Heiner Flassbeck war Konjunkturchef beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), als dieses noch eine der letzten Hochburgen des Keynesianismus war. Während der kurzen Amtszeit Oskar Lafontaines als Finanzminister war er dessen Staatssekretär. Seine letzte Station, bevor er zum Blogger und freien Publizisten wurde, war von 2003 bis 2012 die des Leiters der Abteilung Globalisierung und Entwicklungsstrategien bei der UNCTAD.

Den Unterschied seines Ansatzes zu dem bei Ökonomen inzwischen fast nur noch üblichen erklärt Flassbeck so: Der vorherrschende Ansatz ist darauf aus, Marktlösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden. Dafür konstruieren die Ökonomen die Wirklichkeit stark vereinfachende, rechenbare Modelle, die zu diesem Ansatz passen. Er dagegen frage, welche Abläufe in der sozialen und wirtschaftlichen Realität zu beobachten sind, und wie man sie verstehen und erklären kann. Marktmechanismen sind dabei nur eine der möglichen Erklärungsmöglichkeiten.
Passend zu diesem Ansatz stellen die ersten knapp hundert Seiten einen Durchgang durch die Wirtschaftsgeschichte seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre dar. Flassbeck skizziert die Natur der jeweiligen Krisen und Umbrüche und liefert Erklärungen dazu. Diese sind zumeist erheblich erhellender als das, was die modellgetriebene Ökonomik der verschiedenen Schulen anzubieten hat. Dieses Kapitel ist auch für Nicht-Ökonomen sehr lehrreich.
Dann kommen gut hundert Seiten eher lehrbuchhafte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Denkschulen der Ökonomik. Diese sind vor allem für Ökonomie-Studenten hilfreich, damit sie nicht selbst langwierig herausfinden müssen, dass die Modelle, an denen sie sich abarbeiten, so gut wie nichts mit der Realität zu tun haben und diese auch nicht erklären können. Mir hätte es geholfen, wenn ich ein solches Buch seinerzeit parallel studiert hätte. Denn die Lehrbücher und Lehrer tun leider so, als korrespondierten die Begriffe in den Modellen mit den gleichlautenden Begriffen, die man zur Beschreibung der ökonomischen Realität verwendet. Ich habe das damals geglaubt und hatte deshalb große Schwierigkeiten, diese Modelle zu „verstehen“, die ich nicht mit der beobachteten Realität in Übereinstimmung bringen konnte. Ehemaligen Ökonomiestudenten können diese Seiten helfen, die geistigen Sackgassen zu erkennen und zu verlassen, in die man sie geschickt hat.
Die Kapitel zum „Arbeitsmarkt“, zum internationalen Handel und den damit nur zum Teil zusammenhängenden internationalen Finanzströmen sind dann wieder Kapitel, in denen die Erklärung der beobachteten Phänomene dominiert. „Arbeitsmarkt“ setze ich in Anführungszeichen, weil Flassbeck zu Recht anmerkt, dass das kein Markt im üblichen Sinne ist. Diese Kapitel sind für studierte oder studierende Ökonomen wie für Laien interessant, die besser verstehen wollen, was in der heimischen Wirtschaft und der Weltwirtschaft los ist.
Auch auf die Grenzen dessen, was dieses Buch leisten will und kann, sei hingewiesen. Das hätte der Autor für meinen Geschmack selbst etwas deutlicher tun können. Als jemand, der ein Buch über den Kapitalismus und seine Mängel und eines über die verdrängte Rolle der Macht in der Ökonomik geschrieben hat, bin ich in dieser Hinsicht sicherlich etwas voreingenommen: Aber so selbstverständlich und alternativlos ist der Kapitalismus nicht, dass man in einem solchen Buch gänzlich darauf verzichten sollte, ihn zu erwähnen und zu definieren.
Anders als inzwischen viele meinen, ist Kapitalismus keinesfalls mit Marktwirtschaft gleichzusetzen. Märkte funktionieren auch ohne dass Kapitalbesitzer in großem Umfang leistungslose Einkommen aus Gewinnen der Unternehmen abziehen. Flassbeck erweckt sogar an verschiedenen Stellen aktiv den Eindruck, das Normale heutzutage seien von Unternehmern geführte Betriebe und nicht von angestellten Managern des Kapitalmarkts geführte Konzerne. Die massive Zunahme der Ungleichheit kann er so natürlich nicht erklären.
Wenn Flassbeck die Kapitalbesitzer als dominierende Klasse von ökonomischen Akteuren mit ins Bild nähme, müsste er nicht Zuflucht zu der wenig plausiblen These nehmen, dass die Ökonomen und Politiker einfach nicht in der Lage sind zu verstehen, was er versteht. Dann käme er ziemlich schnell zu der These, dass es massiv im Interesse des Kapitals ist, dass die ökonomische Theorie und die Politik, die ihr folgt, so sind, wie sie sind. Keynesianische Politik, die die Kaufkraft der Arbeitnehmer als Faktor mitberücksichtigt, ist nun mal viel arbeitnehmerfreundlicher und damit gewinnschädlicher als die dominierenden Theorien, die sie verdrängt haben.
Dem Wert des Buches als Hilfe beim Verständnis der Prozesse und Zusammenhänge in der real existierenden Wirtschaft tut das aber keinen Abbruch, wenn man es mitdenkt.
Heiner Flassbeck: „Grundlagen ein relevanten Ökonomik„. 464. S., 68,- Euro. Westend. 2024.