Leseprobe: Jacques Baud: „Frieden in der Ukraine“

8. 12. 2026 | Der Westend-Verlag hat das jüngste Buch des ehemaligen Offiziers des Schweizer Militärgeheimdienstes Jacques Baud in deutscher Übersetzung herausgebracht. Als das Manuskript weitgehend fertig war, wurde Baud im Dezember 2025 wegen Verstoß gegen das nicht erklärte Propaganda-Kriegsrecht vom EU-Rat mit einem an absolutistische Zeiten erinnernden Bann belegt.

Die französische Orginalausgabe kam im Februar 2026, heraus. Das Buch gibt eine ganz gute Idee davon, warum dieser Buchautor die EU so stört in ihrem Propagandakrieg mit Russland um den Ukraine-Konflikt. Er durchkreuzt ihre Narrative. Akribisch listet er zum Beispiel die verschiedenen Bemühungen um eine Verhinderung und dann ein Ende des russischen Angriffs auf die Ukraine auf und zeigt, woran sie gescheitert sind. Es war jeweils nicht russisches Großmachtstreben, wie EU und NATO uns glauben machen wollen.

In Vorwort nimmt Baud Stellung zum Bannstrahl aus Brüssel, der ihn in Form von existenzvernichtenden EU-Sanktionen getroffen hat. In einem weiteren Kapitel, das ich hier ebenfalls als Leseprobe abdrucken darf, geht er zurück ins Jahr 2014, zum Euro-Maidan und der Vertreibung des Ukrainischen Präsidenten Janukowitsch, mit der der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland seinen Ausgang nahm.

„Vorwort

Unser Unvermögen – oder unsere Weigerung –, den »anderen« zu verstehen, hält einen Friedensprozess zwangsläufig auf. Die Ukraine zahlt dafür einen immer höheren Preis. Seit 2013 zeigen die unterschiedlichen Versuche, den Konflikt zu lösen, wie sehr die Europäer – mehr noch als die Amerikaner – systematisch alles getan haben, um die Ukraine im Krieg zu halten. Sie haben nicht nur immer die Vorschläge Selenskyjs zurückgewiesen und ihn gezwungen, eine harte Linie zu vertreten. Zusätzlich haben sie sich darauf versteift, jedes Verständnis des Problems zu verhindern, das neue Lösungswege aufzeigen könnte.

Als gelte es, diese Feststellungen zu untermauern, hat mich die Europäische Union am 15.12.2025 mit den »Sanktionen gegen Russlands destabilisierende Handlungen im Ausland« belegt. Mein Vermögen in der EU wurde eingefroren und mir wurde untersagt, mich auf dem Gebiet der EU zu bewegen. Bei Drucklegung dieses Werks habe ich nicht die Möglichkeit, Lebensmittel zu kaufen, meine Rechnungen oder Arztkosten zu bezahlen. In Frankreich hat die Handelskette FNAC auf Eigeninitiative beschlossen, meine Werke aus ihren Regalen zu entfernen, ohne dass dafür ein Gerichtsurteil vorliegt.

Obwohl sie anscheinend an deren Verhängung beteiligt war, wendet die Schweiz diese Sanktionen nicht an, weil sie gegen die Meinungsfreiheit gerichtet sind. Lebte ich in der Schweiz, dann könnte ich den Sanktionen entkommen. Aber ich habe nicht das Recht, mich dorthin zu begeben.

Diese Lage hat all diejenigen schockiert, die für die Achtung der Grundrechte eintreten – beispielsweise das Recht auf freie Meinungsäußerung –, sowie die Verteidiger des Rechtsstaats. Denn die EU-Sanktionen, die explizit außenpolitische Maßnahmen sind, stellen sich über das Recht, das unsere Demokratien regiert, und achten es somit nicht. In der Europäischen Union ist es im Jahr 2026 möglich, einer Person die Freiheit und alle Ressourcen zu entziehen, einschließlich des einfachen Rechts, sich zu ernähren, ohne dass sie ein Verbrechen begangen, ein Gesetz übertreten hätte, verurteilt worden wäre, ohne dass ihr die Möglichkeit eingeräumt wird, ihre Sache zu verteidigen, ohne dass ein Anwalt die Einhaltung der Grundrechte fordern konnte, ohne Gerichtsentscheid, ohne ein echtes Recht auf Berufung – eben weil die Entscheidung eine politische und keine gerichtliche ist. Während also seit dem 16. Jahrhundert die Sanktionierung am Ende eines Prozesses steht, stellt die EU im 20. Jahrhundert dieses Ergebnis einem Prozess voran.

Fügt man hinzu, dass die Sanktionsentscheidung durch Aussagen gerechtfertigt wurde, die ich nie getätigt habe und die nie von einem Gericht überprüft wurden, dann kann man daraus schließen, dass wir unter einer Willkürherrschaft leben. Diese Willkür stützt sich nicht nur einzig und allein auf Auslegungen von nicht getätigten Aussagen. Diese Willkür kann jeden beliebigen Bürger treffen. Für alle Demokraten ist dies eine Situation wie in einem Regime vom Typ Sowjetunion. Aber es gibt Juristen in Belgien wie Frédéric Dopagne, Professor für Völkerrecht an der Katholischen Universität Löwen (UCL), der stolz in der belgischen Tageszeitung Le Soir verkündet: »Dies zeigt gerade, dass wir uns in einem Rechtsstaat befinden.«8 Noch ein »Experte«, der ein wissenschaftliches Urteil durch seine Ideologie ersetzt und den Rechtsstaat als Grundlage unserer Gesellschaften leugnet.

Wie sein Name besagt, ist der Rechtsstaat eine Regierungsform, bei der die Politik vom Recht geleitet wird. Wenn die Politik sich über das Recht stellt, wie es unser Experte rechtfertigt und der Rat der EU praktiziert, dann verlassen wir den Rechtsstaat und betreten eine Diktatur. So viel zu der an belgischen Universitäten gelehrten Ideologie.

Neben ihrer direkten Wirkung haben diese Sanktionen Folgen, die man wohl nicht vorhergesehen hat. Als Erstes hat ihr außergerichtlicher Charakter im wahrsten Sinne des Wortes die weltweite öffentliche Meinung empört, unabhängig von ihren Positionen im russisch-ukrainischen Konflikt. Ich habe Unterstützung aus der gesamten Welt erhalten: von Südamerika bis Japan, von Alaska bis Südafrika, von Marokko bis zur Ukraine (in der Tat!), von Portugal bis Schweden und von Italien bis Irland. In Frankreich wurde die Nachricht relativ wenig durch die Medien verbreitet und ging in der allgemeinen Gleichgültigkeit unter. Demgegenüber hat sie in den angelsächsischen Ländern, in Deutschland, Österreich oder der Schweiz sehr viele Journalisten (selbst aus den traditionellen Medien) veranlasst, zu reagieren und Aufrufe zur Unterstützung9 zu veröffentlichen.

Heute kann ich in der Tat nicht mehr die Wohnung verlassen, ohne dass ein Fußgänger mich anspricht, um mir seine Unterstützung zu bekunden. Das Beeindruckendste ist die rege Unterstützung durch Freunde, Nachbarn oder einfache Spaziergänger auf der Straße, die versuchen, mir zu helfen. Solche zugleich berührenden, spontanen und großherzigen Initiativen zeigen, dass die Menschlichkeit auch in einem Europa der Bürokraten das letzte Wort hat. Mit einem Geist, der an die Anfänge des französischen Widerstands (der Résistance) im Zweiten Weltkrieg denken lässt, haben sich Unbekannte mobilisiert, um mir Nahrungsmittel zu bringen, die mir die EU und Belgien bis zum heutigen Tag verweigern. Aber hier zeigt sich auch der größer werdende Spalt zwischen der Maschinerie der europäischen Bürokraten und dem Geist der Bevölkerungen, für die sie zuständig sind. (…)

In den Vereinigten Staaten wurde mein Fall – und seine Gefahren für die Meinungsfreiheit – vom Wall Street Journal aufgegriffen, einer Zeitung, die sich ganz und gar im »Mainstream« befindet. In Frankreich tat dies keine Zeitung. In Belgien ergriff eine Journalistin des »Soir« die Feder, um letzten Endes diese außergerichtliche Maßnahme zu rechtfertigen, obwohl ich ihr alle Informationen gegeben hatte, damit sie nichts erfinden musste. In der Schweiz haben angesehene Zeitungen des »Mainstreams« wie die Weltwoche und die Neue Zürcher Zeitung klar Stellung gegen die Maßnahmen bezogen, weil sie gegen den Rechtsstaat gerichtet sind.
Wenn in Frankreich alles, was nicht der »Parteilinie« entspricht, automatisch als »prorussisch« gilt, so ist das im Rest der Welt nicht der Fall. In einem amerikanischen geopolitischen Blog lautete etwa ein Kommentar: »Obwohl Baud proukrainisch ist, versteht er Russland sehr gut.« Im Übrigen sind sehr viele Ukrainer unter den Personen, die mir auf YouTube folgen. In den letzten Jahren haben mich viele von ihnen, die als Flüchtlinge in Brüssel leben, auf der Straße angesprochen, um mir zu danken, weil ich ein ausgewogenes Bild des Konflikts zeige. Als wollten sie die EU widerlegen.

Zweitens besteht das Problem der Sanktionen darin, dass sie einen »Streisand-Effekt« erzeugen: Die Aufmerksamkeit wird auf etwas gelenkt, was man eigentlich verbergen wollte. Daraus entsteht eine unerwartete Sichtbarkeit, die zu einer Waffe wird. Meiner Glaubwürdigkeit ist es gerade so ergangen. Man zensiert niemanden, weil er behauptet, die Russen hätten Nordstream sabotiert. Man zensiert diejenigen, die die Wahrheit sagen, denn alles Abwegige ist leicht zu widerlegen.

Mit anderen Worten: Der Vorstoß des französischen Außenministeriums, mich auf die Sanktionsliste zu setzen, hat lediglich deutlich gemacht, was mir ein Journalist einer großen französischen Tageszeitung 2022 am Telefon erklärte:

»Unsere Redaktion verbietet uns, die Wahrheit zu sagen, denn das würde bedeuten, dass wir Wladimir Putin unterstützen.«

Drittens basieren diese Sanktionen nicht auf dem, was ich gesagt habe, sondern was Journalisten über mich erzählt haben. Oder sie stützen sich auf Aussagen, die sie mir zuschreiben, ohne dass ich sie jemals getätigt hätte. Anders ausgedrückt werden mich diese Sanktionen unweigerlich dazu zwingen aufzuzeigen, dass sie gelogen haben.

Der Anfang ist schon gemacht. In diesem Werk wird der Leser selber feststellen können, dass unsere westlichen Medien (insbesondere in Frankreich) bewusst das Bild verfälschen, das die Ukrainer selbst uns von ihrem Konflikt geben. Die vom Selenskyj-Berater Oleksij Arestowytsch am 18.3.2019 beschriebene Strategie war vor dem 15.12.2025 praktisch unbekannt. Heute kennt sie jeder.

Durch das Zusammenspiel dieser drei Folgen haben meine Aussagen mehr Gewicht bekommen. Die Sanktionen sind zu einem Bezugspunkt geworden. Sie verdeutlichen den immer größeren – und stark unterschätzten – Spalt zwischen den Bevölkerungen und ihren pervertierten und narzisstischen politischen Führern. Wir haben es mit demselben unerwarteten Mechanismus zu tun, der etwa Bart De Wever, welcher zuvor in den Medien als »rechtsextremer Politiker« gescholten wurde, eine allseitige Beliebtheit verliehen hat, quer durch das belgische politische Spektrum. Der Grund: Er hielt der Europäischen Kommission in der Frage des russischen Staatsvermögens stand.

Heute sind die Sanktionen ein Ansporn, meine Bücher zu lesen. Und sei es auch nur, um zu prüfen, ob die Anschuldigungen begründet sind. Diese Hoffnung muss ich enttäuschen. Dadurch, dass alle meine Aussagen aufgeschrieben und in meinen Büchern publiziert wurden, werden die Leser feststellen, dass die belgische RTBF, die schweizerische RTS sowie weitere unehrliche Medien und Journalisten, korrupte Diplomaten wie auch Politiker und allerlei »Experten« bewusst gelogen haben, um in Fernsehstudios einmal groß herauszukommen. Es kommt nicht von ungefähr, wenn die Zuschauer und Zuhörer die Aufrichtigkeit unserer Traditionsmedien mehr und mehr in Frage stellen.

Wer Ohren hat zu hören …

Ganz allgemein bestätigen diese Sanktionen eine Tendenz, die sich überall beobachten lässt: das Verschwinden des Dialogs zugunsten von Zwangsmaßnahmen als Mittel der Außenpolitik. Unsere Diplomatie, die früher von erfahrenen Diplomaten mit Lebenserfahrung und Menschenkenntnis betrieben wurde, ist heute in den Händen von radikalen Soziopathen. Das Unvermögen, fremde Kulturen, die Geschichte oder einfach nur menschliche Beziehungen zu verstehen, hat Europa zu einer binären Wahrnehmung der Welt gebracht, bei der kein Platz für Zwischentöne bleibt. Dadurch werden ein Narrativ notwendig, das schönreden soll, und Sanktionen, die Lösungen erzwingen sollen, die aber ihr Ziel nicht erreichen. Stattdessen untergraben sie unsere Demokratie viel stärker, als dies Russland tun würde.

Der Unterschied zwischen Autokratien und unseren Demokratien bestand darin, dass Letztere stark genug waren, um nicht auf Zensur zurückgreifen zu müssen. Während fünfzig Jahren »Kalten Krieges« hatten wir es trotz des ideologischen Kampfes zwischen Ost und West nicht nötig, die »sowjetische Propaganda« zu zensieren. Weshalb nicht? Weil wir eine politische Führung besaßen, die der Demokratie vertraute. Heutzutage muss diese Führung voreilige Entscheidungen verteidigen, die auf einem Narrativ gründen, das schnell zerbröckelt …

Es ist nachvollziehbar, dass ein Land im Kriegszustand gegen Desinformation vorgeht. Das trifft auf die Ukraine wie auf Russland zu. Dort wird man allerdings durch Gerichte verurteilt. In Europa, das sich nicht im Krieg befindet, wird das Strafurteil durch Politiker gefällt (die nichts von dem Fall wissen!). Ohne eine gerichtliche Entscheidung und ohne eine Gesetzesübertretung …

Wenn die EU objektiv schlechter vorgeht als Russland, welche Werte verteidigen wir dann genau?

(…)

3.1. Der Euromaidan (Dezember 2013–Februar 2014)

(…) Zunächst äußert sich die Unzufriedenheit während der populären friedlichen Demonstrationszüge in einer »positiven« Atmosphäre. Aber schnell wird die Stimmung radikaler: Das Profil der Demonstranten sowie die Art der Proteste ändern sich. (…) Die populäre Bewegung der ersten Tage der »Revolution der Würde« wurde also sehr schnell von den Ultranationalisten gekapert, um sie in einen Staatsstreich zu verwandeln, wobei man sich auf unsere Medien und unsere Politiker stützte.

Der Wendepunkt der Ereignisse vom Maidan war der Einsatz von Scharfschützen, um Demonstranten zu liquidieren. Das westliche Narrativ hat – wie selbstverständlich – den Präsidenten Janukowitsch Die Bemühungen Russlands um eine politische Lösung beschuldigt, den Schießbefehl auf die Demonstranten gegeben zu haben. Doch recht schnell kamen Zweifel an der wirklichen Verantwortung für diese Morde auf. Im Jahr 2023 wird die Angelegenheit vor einem ukrainischen Gericht verhandelt. Das am 18. Oktober 2023 gesprochene Urteil lautet wie folgt:

Das Hotel »Ukraina«, von dem aus die Schüsse abgegeben wurden, war zu dem fraglichen Zeitpunkt in der Hand von Maidan-Kämpfern. Dort befand sich eine der extremen Rechten nahestehende Gruppe, die das Feuer eröffnete. „ Es gab keine russische Beteiligung an dem Massaker. Und es wurde kein Befehl zu seiner Durchführung von Viktor Janukowitsch oder seinen Ministern gegeben. „ Zum Zeitpunkt des Massakers war der Euromaidan keine friedliche Demonstration mehr, sondern ein »Aufstand«, der zum Tod von Mitgliedern der Sicherheitskräfte Berkut und anderer Polizisten geführt hatte.

„ Das Massaker beschleunigte den gewaltsamen Sturz von Janukowitsch sowie seiner Regierung, die zu Unrecht beschuldigt wurden, verantwortlich zu sein. Das ukrainische Urteil wird durch verschiedene akademische Studien sowie durch Journalisten bestätigt. Der kanadisch-ukrainische Journalist Ivan Katchanovski, der die Ereignisse vom Maidan untersucht hat, stellt klar:

»Neben dem Freispruch für zwei Berkut-Polizisten, denen vorgeworfen wurde, Maidan-Kämpfer verletzt und getötet zu haben, besagt das Urteil weiterhin, dass fünf Berkut-Offiziere zu Unrecht beschuldigt wurden. Ihre Anklage, Maidan-Demonstranten getötet und weiteren Verletzungen zugefügt zu haben, entbehrt jeder Grundlage. Dies ist ein weiterer Beweis für frei erfundene Beschuldigungen, die politisch motiviert waren.«

Frieden in der Ukraine

Das Büro für Menschenrechte der Vereinten Nationen stellt fest: »Die Untersuchung der während der Maidan-Demonstrationen verübten Morde (2013–2014) ist durch einen Mangel an Kooperationsbereitschaft von Seiten des Ministeriums für Inneres und Staatsschutz mit den Sonderuntersuchungen des Büros des Generalstaatsanwalts gebremst worden.«

Am 21. Februar 2014 schlägt Präsident Janukowitsch ein Abkommen mit den Demonstranten vor, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Das mithilfe europäischer und russischer Diplomaten ausgehandelte Abkommen wird vom Präsidenten sowie den wichtigsten ukrainischen Oppositionsführern unterzeichnet. Und Garanten sind die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens. Das Abkommen sieht unter anderem Folgendes vor:

  • „ das Abhalten vorgezogener Präsidentenwahlen;
  • „ die Rückkehr zur ukrainischen Verfassung von 2004, um die Macht des Präsidenten zu begrenzen;
  • „ die Bildung einer »Regierung des nationalen Vertrauens«;
  • „ eine Untersuchung der verübten Gewalttaten;
  • „ Straffreiheit für die begangenen Gewalttaten;
  • „die Deeskalation der Lage durch die Regierung sowie die Opposi-
    tion:
  • ein Ende der Gewaltausübung und einen Rückzug der Sicher-
    heitskräfte.

Von diesem Augenblick an geht alles sehr schnell. Das Abkommen wird von den Ultranationalisten abgelehnt. Sie drohen neue Angriffe an, sollte Janukowitsch bis zum folgenden Morgen nicht zurückgetreten sein. Die französischen und deutschen Unterzeichner des Abkommens stehen nicht für ihre Unterschrift ein. Ehrlos und wortbrüchig überlassen sie das Land den Milizen.

Am Nachmittag ordnet Janukowitsch, wie im Abkommen vereinbart, den Abzug der Sicherheitskräfte an. Damit überlässt er den Ultranationalisten das Feld. Diese stürmen bewaffnet am folgenden Morgen die Präsidentenresidenz und zwingen den Präsidenten, sie fluchtartig zu verlassen, um sein Leben zu schützen. Dann besetzen sie öffentliche Gebäude.

Am 22. Februar beschließt die Rada mit 328 Ja- und einer Nein-Stimme28 die Absetzung Janukowitschs und legt für den 25. Mai die Wahl eines neuen Präsidenten fest.29 In Wahrheit folgt diese Abwahl nicht der dafür in der ukrainischen Verfassung vorgesehenen Prozedur. Die Verfassung hätte eine formale Anklage von Janukowitsch, eine Untersuchung der Anklagepunkte durch das ukrainische Verfassungsgericht und eine Abwahl mit Zweidrittelmehrheit des Parlaments (mindestens 338 Ja-Stimmen) vorgesehen. Stattdessen erklärt das Parlament, Janukowitsch sei selbst »auf nicht verfassungsgemäße Art von seinem Amt zurückgetreten«. Es macht eine »Notfallsituation« geltend, um das Abhalten von vorzeitigen Wahlen zu rechtfertigen.

Die Gesetzgeber wählen anschließend den Oppositionsführer Oleksandr Turtschynow zum Parlamentspräsidenten, Interimspräsidenten und ukrainischen Ministerpräsidenten. Eine Entscheidung, die ebenfalls die Verfassung verletzt. Verfassungsgemäß hätte Ministerpräsident Serhij Arbusow den abgesetzten Präsidenten ersetzen müssen.

Im Jahr 2025 wird der französische Außenminister Jean-Noël Barrot die Gewalttaten des Maidan rechtfertigen und damit sein Demokratieverständnis in ein wenig schmeichelhaftes Licht rücken, das die dunkelsten Stunden in der Geschichte Frankreichs in Erinnerung ruft.

Der Euromaidan ist also sehr wohl ein Staatsstreich. Er wurde von der westlichen katholischen Minderheit in der Ukraine durchgeführt, deren Wurzeln in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zu suchen sind, und war gegen die orthodoxe Mehrheit gerichtet, die dem Russischen Reich entstammt.“

Ende der Leseprobe.

Jacques Baud: „Frieden in der Ukraine — Zwölf Jahre der Unvereinbarkeit von Ost und West“. Westend. Softcover. 368 Seiten. 32 Euro. 

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