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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Schönes neues Geld ist fertig

Nein, ich will es nicht der Partei nachtun und Geld verkaufen. Am 16. August erscheint bei Campus mein neues Buch (Cover rechts). Es heißt Schönes neues Geld. Untertitel:  Paypal, WeChat, Amazon Go – uns droht eine totalitäre Weltwährung. Weil es nicht ganz offensichtlich ist, will ich kurz erläutern, wofür Titel und Untertitel stehen.

Zunächst zum Titel: Schönes neues Geld spielt auf die Schöne neue Welt von Aldous Huxley aus dem Jahr 1932 an, einen der einflussreichsten Science-Fiction-Romane des 20. Jahrhunderts. Fast alle sind glücklich in Huxleys schöner neuen Welt, in der eine wohlmeinende, technokratiche Weltregierung alles so richtet, dass es keinen Streit, keine Unzufriedenheit und keine Revolution geben kann. Alle werden darauf konditioniert, mit ihrem Los und ihrem Platz in der Gesellschaft zufrieden zu sein, wenn nötig verdummt, auf Konsum und Genuss getrimmt und freizügig mit stimmungsaufhellenden Drogen versorgt. Eigenständiges Denken und Handeln ist darin nur für die oberste Schicht der Entscheidungsträger vorgesehen. Man muss statt der frühkindlichen chemischen und suggestiven Konditionierung in Huxleys Utopie nur Facebook  und Cambridge-Analytica denken, und schon passt es auf heute.

 Huxley hat seinem Roman ein Zitat des russischen Philosophen Nikolai Bordjajev vorangestellt:

Utopien sind verwirklichbar. Das Leben strebt ihnen entgegen. Aber vielleicht wird ein neues Jahrhundert kommen, in dem Intellektuelle darüber nachdenken, wie man Utopien verhindern kann, und zu einer nicht-utopischen Gesellschaft zurückkehren, weniger perfekt und dafür freier.

Im Vorwort für eine Neuauflage schrieb Huxley 1949:

Alles in allem sieht es ganz so aus, als wäre uns Utopia viel näher, als irgendjemand es sich vor nur fünfzehn Jahren hätte vorstellen können. Damals verlegte ich diese Utopie sechshundert Jahre in die Zukunft. Heute scheint es durchaus möglich, dass uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt.

Huxley lag bemerkenswert gut mit dieser Prognose. 2032 scheint nach gegenwärtigen Trends kein unerreichbares Datum für seine Utopie. Ganz offenkundig ist das 21. Jahrhundert dasjenige, in dem wir verhindern müssen, dass eine bereits in Umrissen erkennbare Utopie zur Wirklichkeit gemacht wird. Welche das ist, soll der Untertitel andeuten.

Paypal wird darin aufgeführt, weil das Unternehmen Marktführer beim Zahlungsverkehr im Onlinegeschäft ist, weil Paypal-Chef Dan Schulman als Kronzeuge fungiert, der uns beschreibt, wie und warum wir „ins System“ gebracht werden sollen, und weil am Beispiel von dem was Paypal mit unseren Daten macht, beschrieben wird, was es bedeutet, in diesem System zu sein.

WeChat ist die chinesische Social-Media- und Bezahl-App mit über einer Milliarde Kunden. Sie arbeitet eng mit der chinesischen Regierung beim Aufbau eines totalitären Sozialpunktesystems zusammen in dem alles was jeder Chinese und jede Chinesin tut, aufgezeichnet, bewertet und belohnt oder bestraft wird.

Amazon Go  heißt das kassenlose Ladengeschäft des Mega-Konzerns Amazon, in dem alles an Überwachungstechnik eingesetzt wird, was es gibt, um jede Bewegung jedes Eintretenden so genau zu bewachen, dass die Abrechnung automatisiert geschehen kann. Die Technik vermarktet Amazon auch an Polizeibehörden. Ich zeige, dass die heraufziehende Pay-as-you-Go-Bezahlwelt, für die Amazon Go ein besonders gruseliges Beispiel ist, auf dem gleichen Totalüberwachungsprinzip beruht wie das chinesische Sozialpunktesystem und sich in gleicher Weise totalitär einsetzen lässt.

Die totalitäre Weltwährung, die uns droht, ist der Amazon-Dollar. Das kann der normale US-Dollar sein, nur statt von den US-Banken von Amazon hergestellt und weltweit verbreitet. Es kann aber auch eine eigene Amazon-Währung sein.

Totalitär wird die Weltwährung, wenn es der Besser-als-Bargeld-Allianz gelingt ihr erklärtes Ziel zu erreichen, Bargeld weltweit zu beseitigen und allen bis ins hinterste Dorf in Malawi oder Pakistan eine biometrisch unterlegte Nummer zuzuweisen, die sie eindeutig und automatisierbar dentifiziert - bei allem, was sie tun. Diese Besser-als-Bargeld-Allianz ist keine Erfindung (einfach Better Than Cash Alliance in die Suchmaschine tippen). Sie besteht im Kern aus US-Regierung, großen US-Banken und Kreditkartenunternehmen und den großen US-Digitalkonzernen. Sie hat die G20-Gruppe der größten Industrienationen für ihrer Kampagne eingespannt, uns unentrinnbar ins System zu bringen. Verborgen wird das nur hinter einem dünnen Schleier aus schönfärberischen Tarnbegriffen wie „finanzielle Inklusion“, „Recht auf digitale Identität“, Geldwäsche- und Terrorbekämpfung.

Garniert mit annähernd 400 Endnoten mit Quellenhinweisen für Skeptische zeige ich, wie diese ganz große öffentlich-rechtliche Partnerschaft zur Abschaffung von finanzieller Privatsphäre und Freiheit arbeitet. Ihre wichtigsten Instrumente sind intransparente und demokratieferne internationale Standardsetzer-Gruppen, die zusammen mit der Besser-als-Bargeld-Allianz Finanz-Überwachungsstandards festlegen und diese mit an die Mafia erinnernden Methoden international durchsetzen.

Damit die Leserinnen und Leser sich nicht nur wohlig gruseln, sondern auch handeln, zeige ich am Ende was wir einzeln und gemeinsam tun können, damit die Horrorvision nicht wahr wird, an der machtberauschte Eliten aus dem Silicon Valley, der Wall Street, Washington und Peking mit solchem Eifer arbeiten.

[8.6.2018]