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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Bausteine der Wirtschaft, VWL-Lehrbuch von Hermann Adam

Thomas Meyer - VollgeldWenn mein Kind sich mit dem Gedanken tragen würde, Volkswirtschaftslehre oder so etwas zu studieren, würde ich ihm die aktuelle (16.) Auflage von  Bausteine der Wirtschaft von Hermann Adam in die Hand drücken. Ich würde denken, wenn er oder sie dieses Buch nicht interessant findet oder nicht versteht, dann wäre Volkswirtschaft nicht das richtige Studium. Nicht, weil es besonders

 kurzweilig wäre, wie manche angelsächsischen oder angelsächsisch inspirierten Einführungslehrbücher, die im Stile von Freakonomics unser alltägliches Handeln unter dem Gesichtspunkt der egoistischen Nutzenmaximierung beleuchten. Aber es ist sehr zugänglich, weil es in einer sehr einfachen Sprache geschrieben ist, und weil Adam nicht mit ökonomischen Theorien und Konzepten anfängt, sondern immer mit der Beschreibung und Klassifizierung dessen, was wir beobachten. Erst wenn das getan ist, kommt die theoretische Abstraktion und zwar immer mit Blick darauf, das Beobachtete, etwa Konjunkturzyklen, zu erklären und zu zeigen, wie man die Wirtschaftsentwicklung in Richtung auf bestimmte Ziele beeinflussen kann.

Aus dem gleichen Grund würde ich hoffen, dass er oder sie in der Einführungsveranstaltung ein Lehrbuch wie dieses bekommt. Denn es ist ein gutes Gegenmittel gegen die Blickfeldverengung und die pseudowissenschaftlichen Sicherheiten, die die meisten anderen Lehrbücher vermitteln. Weil Adam jeweils die Erklärungen und Empfehlungen der beiden wichtigsten Denkschulen der Ökonomik gegeneinanderhält, die heute vorherrschende Neoklassik und die früher einmal eine Zeitlang dominierende Lehre von Keynes. Das lässt nicht zu, der Versuchung zu erliegen, bestimmte ökonomische Erklärungen und Empfehlungen als die objektiv richtigen, als den Ausfluss „ökonomischer Vernunft“ zu betrachten, wie das bei der Mehrheit der Einführungslehrbücher befördert wird. Wer mit diesem Buch in die Ökonomie eingeführt wurde, der weiß, dass es nicht die eine Wahrheit gibt.

Wer dieses Buch gelesen hat, hat auch halbwegs eine Vorstellung von der Wirtschaftsgeschichte Europas und vor allem Deutschlands seit der Weltwirtschaftskrise und kann die wichtigen wirtschaftspolitischen Diskussionen, von Euro-Krise über Energiewende bis Schuldenbremse und Bevölkerungsalterung kompetent verfolgen. Er oder sie weiß dann auch in groben Zügen, aus welcher der großen Denkschulen die Kontrahenten ihre Positionen ableiten. Auch Verteilungsfragen gelten in diesem Buch noch als im Kern ökonomische Fragen und werden ausführlich behandelt, anders als in vielen anderen Lehrbüchern.

Bausteine der Wirtschaft“ ist bereits in 16. Auflage erschienen und geht nach Angaben des Autors in die sechsstellige Gesamtauflage. Das ist ein verdienter Erfolg. Es wäre nur zu wünschen, dass neben den Studenten der übrigen Sozialwissenschaften künftig auch mehr VWL-Studenten anhand dieses Buches in ihr Fach eingeführt werden.

Dieses Lob bedeutet nicht, dass ich mit allem einverstanden wäre, was in diesem Buch steht, und dass man es nicht noch verbessern könnte. Die Darstellung des Geldwesens und der Geldpolitik ist genauso schlecht und naiv, wie in den meisten anderen Lehrbüchern. Es wird so getan und formuliert, als gebe es nur einen Geldkreislauf, als könne eine Bank Geld von der Notenbank an ihre Kreditnehmer weitergeben. Dabei gibt es doch in Wirklichkeit einen Kreislauf, in dem Zentralbankgeld zwischen Banken zirkuliert und dort auch bleibt, und einen Kreislauf für Giralgeld von Banken, das in der übrigen Wirtschaft zirkuliert. Wer hier eine vernünftige Darstellung sucht, sollte etwa zur neuen, vierten Auflage des Einführungslehrbuchs von Peter Bofinger greifen.

Auch der Teil zum Mindestlohn ist schwach, unter anderem auch, weil der allgemeine Teil zur Theorie des Arbeitsmarktes größere Lücken aufweist. Es fehlt eine vernünftige Auseinandersetzung mit lokaler Marktmacht von Arbeitgebern auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb belässt es Adam beim Mindestlohn mit einer naiven Auflistung der Ergebnisse von teilweise stark interessengeleiteten Studien und kommt zu dem Ergebnis, dass man nichts Genaues sagen könne, aber wahrscheinlich doch größere Arbeitsplatzverluste drohen, wenn man einen halbwegs wirksamen Mindestlohn einführe. Das ist eine verbreitete Einschätzung unter Ökonomen. Aber Adam geht weiter und schreibt, es komme nicht nur auf diese im engeren Sinne ökonomischen Wirkungen an. Vielmehr sei der Mindestlohn nötig, um die Marktmacht der Arbeitnehmer und ihrer Gewerkschaften gegenüber den Arbeitgebern zu stärken. Das wirkt wenig stringent und teilweise widersprüchlich. Denn, wenn die Annahmen gelten, unter denen die vermuteten negativen Wirkungen des Mindestlohns abgeleitet sind, dann wird er auch nicht viel beitragen können, um die Marktmacht der Arbeitnehmer zu erhöhen.

In diesem Teil unterlaufen Adam auch ansonsten seltene Fehler bei der Beschreibung der Ausgangslage. Für ihn sind es nur gewinnschwache, an Endkunden verkaufende Kleinunternehmen, die den Mindestlohn bezahlen. Das ist irreführend. Es sind große Einzelhandelsketten und auch Industriebetriebe, die ihre niedriger bezahlten Tätigkeiten abseits der Kernfunktionen in separate, tariffreie Gesellschaften ausgelagert haben und dort sehr schlecht bezahlen lassen. Wenn die Regaleinräumer, Putzdienste und Pförtner besser bezahlt werden, dann kann dies durchaus auch die Gewinne großer Unternehmen schmälern, bevor es in höhere Konsumentenpreise münden muss.

Wünschenswert wäre, wenn neben dem Keynesianismus und der Neoklassik in einigen einschlägigen Kapiteln auch andere Denkrichtungen zumindest kurz dargestellt würden, um den Horizont der Studenten zu erweitern. Das könnte etwa der Georgismus im Bereich der Steuerlehre (Bodenwertsteuer) sein, die Arbeitswertlehre der Klassik und der Marxisten, sowie die österreichische Schule in der Geld- und Zinstheorie. Dafür ließe sich durchaus hier und da die Darstellung von wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungen oder wirtschaftspolitischen Diskussionen etwas kürzen, wo diese allzu ausführlich geraten sind.

Insgesamt aber könnte ich allen, die wissen wollen, womit sich Volkswirtschaftslehre befasst oder die Grundzüge der VWL lernen wollen, dieses Buch mit einem sehr viel besseren Gefühl empfehlen als die meisten der bekannteren Standardwerke.

Adam lehrt als Honorarprofessor an der FU Berlin Politikwissenschaft. Er ist diplomierter und promovierter Volkswirt sozialwissenschaftlicher Richtung.