diesen Fällen ist meine Empfehlung, die Buchläden und sonstigen Läden wann immer es geht zu nutzen, damit sie erhalten bleiben. Wenn es keine gute Alternative zum Online-Kauf gibt, nutzen Sie für Bücher die Online-Angebote von traditionellen Präsenz-Buchhändlern, entweder der großen Ketten oder der Vertriebskooperativen der kleinen Läden.

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