Michael Martens war seine Ausdrucksweise auf der gemeinsamen Pressekonferenz des serbischen und des ukrainischen Präsidenten am 8. August in Belgrad nicht etwa peinlich. Es war kein Ausrutscher. Der Korrespondent der FAZ für Südosteuropa verbreitete seine Frage an Zelensky selbst auf der Plattform X. Auf den Sturm der Entrüstung antwortete er:
„Wie werden Kriege beendet? Indem Soldaten getötet und die Infrastruktur des Gegners zerstört wird. Lest Memoiren aus dem 2. Weltkrieg. Seht, was Russland mit der Ukraine macht. Nur wenn die freie Welt mehr russische Soldaten töten kann als Putin ersetzen kann, wird er gezwungen, ihn zu beenden.“
Diese Formulierungen eines Journalisten der in Sachen öffentliche Meinungsbildung wohl wichtigsten deutschen Tageszeitung enthält die ganze Misere der deutschen Außenpolitik. Die zynische Kälte, mit der die unbefristete Fortsetzung des Sterbens Zehntausender ukrainischer und russischer Soldaten für notwendig erklärt wird. Das Töten möglichst vieler Russen wird sogar zum Ziel erklärt, ohne dessen Erreichung es kein Kriegsende geben kann. Gemeint ist eher „darf“. Verhandlungen mit gegenseitigen Zugeständnissen als Weg zum Kriegsende werden ausgeschlossen. Martens setzt im Disput auf X die russische Regierung mit der Nazi-Regierung gleich, deren Ziel die Weltherrschaft war und die nur gestoppt werden konnte, indem sie militärisch besiegt wurde. (Was auch nicht ganz stimmt, denn ohne die Unterstützung der Nazis durch Konzerne und Zentralbanken der Westmächte wäre es wahrscheinlich nicht so weit gekommen.)
Letztlich ist alles falsch an Martens Analyse. Wenn es der Ukrainischen Armee gelingen sollte, noch mehr Russen zu töten, würde Russland wahrscheinlich darauf umschwenken, noch mehr ballistische Raketen auf die ukrainischen Städte regnen zu lassen. Russland strebt nicht die Weltherrschaft an, sondern Kontrolle über die Krim und den Osten der Ukraine sowie eine entmilitarisierte Ukraine. Egal wie man zu diesen Forderungen steht, sie sind Verhandlungen und Vergleichen mit Alternativszenarien bei Kriegsfortsetzung sehr viel eher zugänglich als das Anstreben der Weltherrschaft und des Genozids an Bevölkerungsgruppen.
Ebenso richtig wie verräterisch ist allerdings Martens Formulierung, dass „die freie Welt“, sprich die NATO, die russischen Soldaten töte. Das klingt wie eine Definition von „Stellvertreterkrieg“, um den es sich beim Ukrainekrieg nach offizieller Lesart angeblich nicht handelt. Die Ukraine hat nichts von einer Fortsetzung des Krieges und dem Töten von mehr russischen Soldaten. Das bringt ihr nur mehr Zerstörung und noch mehr Tote, ohne Aussicht darauf, die Krim und die Ostgebiete zurückzuerobern. Es ist lediglich das Interesse der NATO an der Schwächung eines zum geopolitischen Konkurrenten erklärten Landes, dem mit der Tötung von Russen gedient ist.
Wenn man der Regierungs- und Medienpropaganda zum Opfer gefallen ist, wonach ohne diesen Abnutzungskrieg Russland bald die NATO angreifen werde, kann man wohl einen Sinn in dieser zynischen Strategie sehen. Aber mehr als auf allen Kanälen tausendfach wiederholte Propaganda ist das nicht. Denn Russland hat nicht die Spur einer Chance, die militärisch übermächtige Nato zu besiegen und weiß das auch. Warum sollte ein Land, das nicht einmal die von der NATO unterstützte Ukraine besiegen kann, sich einbilden, die NATO in offener Schlacht besiegen zu können.
Eine Zeitung, die solche zynisch-unterkomplexen propagandistischen Entgleisungen eines zuständigen Journalisten toleriert, sollte niemand mehr lesen und kaufen. Regierungs- und Oppositionsparteien, deren zynische außenpolitische Strategie dieser Journalist auf den Punkt bringt, müssen dringend abgewählt werden, damit das Töten endlich aufhören kann.
Eine Video mit der Frage und dem Fragesteller gibt es z.B. hier.