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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Bitcoin aus der Nähe betrachtet

Wenn man Bitcoin immer nur aus der Ferne betrachtet, dann pflegt man viele falsche Vorstellungen davon, was das ist, und wie es funktioniert. Das geht auch nicht weg, wenn man oft hinschaut und viel darüber liest - von Leuten, die selbst nicht allzu nah dran sind. Das Buch „Bitcoin – Die verrückte Geschichte vom Aufstieg eines neuen Geldes“ hat mir geholfen, einige dieser falschen Vorstellungen los zu werden.

Eine solche falsche Vorstellung ist, dass Satoshi Nakamoto vor zehn Jahren die Formeln hinter Bitcoin entwickelt und veröffentlicht hat und diese seither automatisch und unbestechlich die Funktionsweise von Bitcoin bestimmen. Tatsächlich wird die Software laufend weiterentwickelt, von Core-Entwicklern, die Schreibrechte für den Code haben, die sie von jemand bekommen haben, der sie von jemand bekommen hat, der sie irgendwann von Nakamoto bekommen hat. Schreibrechte können auch entzogen werden, wenn die Mehrheit der anderen Core-Entwickler das will. Es gibt Machtkämpfe innerhalb dieser Gruppe, und mit den Minern und den Bitcoin-Börsen und den Krypto-Unternehmen, über die Richtung der Weiterentwicklung von Bitcoin und wer darüber bestimmen darf. Von all dem bekommt man aus der Ferne kaum etwas mit.

Autor Christoph Bergmann betreibt seit dreieinhalb Jahren den BitcoinBlog und ist sehr nah dran. Das bringt er in seinem Buch zum Nutzen der Leserinnen und Leser sehr gut rüber. In einer lockeren und gefälligen Sprache, die sein Buch sogar als Bettlektüre gut geeignet macht, erzählt er die Entstehung von Bitcoin und seine Entwicklung nach, mit starkem Fokus auf die handelnden Personen und ihre Kämpfe.
Erklärungen wichtiger Konzepte kommen auch nicht zu kurz, jedenfalls nicht für jemand wie mich, der nicht alle Details der Funktionsweise kennen muss. Leicht eingängig wird zum Beispiel erklärt wie das Hashen geht, das sicherstellt, dass niemand nachträglich etwas an einem öffentlich zugänglichen Block ändern kann, in dem Bitcoin-Transaktionen verzeichnet sind.

Beindruckend auch wie Bergmann die mangelhafte Sicherung der Anonymität von Bitcoin-Nutzern erklärt, nämlich damit, dass in deren elektronischen Geldbörsen jede einzelne Münze erkennbar bleibt. Um einen größeren Betrag zu zahlen, müssen Münzen kombiniert werden. Lässt sich eine Münze zu einer bestimmten Person nachverfolgen, zum Beispiel, weil diese öffentliche eine Adresse für Zahlungen angegeben hat, dann lassen sich wahrscheinlich mit begrenztem Aufwand praktisch alle Münzen und Wallets dieser Person zuordnen, die sie je genutzt hat. Dann liegen alle Bitcoin-Transaktionen, die diese Personen je getätigt hat, offen da und können von jemand, der ihr übel will, veröffentlicht werden.

Deutlich wird in dem Buch auch, wie wenig Angst und Respekt Strafverfolger und Geheimdienste vor Kryptowährungen als Instrument von Verbrechern haben, die ihren dunklen Tätigkeiten im Schutz der Anonymität nachgehen wollen. Letztlich scheinen alle wichtigen Leute dieser Kategorie aufgeflogen und alle wichtigen Krypto-Marktplätze irgendwann ausgehoben worden zu sein. Ohne dass das da steht, macht es auf mich schon sehr den Eindruck, dass die Szene hinreichend unterwandert ist und viele der Kryptowährungen und dunklen Marktplätze als Honigtöpfe für die Strafverfolgungsbehörden fungieren. Alles andere würde einen nach dem, was man über die Bitcoin-Community in diesem Buch gelernt hat, auch wundern. Die Geheimdienste und Polizeibehörden hätten schwer versagt, wenn es ihnen nicht gelungen wäre, diese Community zu unterwandern. Hinweise zum Beispiel auf Beziehungen von Akteuren zu In-Q-Tel, den Wagniskapitalarm der CIA gibt es obendrauf.

Resümee: Ein leicht zu lesendes, aufwendig und liebevoll verarbeitetes Buch für alle, die ein Gefühl für die bunte Kryptowährungswelt einschließlich der vielen Bitcoin-Ableger bekommen wollen, ohne alle technischen Details verstehen zu müssen.

Christoph Bergmann: Bitcoin - Die verrückte Geschichte vom Aufstieg eines neuen Geldes:  Gebunden. 31. Juli 2018, Moby Verlagshaus, 20,90 Euro. Zu beziehen unter anderem über die Website des Autors

Siehe auch den Veranstaltungshinweis: 

Spannende Tagung in Frankfurt zu Bitcoin, Vollgeld und digitalem Zentralbankgeld