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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Todenhöfer, das Leitmedium und seine viel klügeren Leser

 Spiegel Online, das Internet-Leitmedium bringt ganz prominent einen Bericht über eine vermeintliche Enthüllung über den unbequemen Ex-CDU-Politiker und Nahost-Friedensaktivisten Jürgen Todenhöfer. Die SPON-Leser machen sich im Forum dutzendweise und fast unisono lustig über den Artikel oder kritisieren ihn scharf. Wie souverän SPON mit so etwas umgeht, ist bemerkenswert.

 Über die Agenturen lief eine einsetzende politische Diskussion darüber, dass Merkel und Gauck weiterhin den ägyptischen Diktator Al Sissi empfangen wollen, der die Parteigänger seiner demokratisch gewählten Vorgängerregierung zu Tausenden zum Tode verurteilen lässt, auch nachdem Bundestagspräsident Lammert gesagt hat, mit so einem wolle er sich nicht treffen. Da hat mich schon interessiert, was das Internet-Leitmedium aus so einer Diskussion macht Die knappe Meldung dazu war in der Politikspalte verborgen. Ich kam aber erst einmal nicht so weit, weil mich ein etwa auf Platz drei der  Startseie plazierter großer Bericht über „Jürgen Todenhöfer in der Kritik: Liebesgrüße nach Damaskus“ aufhielt. Es ist also weit wichtiger über Kritik an einem Ex-Politiker zu schreiben, der vor Jahren einmal ein Interview mit dem syrischen Machthaber Assad für das deutsche Fernsehen geführt hat, als über die Kritik daran, dass Kanzlerin und Bundespräsident demnächst den ägyptischen Diktator empfangen.

Sonderbar.

Aber vielleicht liegt es ja daran, wer da kritisiert? Kritisiert wird Todenhöfer von einer libanesischen Website, von der hierzulande noch nie jemand etwas gehört hat und wohl auch nie wieder etwas hören wird.

Oder ist die Todenhöfer-Meldung so viel wichtiger wegen der Schwere des Fehltritts, für den er kritisiert wird? Er wird kritisiert dafür, dass er zur Erlangung der Interviewgelegenheit sehr schmeichlerisch-blumige E-mails an Assads PR-Beraterin geschrieben hat. Skandal?

Dann muss es der Neuigkeitswert sein. Hm. Als Leser von Todenhöfers Buch „Du sollst nicht töten“ war mir der Inhalt der angeblich so schändlichen E-Mail, die die libanesische Website nun veröffentlicht hat, einigermaßen bekannt. In dem Buch heißt es auf Seite 225 in einem Kapitel namens „E-Mails an Sheherazad“,  dass 2012 die E-Mails diser PR-Beraterin Assads geknackt worden und auch Todenhöfer betreffende E-Mails veröffentlicht worden seien und er für deren Inhalt kritisiert worden sei. Er zitiert dann selbst aus Mails, die sich ganz ähnlich lesen wie die jetzt veröffentlichten. Kein Neuigkeitswert also, und die SPON-Autoren wissen das auch, denn sie haben Todenhöfer gefragt und er hat es ihnen gesagt.

Gegen 16:30 Uhr hatte ich noch keine Zeit, das länger zu lesen. Nach Feierabend schaue ich nochmal auf den Artikel. Er steht immer noch prominent als einer der vermeintlich wichtigsten Artikel  auf Platz drei der SPON-Startseite. Ich klicke auf das Forum. Was ich dort las war spektakulär. 44 Kommentare, die fast einhellig Hohn und Spott über den SPON-Artikel ausschütten, ihn heftig kritisieren und Todenhöfer in Schutz nehmen.

Kostproben:

„...kann nicht erkennen, was hier falsch gelaufen sein soll. Als Kritiker wäre er ja wohl kaum empfangen worden...“

„Todenhöfer hat anders als der Spiegel bei Syrien immer Recht gehabt..... da ist es doch egal mit wem er flirtet?!“

„Endlich eine Meldung, die wirklich interessiert. Über die Friedensbemühungen von de Mistura zu berichten, wäre wohl zu komplex.“

„Ich möchte mit dem Diktator und Schlächter Assad über die Zeit nach seiner Herrschaft reden" wäre ja wohl kaum hilfreich gewesen beim Erlangen einer Audienz. Obama wäre bestimmt auch zum Interview bereit würde man ihn als Drohnenmörder ansprechen. Oder?“

„Wo ist der Skandal? Ohne Assad kann es keinen Frieden geben, das haben Assads Feine namens ISIS, Al Nusra & FSA mit ihrer Barbarei hinlänglich bewiesen.“

„Wenn sich ein CDU-Saulus zum Paulus wandelt, dann muss man ihn mit allen Mitteln bremsen. Und wenn er dann auch noch Recht behält mit den Gründen seiner Wandlung, ganz besonders.“

„SPON, solch eine Berichterstattung erinnert sehr an Boulevard-Presse.... Todenhöfer ist wenigstens jemand der noch vor Ort recherchiert, im Gegensatz zu den meisten so genannten "Journalisten". Ich kann die " Brisanz" der im Bericht dargestellten Geschehnisse leider auch nach wiederholtem lesen nicht erkennen.“

„…jemanden zu dikreditieren, der der eigenen Argumentationslinie nicht folgt und passt in die insgesamt sehr oberflächliche Syrienberichterstattung des SPON. Todenhöfer war es z.B. auch, der vehement der Geschichte widersprach, die sich durch die Berichterstattung fast sämtlicher westlicher Medien zog, nämlich der von der generell friedlichen Opposition, die sich erst nach Repressionen durch den Sicherheitsapperat radikalisiert und bewaffnet hätte.“

„Ich kann nicht erkennen, wo Todenhöfer unrecht hatte. Ist jeder frei geäußerte Gedanke der nicht dem medial verbreiteten Mainstream entspricht denn gleich ein Skandal ?“

„SPON, jetzt habt ihr Euch aber verrannt. Man mag die grundnaiven Bemühungen Todenhöfers um Frieden belächeln, aber ihn mit dem Hinweis "Liebesbriefe nach Damaskus" anzugreifen, ist populistischer Quatsch und unseriös.“

„Warum diese reißerische Überschrift und die reißerische Einleitung. Der Mann tut mehr für einen Frieden im nahen osten als die einseitige US-nahe Berichterstattung des Spiegel.“

„So kommt man als Reporter halt nun mal weiter als andere Reporter.Nicht umsonst schaffte er es in den Islamischen Staat! Seine Wege sind mir völlig egal und solange er öffentlich unparteiisch bleibt ist es einfach nur gute Reporterarbeit!!!“

„Emails gab es schon lang in seinem Buch zu lesen. Klasse Spiegel. Enthüllt weiterhin Sachen, die in Büchern stehen!“

„Ich kann nicht sehen was Todenhöfer falsch gemacht haben soll. Tolles Eigentor SPON...“

„Ein Journalist mitten unter den islamistischen Kopfjägern, das weckt Neid unter Kollegen. Darum das Todenhöfer-Bashing bzgl. Assad-Visite. Schlechter Stil.“

„Wer wirklich guten Journalismus macht, aber politisch nicht " auf Linie" liegt oder gar die Herren der Atlantikbrücke vergnatzt, kommt im heutigen Journalismus überhaupt nicht weiter - oder kennen Sie auch nur einen einzigen Journalisten, der bei ARD und ZDF wider den Stachel löckt ?“

„Wieviel millionenfaches Flüchtlingselend wäre vermieden worden ohne die Feindschaft gegen Syrien, Libyen und so weiter? Todenhöfer zeigt das Lügengebäude dieser Politik auf.“

Das waren Schlüsselsätze aus etwa der Hälfte der Kommentare, die SPON kritisieren und Todenhöfer stützen. Die Fairness gebietet es, auch etwa die Hälfte der Kommentare zu nennen, die Todenhöfer kritisieren und den SPON-Bericht gut finden. Hier ist sie:

Offenbar haben einige Schreiber hier den Artikel nicht verstanden und poltern einfach los, ohne Sinn und Verstand. SPON hat den Bericht einer libanesischen Zeitung weitergegeben und hat die Kommentare von Todenhöfer dazu abgedruckt. Von Hetze oder dergleichen gegen Todenhöfer kann keine Rede sein. Selbstverständlich gibt es aber gute Gründe, die Selbstinszenierungen von Todenhöfer zu kritisieren.“

 Nachdem ich diese Phalanx der vernichtenden Kommentare gelesen hatte, konnte ich es bei einem neuen Blick auf die Website kaum glauben, dass von den Lesern als erbärmlich wahrgenommene Artikel immer noch auf einer Top-Position stand. Erst als ich gegen 19:15 Uhr nochmal nachsah, nach über dreieinhalb Stunden auf einem Logenplatz der Website, war der Artikel von der Startseite weg in den Politikteil gerutscht und durch einen schon in der Überschrift boulevardesk-abfälligen Artikel gegen eine andere Hassfigur der deutschen Leitmedien ausgetauscht, Yanis Varoufakis.

Um diese Zeit dreht sich der Tenor der Kommentare zu dem Todenhöfer-Artikel völlig. Das letzte Dutzend (Stand 22 Uhr, bis Nr. 56) ist überwiegend kritisch bis gehässig gegenüber Todenhöfer.