Offener Brief an die “kaputtgesparte Bimmelbahn”

Liebe Bahnmanager, mir ist bewusst, dass es nicht Ihre Schuld ist, dass Herr Dobrindt und seine Vorgänger die Bahn kaputtgespart haben, mit der Folge, dass man auf einer Fahrt von Frankfurt am Main nach Lindau erleben darf, dass ein erster Zug wegen dichter Zugfolge, der zweite wegen Oberleitungsstörung, der dritte wegen „Problemen auf der Strecke“ zwischen 15 und 35 Minuten Verspätung haben. Was Sie jedoch Bahncard- und Zeitkarten-Kunden als Entschädigung anbieten, ist eine dreiste Verhöhnung und trägt sicherlich zu Ihrem schlechten Image bei.

Den schönen Artikel in der Süddeutschen „Im Land der kaputtgesparten Bimmelbahn“, wonach bei uns nur ein Bruchteil dessen pro Einwohner in Bahninfrastruktur investiert wird, was sie sich andere Länder kosten lassen, habe ich gelesen. Ich weiß also, womit Bahnmanager umgehen müssen. Aber wie sie  es tun, ist nicht in Ordnung.

Dass es teilweise weder in den verspäteten Zügen, noch am Umsteigebahnhof eine Ansage dazu gab, ob der Anschlusszug wartete und wie man weiterkommen würde, war lästig, aber letztlich nicht entscheidend. Dass ich aber trotz einer Sicherheitsmarge von 65 Minuten meinen Termin verpasste, weil ich am Ende statt 4:05 Stunden 6:40 Stunden brauchte, störte doch beträchtlich. Immerhin konnte ich jedoch durch aktives Nachfragen bei missgestimmten Zugbegleitern einen Umschlag mit „Fahrgastrechte-Formular“ ergattern, der mir kommentarlos ausgehändigt wurde. Dank der stundenlangen Muße auf Anschlussbahnhöfen hatte ich genügend Zeit, die Hinweise zu lesen und das Formular zu studieren. So lernte ich dass zweieinhalb Stunden meiner Zeit und der verpasste Termin bei mir nur 21 Euro wert sind, nämlich die Hälfte des gezahlten Fahrpreises für einfache Fahrt. Ein Nicht-Bahncard-Kunde würde immerhin mit 42 Euro entschädigt. Damit bin ich aber immer noch privilegiert: Wer dumm genug ist, sich mit einer Zeitkarte des Nahverkehrs an die Bahn zu binden, bekommt für eine Stunde Verspätung nur 1,50 Euro. Da erst ab 4 Euro ausbezahlt wird, bekommt man erst ab drei mal einer Stunde Verspätung überhaupt etwas. Zeitkarteninhaber im Fernverkehr bekommen 5 Euro für eine Verspätung ab einer Stunde.

Das zeigt ziemlich deutlich die perfide Systematik hinter Ihren Entschädigungen. Nach außen wird eine anständige Entschädigung vorgegaukelt. Eine halbwegs faire Entschädigung bekommen aber nur gelegentliche Bahnfahrer auf Fernstrecken. Wer auf die Bahn angewiesen ist, oder sie aus Umwelt- oder Kostengründen viel nutzt, wird mit Entschädigungen abgefunden, für die es sich nicht einmal lohnt, die länglichen Formulare auszufüllen. Ein Zugbegleiterin hat mich zwar gebeten, es trotzdem zu tun, „damit die da oben merken, wie schief alles läuft“, aber ich denke, mit dem Weg, den ich gewählt habe wäre sie auch zufrieden. Zumal mir bei einem ersten Ausfüllversuch nicht klar wurde, wie ich drei verspätete Züge eintragen soll. Das ist nicht vorgesehen. Und der erste Zugbegleiter nutzte ein Stempeldatum, das zwei Tage in der Vergangenheit lag, was mir absehbar ungläubige Nachfragen auf ein Erstattungsansinnen eingebracht hätte.

Ich möchte diese Ratschläge loswerden:

  • Unterschätzen Sie nicht, welche wichtige Rolle Vielfahrer entweder als Werbende für das Bahnfahren oder als Imagevernichter für die Bahn spielen können.
  • Seien Sie ehrlich. Wenn Sie im Nahverkehr nicht entschädigen können oder wollen, dann lassen Sie es einfach, anstatt ein solches verlogenes Pseudo-Entschädigungssystem anzubieten.
  • Machen Sie die Entschädigung unabhängig vom Fahrpreis, denn der Schaden ist auch fast völlig unabhängig vom Fahrpreis. Gegen ein Limit bei 100% des Normal-Fahrpreises ist zur Vermeidung von Missbrauch und zur Kostenbegrenzung allerdings wenig einzuwenden.
  • Motten Sie Ihre schrecklichen Fahrgast-Abschreckungsformulare ein. Die Zugbegleiter oder die Informationsschalter an den Bahnhöfen wissen, wie verspätet der Zug ist und könnten in vielen Fällen unbürokratisch Gutscheine verteilen. Das würde dann natürlich teurer, weil die Entschädigung nicht nur auf dem Papier stünde, aber es würde viel böses Blut verhindern.
  • Wenn Ihr Schienennetz so desolat ist, dass sich die Verspätungen bei gegebenem Fahrplan nicht begrenzen und deshalb ehrliche Entschädigungen nicht finanzieren lassen,  dann seien Sie wenigstens bei den Fahrplänen ehrlich und planen Sie längere Umsteigezeiten und längere Fahrzeiten ein.

Mit freundlichen Grüßen, Norbert Häring