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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Wie die Wirtschaftsweisen tricksen und täuschen: Teil 4 - Leistungsbilanz

  Mit fast jeder überprüften Quelle, welche die Wirtschaftsweisen im jüngsten Gutachten zum Beleg ihrer Behauptungen anführen, erhärtet sich der Eindruck, dass "tricksen und täuschen"  milde Ausdrücke sind für das, was die Professoren tun. Allzu oft steht in den zitierten Quellen nicht das Behauptete, manchmal sogar das Gegenteil, etwa wenn behauptet wird, Investitionen im Ausland erhöhten die Investitionen daheim.

 Die Verbalakrobatik, mit der die fWeisen so tun als widerlegten sie die Kritik am dauerhaft extrem hohen deutschen Leistungsbilanzüberschuss, während sie diese tatsächlich bestätigen, war schon Thema der einleitenden Folge dieser Reihe. Es sei trotzdem noch ein Satz aus Ziffer 412 zitiert: „Die Ausweitung des deutschen Leistungsbilanzsaldos ist zu einem überwiegenden Teil auf den Unternehmenssektor zurückzuführen, der bei steigenden Gewinnen die Nettoinvestitionen reduziert hat.“ Denn dieser Satz steht im Widerspruch zur Stoßrichtung des gesamten Gutachtens, nämlich, dass man die Gewinne der Unternehmen ungehemmt sprudeln lassen muss, dann wird oder bleibt alles gut, weil dann viel investiert wird. Es stimmte in der Vergangenheit nicht und wird auch in Zukunft nicht stimmen, weil es im Gegensatz zur einäugig-angebotsorientierten Ideologie der Weisen auch noch eine Nachfrageseite gibt.

 Ansonsten will ich mich in diesem Beitrag aber auf die Fehler oder Tricksereien der Weisen bei der Unterlegung ihrer Behauptungen mit Literaturverweisen beschränken.

  Ziffer 430 „Zudem besteht für Industrieländer ein komplementärer Zusammenhang zwischen Inlands- und Auslandsinvestitionen (Desai et al 2005). Somit verstärkt der Aufbau von Produktions- und Vertriebsstätten im Ausland die Investitionstätigkeit im Inland.“

 Das ist ziemlich frech, jedenfalls soweit die Quelle Desai et al. 2005: „Foreign Direct Investment and the Domestic Capital Stock” betroffen ist. Diese betonen, dass sich ihr Ergebnis allein auf die USA bezieht und in Gegensatz zu Ergebnissen für einen Querschnitt von Industrieländern steht.  Zitat:

 Why are the implications of the time series evidence on investment by American multinational firms so contradictory to the implications of the cross sectional evidence examined by Feldstein and updated to the 1980s and 1990s? . It is possible that foreign and domestic investment are complements in the American economy, whereas they are substitutes in other OECD economies. Given the relatively limited available evidence of the behavior of non-U.S. based multinational firms, it is difficult to dismiss or accept this explanation.”

 Zu Deutsch: Die Ergebnisse aus Studien für viele Industrieländer sind gegensätzlich zu denen für die USA, auch in der Untersuchung der Autoren selbst. Das könnte daran liegen, dass die USA speziell sind, was ja nicht ausgeschlossen ist, da sie als einzige die Weltleitwährung haben.

 Eine weitere Erklärung, die die zitierten Ökonomen bieten ist, dass sie allein die Investitionen von multinationalen US-Firmen betrachten, nicht aber die Unternehmens-Investitionen in den USA insgesamt. Es kann ohne weiteres sein, dass zwar Multis, die mehr im Ausland investieren und dort billiger produzieren, auch im Inland mehr investieren, weil sie stark wachsen und inländische Konkurrenten verdrängen. Das kann mit insgesamt sinkenden Investitionen im Inland einhergehen.

 Setzen 6, wegen täuschender Zitierung!, würde der Begutachter einer Seminararbeit wohl sagen.  

 Ziffer 436 „Seitens der realen Ausrüstungsinvestitionen liegen bisher kaum Anzeichen für eine strukturelle Fehlentwicklung vor. Umfragen des Ifo Investitionstests für das deutsche Verarbeitende Gewerbe zeigen, dass Investitionstätigkeit der Firmen in den Jahren 2012 und 2013 nicht von der Wirtschaftspolitik behindert wurde. Vielmehr haben gedämpfte Ertrags- und Nachfrageerwartungen, etwas aufgrund der schwächeren Konjunktur im Ausland, zu einer schwächeren Investitionstätigkeit geführt. (Wechselberger 2014)."

In der zitierten Quelle konnte ich dergleichen nicht finden. Hier wird die Investitionsneigung für 2014 untersucht, nicht für 2012 und 2013. Es gibt ein bisschen was über die Investitionen 2013, aber nicht das, was die Weisen schreiben, und nichts über 2012.

 Und selbst wenn es so wäre, dass die Investitionsschwäche auf mangelnde Nachfrage zurückgeht, dann wäre das ja genau die Bestätigung der Kritik an den deutschen Leistungsbilanzüberschüssen. Man hat durch übermäßiges Lohndrücken die Inlandsnachfrage ruiniert und gleichzeitig die Konkurrenten im Ausland in Nachteil gesetzt. Wenn das keine „strukturelle Fehlentwicklung“ ist, weiß ich nicht, was die Weisen mit dem Ausdruck meinen.

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 Ziffer 445: „Es zeigt sich, dass die aufgrund der guten Gewinnlage stark gestiegene Ersparnis der Unternehmen mit der guten Exportkonjunktur korrespondiert, während die Lohnmoderation bis 2007 eher dämpfend auf die Konsumnachfrage und darüber auf die Importe wirkte.“

 Das wird noch wichtig werden. Und gleich nochmal:

 Ziffer 449. „Drittens dürfte die moderate Lohnentwicklung über Einkommenseffekte die Binnennachfrage und darüber die Importnachfrage gedämpft haben.“

  Wenig danach wird jedoch in einer farbig unterlegten Box eine Studie von Gadatsch et al. (2014) herausgestellt. Sie quantifiziert die makroökonomischen Auswirkungen der fiskalpolitischen Reformen und Arbeitsmarktreformen der Jahre 1999 bis 2008. Dem Leser wird dabei die Information vorenthalten, dass es sich um ein Arbeitspapier des Sachverständigenrats handelt, erstellt von zwei Stabsmitgliedern und einem Bundesbankökonomen, offenkundig nur entstanden um im Gutachten zitiert zu werden.

  Im Gegensatz zu dem was der Sachverständigenrat in Ziffern 445 und 449 selbst schreibt kommt dieses Arbeitspapier zu dem Ergebnis, dass die Hartz-Reformen zwar die Löhne gedrückt, aber trotzdem die Importnachfrage nicht gedämpft sondern sogar leicht erhöht hätten. Die Auftragsschreiber haben ihre Sache wohl zu gut gemacht. Diese steile These war den Professoren dann doch zu gewagt und unglaubwürdig, um sie öffentlich vorzutragen. Aber, wenn man sich prominent (wenn auch nicht mit offenem Visier) auf ein Arbeitspapier des eigenen Stabs beruft, sollte man dieser Analyse auch vertrauen, oder die Abweichung erklären. Doch fern davon: das Ergebnis wird in der Box wohlmeinend referiert, eine Studie mit gegenteiligem Ergebnis kurz genannt und dann schnell abqualifiziert und noch eine andere Studie mit angeblich gleichem Ergebnis angeführt (Felbermayr et al 2013) .

 Ein Grund, warum der Stab in seinem Modell keine Nachfragedämpfung findet, könnte darin liegen, dass das Modell keine Rolle für die Nachfrage kennt. Alle Kapazitäten sind in diesen sogenannten DSGE-Modellen voll ausgelastet. Es gibt dort nur „friktionale“ Arbeitslosigkeit, keine konjunkturelle. Das meiste an realweltlicher Arbeitslosigkeit gibt es darin gar nicht, weil einfach angenommen wird, dass das “repräsentative“ Durchschnitts-Wirtschaftssubjekt nicht mehr arbeiten will als es arbeitet. Ein bisschen Arbeitslosigkeit gibt es aber schon, weil es dauert, bis man einen neuen Arbeitsplatz gefunden und eine offene Stelle besetzt hat. Das alles muss man aber schon vorher wissen, um die Genese der steilen These zu durchschauen. Die Autoren stellen es so dar, als hätte ihr Modell ernsthaft etwas mit der Realität zu tun und würde tatsächliche Entwicklungen von Nachfrage und Arbeitslosigkeit abbilden. Es ist schlimm genug, dass solche Modelle als State-of-the-art gelten. Aber wie die Autoren - und durch zustimmende Widergabe die Wirtschaftsweisen - sie interpretieren, ist ziemlich manipulativ.

  Schon ein Blick auf den Abstract von Felbermayr et al zeigt dass auch mit dieser Zitation  getäuscht wird. Die Quellenangabe steht an einem Absatz, der nochmals durch Gadatsch et al. belegt werden könnte, aber nicht durch Felbermayr et al.  Letztere  schreiben zum einen, dass ihre Ergebnisse „contrary to the literature“ sind, also eine Minderheitsmeinung darstellen. Nichts davon erfährt der Leser des Sachverständigenratsgutachtens. Außerdem handelt es sich um eine Panel-Analyse für 20 Industrieländer, keine Untersuchung der deutschen Reformen, wie der Absatz impliziert, der mit dieser Quelle geschmückt wird.

 Mit derart widersprüchlichen Schlussfolgerungen und wiederholt fehlerhafter bis täuschender Zitation würden die Professoren wohl kaum eine Seminararbeit ihrer Studenten passieren lassen.

Wirtschaftsweise weisen Kritik zurück

 Wie die Wirtschaftsweisen tricksen und manipulieren – eine Detailansicht (Teil 1)

Wie die Wirtschaftsweisen tricksen und täuschen: Teil 2 – Ungleichheit (1)

Wie die Wirtschaftsweisen tricksen und täuschen: Teil 3 - Ungleichheit (2)