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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Unser Geldwesen und der Zins

Sehr geehrter Herr Häring, das Problem unserer Zeit ist das fehlerhafte Zinssystem, welches sich aufgrund der zugrunde liegenden Exponentialfunktion von der Realwirtschaft entfernt und der nötige aber nicht mehr vorhandene Zusammenhang zwischen Geld (Schulden vs. Vermögen) und der Realwirtschaft für immer mehr Beteiligte offensichtlich wird.
 
Um den Kollaps zu verzögern werden die Guthabenzinsen eliminiert, was durch die Zentralbanken (Japan, USA, UK, EZB,...) geschieht.
An den Schritt der Neubewertung oder besser ausgedrückt Abwertung diverser Schulden und Vermögen traut man sich nicht richtig ran. Dies würde zwar wieder zu einer Annäherung an die Realwirtschaft führen, doch die zu erwartenden Turbulenzen scheut man wie der Teufel das Weihwasser.
Theoretisch kann das Geld ins Unendliche wachsen, wenn der Zins (Soll- und Habenzins) nicht existiert, doch führt dies irgendwann in der Wirklichkeit zu einem Vertrauensverlust bei weiten Teilen der Marktteilnehmer.
Früher waren es z.B. Kriege, die das Kreditgeldsystem kollabieren ließen und die Beteiligten kamen nicht auf die Idee, das exponentielle Zinswachstum als Achillesferse zu identifizieren.
Die Problematik der Europäischen Währungsunion ist noch ergänzt um die Komponente der fehlenden externen Abwertung gegenüber den anderen Gemeinschaftswährungsteilnehmer; Stichwort für den Süden ist der Euro zu teuer und für den Norden zu billig gegenüber anderen Währungen.
Eine wirkliche Lösung kann ich nicht sehen; so ist der von einigen vorgeschlagene Goldstandard (Verankerung der Papierwährung(en) an ein nicht beliebig vermehrbares Gut wie es Edelmetalle sind) auch fehlerhaft, wie es das Triffin-Dilemma beschreibt. So wird hier bei uns in Deutschland die Austerität gepredigt um die Marktteilnehmer nicht zu verunsichern.
Interessant finde ich, dass einem zwar des Öfteren erklärt wird, was Geld ist und was es kann aber nicht, wie es entsteht, so ist es mir ergangen in Lehre und Studium. Die Verwundbarkeit einer Fiat-Währung soll einem nicht auf die Nase gebunden werden.
In der deutschen Sprache gibt es die Schuld / Schuldner, den Gläubiger und das Geld, welches nicht umsonst dem Wort Gold ähnelt. Für mich ist das eine Überhöhung der Fähigkeiten, was aber den angenehmen Nebeneffekt des (grenzenlosen) Vertrauens mit sich bringt. Weite Teile der Bevölkerung wissen nicht, dass die meisten Guthaben nur durch Kredite gedeckt sind und nicht durch knappe und unkaputtbare Güter. Wenn man es abstrakt ausdrückt, sind Guthaben Kredite mit negativem Vorzeichen.
Meiner Meinung nach befinden wir uns auf den letzten Metern vor der Implosion des jetzigen Kreditgeldwesens. Einige sprechen ja davon, dass dann ein Reset stattfindet und das Spiel beginnt von vorn. Wie diese Implosion mit anschließender Neugestaltung abläuft, entzieht sich unserer Kenntnis.
Die Thematik negativer Realzinsen als Folge des WK II bis Ender der 60-er in den USA und UK erfuhr ich erst vor ein paar Jahren. In (West-)Deutschland gab es die Währungsreform (Reset) und positive Realzinsen galten als selbstverständlich. Wirtschaftshistoriker könnten die Bevölkerung aufklären, doch ist dies mit reichlich Desillusionierung verbunden.
Das Problem der wachsenden Ungleichheit im Zuge wachsender Schulden und Vermögen möchte ich nicht thematisieren, obwohl es mich bedrückt, doch der erwartete Reset wird auch dieses nicht ignorieren können.
 
Mit freundlichen Grüßen, Jan Schulz