Ich schaue lieber Rugby als Fußball, weil dort fast immer etwas los ist, und man nicht standardmäßig ein halbe Stunde auf das nächste Tor und oft eine Viertelstunde auf den nächsten Torschuss warten muss. Beim Rugby (Union-Version) gibt es für einen Sieg vier Punkte. Bei Unentschieden, die sehr selten sind, bekommt jedes Team zwei Punkte. Dazu kommen Bonuspunkte. Wer vier „Versuche“ legt, die Entsprechung zum Touchdown im American Football und grob zum Tor im Fußball, bekommt einen Bonuspunkt. Den können auch beide Mannschaften bekommen. Einen zusätzlichen defensiven Bonuspunkt bekommt die Verlierermannschaft, wenn sie nur knapp verliert. Die für die Zuschauer attraktive Folge ist, dass die Teams sich stärker darauf konzentrieren, Versuche zu legen, als die des Gegners zu verhindern. Spiele mit weniger als insgesamt vier Versuchen sind selten. Außerdem bleiben die Spiele länger spannend, weil eines oder beide Teams oft noch in Reichweite eines (weiteren) Bonuspunkts ist, auch wenn der Sieger schon so gut wie feststeht.
Fußball kann auch unterhaltsam sein, hat aber das Problem, dass es relativ gut möglich ist, Tore zu verhindern und viele Mannschaften darauf großes Gewicht legen. Weil zu viele Spiele mit einem gänzlich unattraktiven 0 zu 0 oder mit 1 zu 0 endeten, führte zuerst die englische Liga 1981 die Dreipunkteregel ein, wonach man für einen Sieg drei Punkte, für ein Unentschieden je einen Punkt bekommt. Es dauerte bis zur Weltmeisterschaft 1994 in den USA, dass die Fifa die Dreipunkteregel anwendete. In der Bundesliga wurde die Regel ab der Saison 1995/96 angewendet. Es dauerte ein paar Spielzeiten, bis sich ein in Toren messbarer Effekt einstellte und er blieb begrenzt.
Die Schwäche der neuen Regel liegt darin, dass bei zwei etwa gleich guten Mannschaften diejenige, die mit einem Tor in Führung geht, einen Anreiz bekommt, auf defensiv zu schalten. Denn wenn sie ein Tor kassiert, verliert sie zwei Punkte. Sie fällt von drei Punkten auf einen Punkt zurück. Wenn sie ein weiteres Tor schießt, gewinnt sie dagegen erst einmal nichts für die Punktdifferenz. Sie schafft nur etwas Sicherheitsabstand. Wenn ein Team durch defensive Spielweise die Torwahrscheinlichkeit für beide Mannschaften gleich stark senken kann, ist sie die dominante Strategie.
Im Eishockey wurde die Dreipunkteregel später eingeführt und mit einer Abwandlung garniert, deren Grundprinzip auch für den Fußball nützlich sein könnte. Wer in der regulären Spielzeit gewinnt, bekommt drei Punkte. Wenn es nach der regulären Spielzeit Unentschieden steht, bekommt jedes Team einen Punkt und es gibt Verlängerung. Wer die Verlängerung gewinnt, bekommt einen weiteren Punkt. Für beide Mannschaften ist dadurch der Anreiz offensiv zu spielen, in der Verlängerung sehr stark. Denn sie verlieren nichts, wenn sie ein Gegentor kassieren, gewinnen aber einen Punkt, wenn sie selbst ein Tor schießen.
In vielen Ländern ist Fußball so populär, dass die Funktionäre und andere Beteiligte dazu neigen, nichts ändern zu wollen. In den USA und anderen Ländern, in denen Fußball in der zweiten Reihe der Aufmerksamkeit steht, würde es allerdings helfen, gegen Sportarten wie Football und Basketball zu konkurrieren, wenn mehr Tore fallen und mehr Torschüsse versucht würden.
Variante A: Bonuspunkt für mehrere Tore wie im Rugby
Eine wirksame Abwandlung der Dreipunkteregel wäre es, wenn man den dritten Punkt erst bekäme, wenn man gewinnt und dabei mindestens zwei Tore schießt. Dann kann man sich nicht so lange mit vorsichtigem Abtasten aufhalten, sondern muss früh anfangen, offensiv zu spielen, wenn man den dritten Punkt haben will. Erst nach dem zweiten Tor, statt schon nach dem ersten, entsteht der Anreiz, auf defensiv zu schalten. Der Anreiz ist auch nicht so stark wie bei der einfachen Dreipunkteregel, weil man durch ein Gegentor nur einen Punkt verliert, nicht zwei. Dadurch, dass offensiv ausgerichtete Mannschaften bei der Punktevergabe begünstigt werden, würden sich langfristig alle Teams offensiver ausrichten und relativ weniger Gewicht auf das Verhindern von Toren legen. Selbst wenn sie in einem Spiel auf defensiv schalten, wären sie nicht mehr so gut darin.
Den Bonuspunkt, so wie im Rugby, jeder Mannschaft zu geben, die mindestens zwei Tore schießt, wäre nicht unbedingt empfehlenswert. Die dadurch mögliche Erhöhung der Punktezahl für beide würde zu Absprachen einladen. Für solche Absprachen scheint es beim Rugby zwar keine starken Anzeichen zu geben. Aber das könnte im Fußball anders sein.
Variante B: Teilweise Punkteteilung wie im Hockey
Auch das Prinzip der Punkteteilung bei einem knappen Sieg würde die Anreizstruktur im Fußball deutlich verbessern. Die Regel könnte lauten:
- Drei Punkte, für das Siegerteam bei mindestens zwei Toren Unterschied, null Punkte für des Verliererteam
- Zwei Punkte für das Siegerteam bei einem Tor Unterschied, einen Punkt für das Verliererteam, aber nur, wenn dieses ein Tor geschossen hat
- Ein Punkt pro Team bei Unentschieden.
Unter diesem System würden die Mannschaften sich stärker auf das Tore-Schießen als auf das Tore-Verhindern verlegen als bei der einfachen Dreipunkteregel. Außerdem blieben die Spiele spannend, selbst wenn der Abstand schon zwei oder drei Tore beträgt und das Spiel sich dem Ende zuneigt.
Anreizstruktur im Vergleich
Schauen wir uns an, wie die Anreizstruktur bei verschiedenen Spielständen unter der Dreipunktregel und den beiden Varianten aussieht. Die Teams seien gleich stark. Sie sollen zwei Strategien zur Auswahl haben: die offensive, bei der jedes Team eine Wahrscheinlichkeit von z.B. zwei Prozent hat, in der nächsten Minute ein Tor zu schießen, und die defensive, bei der die Torwahrscheinlichkeit jeweils niedriger, zum Beispiel bei einem Prozent liegt. Zusammengefasst komme ich zu folgendem Ergebnis:
- Beim Stand von 0 : 0 schaffen alle drei Punkteregeln einen Anreiz, offensiv zu spielen, wobei die Abtastphase bei den beiden Varianten in der Regel kürzer sein dürfte.
- Beim Stand von 1 : 0 schlägt Variante A (3. Punkt für zwei Tore) Variante B (Punkteteilung bei knappem Sieg) und beide schlagen die Dreipunktregel deutlich.
- Beim Stand von 1 : 1 schlägt Variante B Variante A und beide schlagen die Dreipunktregel.
- Beim Stand von 2 : 1 schlägt Variante B Variante A und die gleichwertige Dreipunktregel.
- Beim Stand von 2 : 0 sind die Dreipunktregel und Variante A gleichwertig und schlagen Variante B.
Ausführlicher betrachtet stellt sich die Anreizstruktur in den drei alternativen Punktsystemen für die führende Mannschaft wie folgt dar. (Die zurückliegende Mannschaft hat fast immer einen Anreiz, offensiv zu spielen und wird daher nicht näher betrachtet.)
Stand 0 : 0
Dreipunkteregel: Wenn es so bleibt gibt es einen Punkt für jedes Team. Ein Tor schießen bringt zwei Punkte mehr, ein Tor kassieren einen Punkt weniger. Es gibt einen Anreiz offensiv zu spielen.
Variante A: Ein Tor schießen bringt einen Punkt mehr, und die erhöhte Chance auf noch einen Punkt mehr. Ein Tor kassieren kostet einen Punkt. Es gibt einen Anreiz offensiv zu spielen. Dieser ist nur vordergründig geringer als unter der Dreipunkteregel. Wenn man mindestens zwei Tore schießen muss, um drei Punkte zu bekommen, fällt die die übliche vorsichtige Abtastphase am Anfang wohl in der Regel kürzer aus.
Variante B: Wie Variante A
Stand 1 : 0
Dreipunkteregel: Die führende Mannschaft hat direkt nichts zu gewinnen, wenn sie ein weiteres Tor schießt, aber zwei Punkte zu verlieren, wenn sie eines kassiert. Das schafft einen starken Anreiz, auf defensiv zu schalten. Dieser wird abgemildert, aber nicht beseitigt dadurch, dass man mit einem weiteren Tor einen Sicherheitsabstand schafft.
Variante A: Die führende Mannschaft gewinnt einen Punkt, wenn sie ein weiteres Tor schießt, und verliert einen Punkt, wenn sie ein Tor kassiert. Sie wahrt aber auch im Fall eines Gegentors die Chance, mit dem nächsten Tor auf drei Punkte zu erhöhen. Sie hat also einen Anreiz, weiter offensiv zu spielen.
Variante B: Die führende Mannschaft gewinnt einen Punkt, wenn sie ein weiteres Tor schießt, und verliert einen Punkt, wenn sie ein Tor kassiert. Sie ist unentschieden zwischen offensiver und defensiver Spielweise.
Stand 1 : 1
Dreipunkteregel: Wenn es so bleibt gibt es einen Punkt. Ein Tor schießen bringt zwei Punkte mehr, ein Tor kassieren einen Punkt weniger. Es gibt einen Anreiz offensiv zu spielen.
Variante A: Ein Tor schießen bringt zwei Punkte mehr. Ein Tor kassieren kostet einen Punkt. Es gibt einen Anreiz offensiv zu spielen.
Variante B: Ein Tor schießen bringt einen Punkt mehr, und die erhöhte Chance auf noch einen Punkt mehr. Ein Tor kassieren kostet direkt nichts. Es gibt einen sehr starken Anreiz offensiv zu spielen.
Stand 2 : 1
Dreipunkteregel: Die führende Mannschaft hat direkt nichts zu gewinnen, wenn sie ein weiteres Tor schießt, aber zwei Punkte zu verlieren, wenn sie eines kassiert. Das schafft einen starken Anreiz, auf defensiv zu schalten.
Variante A: Die führende Mannschaft gewinnt direkt nichts, wenn sie ein Tor schießt. Sie verliert zwei Punkte, wenn sie ein Tor kassiert. Sie hat einen starken Anreiz auf defensiv zu schalten.
Variante B: Die führende Mannschaft gewinnt einen Punkt, wenn sie ein Tor schießt, und verliert einen Punkt, wenn sie ein Tor kassiert. Sie ist unentschieden zwischen offensiver und defensiver Spielweise.
Stand 2 : 0
Dreipunkteregel: Die führende Mannschaft hat direkt nichts zu gewinnen, wenn sie ein weiteres Tor schießt, und nichts zu verlieren, wenn sie eines kassiert. Allerdings riskiert sie bei einem Gegentor, beim nächsten Tor zwei Punkte zu verlieren. Das schafft einen begrenzten Anreiz, auf defensiv zu schalten.
Variante A: Wie die Dreipunktregel
Variante B: Die führende Mannschaft gewinnt direkt nichts, wenn sie ein Tor schießt, und verliert einen Punkt, wenn sie ein Tor kassiert. Das schafft einen Anreiz defensiv zu spielen.
Fazit
Eine relativ moderate Änderung des Punktesystems würde ziemlich sicher dazu führen, dass die Teams sich weniger auf das Tore Verhindern und mehr auf das Tore Schießen konzentrieren. Das würde zu attraktiveren Spielen mit mehr Torszenen und Toren führen. Variante A (drei Punkte bei Sieg mit mindestens zwei Toren) ist die einfachste Regeländerung und ist am wirksamsten zur Verhinderung des zweit-unattraktivsten Ergebnisses 1 zu 0. Beide Varianten sind bei diesem Spielstand sehr viel besser als die einfache Dreipunkteregel.
Wenn man noch etwas neuerungsfreudiger wäre, könnte man zur Verhinderung des denkbar unbefriedigenden Ergebnisses 0 zu 0 die Regel einführen, dass es bei diesem Spielstand ein Elfmeterschießen gibt und dessen Sieger einen Punkt bekommt.