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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Leserreaktionen zur Finanzkompetenz

 LUX: Ihre Argumentation, finanzwirtschaftliche Bildung sei nicht darstellbar, verknüpft mit der Unterstellung, die Finanzbranche würde nur Verantwortung auf den Kunden abwälzen und weitere Regulierung abwehren, empfinde ich als unabhängiger Vermögensverwalter als Ärgernis. Niemand verlangt vom Endverbraucher, Zinseszinsrechnungen oder komplexe Zukunftsprognosen aufzustellen. Doch ein allgemeines Grundverständnis zu Zusammenhängen in Wirtschaft und am Kapitalmarkt

täte jedem Bundesbürger gut. Warum sollte das teuer werden, wenn wirtschaftliche Themen stärker in den Schulunterricht integriert würden?
  Es ist doch bezeichnend, wenn eine Studie der Verbraucherzentralen zum Thema " Erhalten Verbraucher bedarfsgerechte Anlageprodukte?" (Studie vom Dezember 2013) feststellt, daß weit über die Hälfte der Befragten nicht wußten, was eine Aktie oder ein Investmentfonds ist bzw. wie diese Finanzinstrumente funktionieren. Die Erwartung der Politik, der Berater würde dem Endverbraucher vorab ein kleines Finanzstudium angedeihen lassen, ist aus Kosten-Nutzen-Gründen vollkommen illusorisch.Wer würde von einem Autoverkäufer erwarten, daß er erst mal die Funktionsweise eines Motors erklärt!?
  Ihr Ruf nach mehr Regulierung und Produkt-Genehmigungspflicht in allen Ehren, die Finanzmarktregulierung hat dazu geführt, daß noch mehr geschrieben und dokumentiert wird. Dennoch sind die meisten Verbraucher -  aus Desinteresse und Unwissenheit an Geldanlagethemen - froh, wenn sie Anlageentscheidungen an einen Berater wegdelegieren können. Eine Stärkung der Finanzkompetenz würde daher mitnichten dazu führen, daß Privatanleger weniger auf Beratung angewiesen sind. Aber es würde die Bereitschaft fördern, sich mehr mit seinen persönlichen Finanzen auseinanderzusetzen und das ein oder andere Produktangebot mit gesunden Menschenverstand zu hinterfragen. Es würde allen Beteiligten das Leben erleichtern, denn die generalisierende Annahme, Finanzberatung sei immer nur "Produktverkauf zu Lasten des ahnungslosen Kunden" ist sehr eindimensional gedacht.

 Dr. Marc-Oliver Lux
Dr. Lux & Präuner GmbH&Co.KG
Persönliches Finanzmanagement

  LESER 2: Mit höchstens Interesse lese ich Ihre Kolumne im Handelsblatt, welche meiner Meinung nach der interessanteste Artikel der kompletten Zeitung ist, insbesondere da Sie die Dinge aus einer anderen Sichtweise darlegen. ich habe mittlere Reife und bin Elektromeister, seit 15 Jahren selbstständig mit rund 20 Mitarbeitern.

  Bei Ihrer heutigen Kolumne bin ich anderer Meinung aus folgenden Grund : Sie gehen davon aus das mehr Wissen über die Kapitalmärkte Geld kostet. Das ist aus meiner Sicht ein Irrglaube. Dieses Wissen kann sich jeder Mensch ohne größere Kosten aneignen. Es reicht eigentlich regelmäßig das Handelsblatt zu lesen. Aus meiner Erfahrung wollen die Menschen sich nicht mit solchen Dingen beschäftigen.

  Es liegt auch nicht an der Ausbildung, wenn ich Ihnen erzähle was für einen Schwachsinn mir schon Banker angeboten haben, die sich beruflich nur mit solchen Dingen beschäftigen. Die wollten mir nichts Schlechtes verkaufen, die hatten einfach keine Ahnung was sie mir da anbieten. Ihr Hinweis, man verlangt auch nicht das man sich in der Medizin auskennen muss, greift ins Leere. Auch hier gilt, man muss immer hinterfragen was gemacht wird, den die Verantwortung liegt immer bei jedem selbst.

  Was wollten Ärzte schon an meinen Kindern rumschneiden, nicht aus medizinischen sondern rein aus finanziellen Gründen. Auch ich in Rechtsfragen brauch ich einen Anwalt, aber jedes Schreiben muss von mir abgesegnet werden und über die rechtliche Bewertung muss ich mich informieren. Es hilft nichts nach dem Staat zu rufen, es gibt immer jemanden der versucht einen übers Ohr zu hauen und sei es der Autohändler.  Man muss für seine Entscheidung einstehen und wenn ich mich nicht dafür interessiere, dann muss ich mit den Konsequenzen leben.

  Man sollte den Menschen beibringen immer den gesunden Menschenverstand einzuschalten - Da liegt das Problem, alles andere wird aus meiner Sicht nicht helfen.

 CASTELLO: Seit Jahren predigen wir, dass es nicht die Aufgabe von Verbraucherschutz (und Politik) sein darf, Verbraucher immer fitter zu machen, damit sie Fallgruben entdecken und umgehen können, sondern dass die Anbieter gefälligst das Aufstellen von Fallen für die Verbraucher zu unterlassen haben.  Dumm ist nur, dass alle immer begeistert nicken, wenn der „finanziell gebildete Verbraucher“ gefordert wird.

  Edda Castelló
Ltg. Recht / Finanzdienstleistungen
Verbraucherzentrale Hamburg e.V. 

 HÄRING: vielen Dank für Ihre Stellungnahmen. Zur Klarstellung möchte ich betonen:  Ich habe nichts gegen mehr Finanzbildung in der Schule. Das wäre wichtig und nützlich, wie sie völlig richtig ausführen. Wogegen ich mich ausspreche, ist nur, bessere Finanzbildung als Ersatz für staatliche Maßnahmen zum Schutz derer, die realistischer Weise nicht auf einen Stand der Finanzbildung gebracht werden können, der es ihnen erlaubt, ohne Hilfe gegenüber Anbietern von Finanzprodukten und Finanzberatern zu bestehen und keine für sie sehr schädlichen Entscheidungen zu treffen.

 Es stimmt, dass sich viele garn nicht näher mit Finanzthemen befassen wollen. Aber  ich finde das respektabel, gerade weil es so viele Menschen, auch intelligente, gibt, denen der Zugang dazu sehr schwer fällt. Trotzdem verdienen sie Schutz und Hilfe, ebenso wie die, denen es an den nötigen intellektuellen Fähigkeiten mangelt. Ich jedenfalls will nicht in einer Welt leben, in der die Dummen, Denkfaulen und Naiven Freiwild für die Klügeren und Skrupellosen sind.

 Man kann das auf freiheitliche Weise und mit überschaubarem Aufwand erreichen, indem man für die verbreitetsten Ziele von Finanzanlagen standardisierte Produkte definiert. Diese müssen relativ geringe Verwaltungskosten, eine einfache Struktur und ein angemessen geringes Verlustrisiko aufweisen. Die Lebensversicherung ist ein Beispiel für ein solches staatlich reguliertes Produkt. Nur leider ist es kein gutes, weil es in völlig intransparenter Weise Kundengelder mit dem Geld des Unternehmens vermischt. Die Riesterrente ist ein weiteres misratenes Beispiel aus dieser Kategorie. Es fehlt die Begrenzung der Verwaltungskosten und des Risikos. Aber das Grundprinzip stimmt. Wer ein solches Produkt anbieten will, muss sich den Regeln unterwerfen und wird kontrolliert. Wer das nicht will kann auch ein beliebiges anderes Produkt anbieten.

 Solche Produkte sollte es für die Altersvorsorge, für die Anlage liquider Mittel, für den Vermögensaufbau und eventuell für das Ansparen auf größere Anschaffungen geben. Menschen mit mäßiger bis schwacher Finanzbildung haben dann einfach erfassbare Alternativen, bei denen sie davon ausgehen können, dass sie nicht weit daneben liegen und nicht über den Tisch gezogen werden. 

Beratungsprotokolle sind in der Tat weitgehend nutzlos. Ein reines Ablenkungsmanöver um nicht wirklich effektives gegen die grassierende Übervorteilung der Kunden durch die Finanzbranche zu tun.