Die überaus sonderbare Goldheimholung der Bundesbank

 Die Bundesbank hat das Tempo beim Teilabzug ihres Goldes aus New York 2014 deutlich gesteigert. Das war nicht schwer, hatte sie doch 2013 nur fünf Tonnen geschafft. 2014 waren es, wie sie heute per Pressemitteilung wissen ließ, immerhin 85 Tonnen. Hinzu kamen 35 Tonnen aus Paris, sodass die Bundesbank mit insgesamt 157 Tonnen aus dem Ausland geholten Goldes nun wieder knapp im Zeitplan ihres sehr unambitionierten Vorhabens ist, Ende 2020 die Hälfte ihres Goldes in Frankfurt liegen zu haben. Allerdings hat ihr die niederländische Zentralbank die Show

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gestohlen. Diese hat schon am 21. November 2014 völlig überraschend verkündet, dass sie schnell und heimlich 122 Tonnen Gold von New York nach Amsterdam geschafft hat. Das lässt die Erklärung der Bundesbank, warum sie 2013 nur fünf Tonnen schaffte, nämlich die angeblichen logistischen Schwierigkeiten des Unterfangens, in einem ziemlich ungünstigen Licht erscheinen.

 Was die Bundesbank in acht Jahren bis 2020 schaffen will, haben die Niederländer in zehn  Monaten erledigt: mehr als die Hälfte ihrer nationalen Goldreserve auf heimischem Boden zu lagern. Die Bundesbank hält dagegen auch jetzt noch knapp zwei Drittel unserer knapp 3400 Tonnen Gold im Ausland. In New York lagern mit 43 Prozent noch deutlich mehr als in Frankfurt mit 35 Prozent. Der Rest verteilt sich auf London und Paris.

 Das Thema ist sensibel, besonders seit der Bundesrechnungshof 2012 öffentlich gerügt hat, dass die Bundesbank Vollständigkeit und Qualität ihres Schatzes in New York noch nicht geprüft habe, sondern sich auf Versicherungen des Verwahrers, der in Bankenbesitz befindlichen Federal Reserve Bank of New York verlasse. Der Wert von Gold, so er einen hat, besteht darin, dass man es in Besitz hat. Wenn man es im Ausland lagert und sich mit einem Zettel zufrieden gibt, der bestätigt, dass das Gold da ist und einem gehört, kann man gleich einen anderen Zettel stattdessen nehmen, auf dem Dollar oder Anleihe steht. Das ist viel praktischer.

 Die Bundesbank teilt wie im letzten Jahr wieder mit, sie habe einen Teil des Goldes, diesmal waren es  50 Tonnen,  als „Stichprobe“ auf den heutigen Barrenstandard umschmelzen lassen - ohne Beanstandungen. Waren es im letzten Jahr nicht genannte Experten, die später zu nicht genannten Mitarbeitern einer nicht genannten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft wurden, die den Prozess überwachten, so war es diesmal die Bank für Internationalen Zahlungsausglich (BIZ) in Basel, deren Unterstützung man in Anspruch nahm. Außerdem habe diesmal, das ist neu, ein Mitarbeiter direkt in New York die Barrennummern der empfangenen Barren mit der Nummernliste der Bundesbank abgeglichen.

 Es kursieren alle möglichen Gerüchte zu dem Gold in New York. Sie reichen von dem Verdacht, dass das deutsche Gold ein Pfand der Siegermacht für das Wohlverhalten der Besiegten ist, bis hin zum Verdacht, dass ein großer Teil des Goldes nur auf dem Papier steht.  Meine bevorzugte Hypothese ist die zweite, denn es ist klar, dass es Doppelzählungen von Gold gegeben hat, und sehr wahrscheinlich, nach der Dokumentenlage, dass es sie immer noch gibt. Wenn aber zumindest manches Gold von zwei verschiedenen Parteien in den eigenen Büchern als Eigentum geführt wird, dann ist klar, dass Fehlbestände auftauchen würden, wenn man die Goldbestände an ihren jeweiligen Lagerstätten physisch in Augenschein nehmen und durchzählen würde. So lässt sich den Jahresberichten des IWF entnehmen, dass aus Anlass von Quotenerhöhungen in der Zeit des Goldstandards von Bretton Woods mindestens zwei Mal vereinbart wurde, dass sowohl die USA als auch der IWF einen Teil des von den USA beigesteuerten Goldes buchhalterisch als das Ihrige behandeln durften. In IWF-Dokumenten finden sich auch Diskussionen darüber, wie man die Möglichkeit der Doppelzählung von verliehenem Gold in den offiziellen Devisenreserven durch neue Buchungsregeln abstellen könnte. Die Regeln wurden bisher nicht erlassen. Wenn es die Möglichkeit der Doppelzählung gab und gibt, kann man wohl davon ausgehen, dass diese Möglichkeit genutzt wurde.

 Während es kaum möglich ist, solche Hypothesen gegen mauernde Notenbanken zu beweisen, fiele es New York Fed und Bundesbank leicht, überzeugende Indizien oder gar Beweise zu liefern, um sie zu widerlegen, wenn tatsächlich wie behauptet, alles in Ordnung wäre.

 Die Liste der verpassten Gelegenheiten und Widersprüche ist so lang, und wurde jetzt noch einmal verlängert, dass kaum plausibel ist, dass tatsächlich alles in Ordnung ist, und die Bundesbank und die New York Fed nur zu dumm oder zu starrsinnig sind, um die Beweise zu liefern:

 1 Die Bundesbank weigert sich weiterhin ohne einen plausiblen Grund nennen zu können, ihre Barrenliste zu veröffentlichen. Stattdessen speist sie uns mit der nicht nachprüfbaren Behauptung ab, ihre Beamten hätten abgeglichen und alles sei in Ordnung.

 2. Die Bundesbank lässt einen großen Teil der Barren sofort einschmelzen, sodass nie mehr feststellbar sein wird, ob sie in Ordnung waren und ob sie die richtigen Barrennummern hatten. Sie nutzt nicht die Möglichkeit, wenigstens mit Fotos den Zustand und die Nummern der Barren zu dokumentieren oder glaubwürdigen Personen oder Institutionen eine Prüfung zu ermöglichen, die die Korrektheit öffentlich testieren.

 3. Die Bundesbank hat sich damit zufrieden gegeben, dass die New York Fed den herausgegebenen kleinen Teil der Barren selbst aussucht. Selbst wenn bei diesen alles in Ordnung war, ist das keine Stichprobe, mit Aussagekraft für den großen Rest der Barren.

 4. Die Erklärung der Bundesbank, warum sie 2013 nur fünf Tonnen aus New York holte, sieht im Lichte der Aktion der Holländer 2014 sehr windig aus. Den Bestandsmeldungen der New York Fed zufolge, holte sie im Juni 2013 ihre fünf Tonnen und hörte dann wieder auf.

 5. Die Erklärung, warum man bis 2020 braucht, bis man wenigstens die Hälfte des eigenen Goldes in Besitz hat, sieht im Lichte der schnellen holländischen Aktion ebenfalls sehr windig aus.

 6. Die Bundesbank hat  im Herbst 2012 der Öffentlichkeit und dem Bundestag angekündigt, in drei Jahren 150 Tonnen aus New York zu holen. Anfang 2013 wurde diese Ankündigung dann kassiert und durch den Plan ersetzt, bis 2020 insgesamt 300 Tonnen aus New York zu holen. Beides widerspricht sich nicht. Der Punkt ist jedoch, dass die Bundesbank sich 2013 nicht mehr an ihre erste Zusage gebunden fühlte, was darauf hindeutet, dass sie es nicht unter ihrer Kontrolle hatte, sie einzuhalten. Es sieht momentan so aus, als könnte es schon klappen mit den 150 Tonnen in drei Jahren.

 7. Die Bundesbank hat gemäß den Bestandsmeldungen aus New York, unter Hinzuziehung dessen, was die Niederländer berichtet haben, rund die Hälfte der 85 Tonnen aus New York erst im letzten Monat des Jahres geholt, als die Niederländer mit ihren Verlagerungen fertig waren. Das lässt vermuten, dass die Federal Reserve nicht zu viel Gold auf einmal abgeben wollte. Da aber das Herausrollen der Barren, wenn alles in Ordnung ist, der mit Abstand einfachste Teil der ganzen Operation wäre, nährt das den Verdacht, dass das Herausgeben größerer Mengen nicht ganz so leicht ist, wie es sein sollte.

 8. Die Niederländer haben genau die gleiche Idee gehabt wie die Deutschen. Die Hälfte ihres Goldes wollen sie in Besitz nehmen. Mehr nicht. Komischer Zufall. Sieht ein bisschen so aus, als wären die Niederländer, nachdem die Bundesbank die Zusage der New York Fed bekommen hatte, in New York auf der Matte gestanden und hätten gesagt: wenn die Bundesbank Gold holen darf, wollen wir das auch. Die Betonung liegt auf DARF. Das könnte auch erklären, warum die Bundesbank ihre Zusage an den Bundestag so schnell wieder einkassieren musste. Nicht alle auf einmal, könnten die New Yorker gesagt haben.

 9. Die New York Fed scheint weiter keine Revision der verwalteten Goldbestände durch die Besitzer zu erlauben. Jedenfalls reagiert sie nicht auf Anfragen der Presse, ob sie es erlauben würden. Der Rechnungshof schrieb in seinem Bericht, der Zutritt zum Lagerraum des deutschen Goldes sei Bundesbank-Abgesandten verweigert worden. Er schreibt auch, die Bundesbank habe ihn, den Rechnungshof, vor ernsten diplomatischen Verwicklungen gewarnt, wenn man die Zuverlässigkeit der New York Fed in Zweifel zöge. Die Bundesbank dagegen sagt, man könne nach Belieben auf das Gold zugreifen und die Zusammenarbeit sei offen und vertrauensvoll und die Fed habe nie gebremst.

 10. Die Bundesbank sagt, sie hätte inzwischen Kontrollrechte von der New York Fed bekommen, die sie vorher nicht hatte. Sie gibt aber keinerlei Indikation, dass sie solche neuen Rechte ausgeübt hat, und welche das sind.

 11. Die Bundesbank nutzt die Kostenersparnis als Argument für die Lagerung in den USA. Aber es gibt keine vernünftige Erklärung, warum die New York Fed kostenlos riesige fremde Goldbestände verwaltet, wenn sie daraus nicht einen Vorteil zieht. Man kann sich vorstellen: a) die Konfiskationsmöglichkeit – ein Grund, das Gold zu holen b) das Gold ist nicht (vollständig) in behaupteter Qualität da – ein Grund diesen Sachverhalt gemeinsam zu verdecken, um das Vertrauen in die USA und das dollarbasierte Weltfinanzsystem nicht zu gefährden.

12. Bis heute beharren die Notenbanken (zumindest alle mit denen ich mich befasse) auf die extrem intransparente und sinnwidrige Verfahrensweise, in ihren Bilanzen Gold und Goldforderungen in einen Topf zu werfen. Physisches Gold und das Recht, Gold zu bekommen, wenn man es verlangt oder ein Kontrakt ausläuft, sind aber zwei ganz verschiedene Dinge.

Punkt 12 wurde ergänzt am 20.1.2014. Weitere Ergänzungen sind möglich. Hinweise nehme ich gern entgegen.

Diese Liste verträgt sich nicht mit der These, dass alles in Ordnung ist und die Bundesbank jederzeit volle Verfügungsgewalt über ihr Gold in New York hat. Sie verträgt sich nicht schwerlich damit. Sie verträgt sich gar nicht damit. Irgendetwas ist auf jeden Fall faul.

 Eine mit allen Teilaspekten der Liste vereinbare These wäre (es gibt sicher mehr):

 Die Federal Reserve hat deutlicher weniger als 100% der laut den Büchern angeblich dort verwahrten Goldbarren tatsächlich physisch und in der geforderten Qualität vorrätig. Da eine umfassende Revision dies zeigen und das Vertrauen in die Leitwährungsmacht erschüttern würde, kann sie Revisionen nicht zulassen, auch nicht von einzelnen Eigentümern, weil sonst alle kommen würden. Der Grundsatz, dass beim Gold den Notenbanken blind vertraut und nicht kontrolliert wird, muss gewahrt werden. Aus dem gleichen Grund sind größere Gold-Abtransporte für sehr problematisch. Denn je mehr Gold abgezogen wird, desto schwerer wird es, Fehlmengen oder Mängel beim eingelagerten Gold zu verbergen. Die Bundesbank geriet durch den Rechnungshof so unter öffentlichen Druck, dass sie etwas tun musste, um die Diskussion zu entschärfen. Andernfalls wären breite Mehrheiten in Deutschland zu dem Schluss gekommen, dass die Bundesbank über ihr Gold in New York nicht frei verfügen darf, oder dass es nicht vollständig da ist. Das sahen auch die New Yorker ein und genehmigten den ersten Rückholplan von bescheidenen 150 Tonnen in drei Jahren. Das nahmen aber die Holländer zum Anlass, gleiches Recht für sich zu fordern. Deshalb musste neu verhandelt werden. Man einigte sich darauf, dass sowohl die Holländer als auch die Deutschen jeweils so viel Gold bekommen sollten, das sie erklären können, das meiste ihres Goldes hätten sie daheim. Die Bundesbank musste dabei in den sauren Apfel beißen, mit ernsthaften Gold-Abzügen zu warten, bis die Holländer fertig sind und sie danach bis 2020 zu strecken, bekam dafür aber insgesamt 300 Tonnen zugesagt.

Wohlgemerkt. Man muss für diese Hypothese nicht annehmen, dass New York Fed, Bundesbank und andere Notenbanken heute einen Grund haben und die entsprechende fragwürdige Energie aufwenden, um krumme Geschäfte mir dem Gold zu machen, über die sie die Öffentlichkeit täuschen. Das nehme ich nicht an. Nein, man braucht dafür nur die Möglichkeit ernst nehmen, dass vor rund 50 Jahren, als der Fortbestand des goldgebundenen Währungssystems von Bretton Woods immer wieder aus Goldmangel der USA auf der Kippe stand und man sich mitten im kalten Krieg befand, hier und da einmal fünf grade sein gelassen wurden, dass der eine oder andere Barren doppelt in den Bilanzen verbucht wurde, oder dass manche Gold, das zur Preisstützung verkauft werden musst, durch Papiergold ersetzt wurde. Damals ging es um sehr viel, und die die Entdeckungswahrscheinlichkeit war sehr gering.

 Wie gesagt, das ist nur eine von vermutlich mehreren Geschichten, die die Handlungsweisen und Erklärungen der Akteure in allen elf Punkten oben rational erklären können. Ich würde alternative Geschichten mit Spannung und Vergnügen lesen. Ich schätze gute Verschwörungstheorien mehr als schlechte Märchen.

Schlagwörter: Bundesbank-Gold, Lagerstellen, Verschwörungstheorie, Goldbarren, Kontrollrechte

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