Das erklärte Vorbild und die Keimzelle für das Förderprogramm ist die Kooperation von Kay Voges, seit der Spielzeit 2025/26 Intendant am Schauspiel Köln, mit Correctiv. Nur wenige Tage, nachdem Correctiv seine denkwürdige „Recherche“ „Geheimplan gegen Deutschland“ am 10. Januar 2024 veröffentlicht hatte, brachte Voges in Kooperation mit Correctiv das Werk als szenische Lesung auf die Bühne des Berliner Ensembles. Offenkundig hatten sie schon vor der Veröffentlichung kooperiert. Als Voges nach Köln wechselte, verkündeten er und Correctiv am 10. September 2025 eine auf „mindestens fünf Jahre“ angelegte Kooperation unter dem Titel „Theater und Journalismus“.
Den Auftakt bildete das am gleichen Tag aufgeführte Stück „Geheimplan gegen Deutschland – Ein Nachspiel“. Darin setzt sich der an der ursprünglichen Aufführung in Berlin beteiligte Schauspieler Andreas Beck in einem Monolog mit den Gerichtsprozessen gegen Correctiv und gegen Medien, die deren Darstellung zum Potsdamer Remigrationstreffen weiterverbreitet hatten, auseinander. In mehreren Verfahren wurden Correctiv oder den berichtenden Medien Aussagen über Potsdam untersagt. Am Ende des Schauspieler-Monologs steht das für Voges und Correctiv günstige Resümee, dass es sich bei den Gerichtsverfahren bloß um die bekannte perfide Taktik Rechtsradikaler handle, Zweifel zu säen. Im Kern seien alle Vorwürfe gegen die Teilnehmer der Tagung korrekt.

Weiter ging es mit dem Correctiv-Stück „Krieg und Frieden“, das im November 2025 am Schauspiel Premiere hatte. Das Stück kommentiert den Aufstieg von Wladimir Putin, autoritäre Tendenzen in Russland, den Krieg gegen die Ukraine und energiepolitische Abhängigkeiten. Die staatstragende Botschaft macht ein Zitat des monologisierenden Schauspielers deutlich:
„„Meine friedensbewegte Jugend würde mich jetzt eigentlich dazu bringen, wieder ein Peace-Banner zu hissen. Aber wenn ich mir das alles anschaue, dann verstehe ich, dass politische Entscheidungsträger beschließen, wieder hochzurüsten.“
Die Rheinische Post bemängelte in ihrer Rezension eine einseitige Darstellung und dass es auch Correctiv manchmal mit den Fakten nicht allzu genau nehme.
In der Pressemitteilung über die Premiere wurde eine Ausweitung des Projekts angekündigt, wobei Correctiv als treibende Kraft erscheint:
„Darüber hinaus planen CORRECTIV und Schauspiel Köln die Beteiligung weiterer Bühnen, Akteurinnen und Journalisten: Ein fachkundiges Netzwerk von Theatermachern, Dramaturgen, Künstlern und Medienschaffenden ist in Vorbereitung, indem voneinander gelernt wird und Recherche und Bühne zusammenkommen, zur gemeinsamen Themen- und Stückentwicklung.“
Gemeint war ein Projekt, für das man EU-Förderung beantragt und zu diesem Zeitpunkt offenbar auch zugesagt bekommen hatte. Gefördert mit einer Million Euro aus dem Creative-Europe-Programm der EU-Kommission wollen neun große europäische Theater 18 „journalistische Theaterproduktionen“ auf die Bühne bringen, und damit live und digital 100.000 Menschen erreichen. Vorbild ist laut Projektbeschreibung ausdrücklich Voges „Geheimplan“-Inszenierung in Berlin:
„TRUST hat sich zum Ziel gesetzt, die Erkenntnisse aus der überaus erfolgreichen journalistischen Theaterproduktion „Geheimplan Gegen Deutschland“ aus dem Jahr 2024 in Deutschland zusammenzuführen, die 1,5 Millionen Menschen erreichte und die größten Proteste in der deutschen Geschichte auslöste. Es will die Kapazitäten europäischer Theaterfachleute ausbauen, damit brisante Geschichten zu aktuellen Themen deutlich schneller auf die Bühne gebracht werden können.“
„Geschichtenerzähler, die komplexe Zusammenhänge klar, präzise und eindringlich vermitteln können“ sollen Desinformation und Fake News begegnen. Eine Pressemitteilung der EU-Kommission über ihr Förderprogramm für investigativjournalistische Theaterproduktionen ist nicht zu finden. Die Kommission scheint kein Interesse an Transparenz und großer Öffentlichkeit zu haben. Dieses Desinteresse ist verständlich. Denn so richtig überzeugend als großes Vorbild für ein Aufklärungsprojekt gegen Desinformation ist „Geheimplan gegen Deutschland“ nicht mehr. Es ist zwischenzeitlich in weiten Teilen als Fake News gerichtsaktenkundig geworden.
Mit Fake News gegen Desinformation
Konnte man das Resümee der September-Inszenierung der Geheimplan-Wiederaufnahme, wonach die Correctiv-Darstellung im Kern korrekt sei, noch als selbsgerechte Wahrnehmungsverzerrung Voges entschuldigen, so geht das nicht mehr, seit im Februar 2026 das Landgericht Berlin Correctiv zentrale Aussagen seiner „Berichterstattung“ untersagte, darunter, dass über die Ausweisung von Staatsbürgern diskutiert worden sei. Das hinderte jedoch Voges nicht daran, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung noch am 20. April 2026 zu behaupten:
„Durch diese Recherche und unsere Aufführung konnte man erfahren, dass AfD-Politiker hinter verschlossenen Türen Massenabschiebungen planen, auch von Bürgern mit deutschem Pass.“
Hier verbreitet jemand, der vorgeblich im postfaktischen Zeitalter Fakten auf die Bühne bringen und gefördert von Steuergeld gegen Desinformation angehen will, wider besseres Wissen oder mindestens grob fahrlässig eklatante Falschinformationen. Kay Voges will sich sein EU-gefördertes Weltbild nicht nehmen lassen und will sich auch nicht daran hindern lassen, es auf die Bühne zu bringen.
Die Kommission überließ es den Projektleitern das Projekt und seine Förderung Ende März 2025 auf der Netzseite von „Truth on Stage“ zu verkünden und zu erklären. Die Förderung läuft aber schon seit Januar 2025. Sie endet, wenn sie nicht verlängert wird, Mitte 2028. Die Pressesprecherin von Truth on Stage wich den Fragen aus, wann das Projekt beantragt und wann es bewilligt wurde. So ist nicht klar, ob das für die Geheimplan-Recherche verheerendste Gerichtsurteil von Februar 2026 zum Zeitpunkt der Bewilligung bereits gefällt war.
Kay Voges hat zusammen mit der European Theatre Convention (ETC) das Projekt beantragt und leitet es gemeinsam mit ETC. ETC ist ein am Deutschen Theater in Berlin angesiedelter Theaterverband mit einem Jahresbudget von 855.000 Euro (2024), das überwiegend aus EU-Fördertöpfen stammt. Wir haben hier also einen von der EU großzügig finanzierten Theaterverband und ein Mitglied eines von der EU finanzierten Faktencheckernetzwerks, die gemeinsam ein von der EU finanziertes Projekt auf den Weg bringen, um der EU genehme Wahrheiten an die großen Theater zu bringen. Das soll die Demokratie stärken.
Teilnehmer sind neun Theater in neun Ländern, neben dem Schauspiel Köln auch das Volkstheater Wien, an dem Voges Intendant war, bevor er nach Köln wechselte. Außerdem nehmen teil: Ivan Vazov Nationaltheater in Bulgarien, das Nationaltheater Prag, das französische Théâtre Nanterre-Amandiers und das ungarische Örkény István Theater, das Amsterdamer Ensemble De Toneelmakeri, das portugiesische D. Maria II Nationaltheater und das Folkteatern Göteborg.
Welche Medienhäuser oder NGOs neben Correctiv als journalistische Partner beteiligt sind, wird auch ein halbes Jahr nach Start des Förderprojekts noch nicht verraten. Ob zwei im Februar und April 2026 in Köln gezeigte Correctiv Stücke namens „Das unsichtbare Gift im Rhein“ und „Das Schweigen des Heiligen Vaters“ Teil des EU-geförderten TRUST-Programms waren, verriet die Sprecherin von Truth on Stage auch auf Nachfrage nicht.
Ich erbat von Truth on Stage auch eine Stellungnahme zu der Frage, wie sichergestellt werde, dass die beteiligten Theater durch die Förderung nicht zu bezahlten Verbreitern von Sichtweisen der EU-Kommission werden, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass Correctiv Teil des von der EU-Kommission finanzierten Faktenchecker-Netzwerks EDMO/GADMO ist. Auch nachdem ich mich einverstanden erklärt hatte, zehn Tage auf die Stellungnahme zu warten, erhielt ich auf diese offenbar zu schwierige Frage keine Antwort. Die Fragen nach Details der Förderung wurde mit Hinweis auf eine unergiebige EU-Netzseite beantwortet. Nur den Hinweis, dass Correctiv kein Fördergeld aus dem Topf erhalte, ließ sich die Sprecherin des Projekts entlocken.
Die Zugeknöpftheit sowohl der EU-Kommission als auch der Projektleiter lassen mich schließen, dass sie etwas zu verbergen haben, was die ganze Sache noch anrüchiger und peinlicher aussehen ließe als ohnehin schon.
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