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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Tolles neues Buch! „Nichts ist, wie es scheint“ - Wie man nicht zum Verschwörungstheoretiker wird

Michael Butter hat eines der wichtigsten Bücher des Jahres geschrieben. In „Nichts ist, wie es scheint“, beschreibt er, was Verschwörungstheorien ausmacht. Von einem regierungsnahen Standpunkt aus liefert er Journalisten, Wissenschaftlern und sonstigen Publizisten verlässliche Hinweise, wie sie vermeiden können, gefährliche populistische Verschwörungstheorien zu verbreiten.

Butter macht zunächst einmal klar, dass man mit Verschwörungstheorie nicht jede unbequeme These abqualifizieren kann:

Es besteht ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Aufgeregtheit, mit der das Thema derzeit diskutiert wird, und dem Wissen, das diese Diskussionen in den allermeisten Fällen informiert. Oft genug werden Ideen als Verschwörungstheorien bezeichnet, die keine sind.

Er kritisiert, dass immer wieder Ideen fälschlicherweise als Verschwörungstheorie bezeichnet werden, die keine sind und dabei alles Mögliche in einen Topf geworfen wird. Ein abschreckendes Beispiel, wie es Butter wohl im Sinn hat, liefert ein jüngst erschienener Beitrag in einem Magazin der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Dort wird die These, dass Angela Merkel und Barack Obame Teil einer Elite von außerirdischen Reptilien sind, ungeniert in einen Topf geworfen mit der These, George Soros habe beim Konflikt in der Ukraine irgendwie mitgemischt oder Kennedy sei nicht wirklich von einem Einzeltäter von hinten durch die Brust in den Kopf geschossen worden. Der Autor dieses Textes, ein gewisser Michael Butter, ist ein unkundiger und unseriöser Verschwörungstheorieforscher, der unmöglich mit dem Michael Butter verwandt oder identisch sein kann, der „Nichts ist, wie es scheint“ geschrieben hat.

Butter kritisiert in seinem Buch auch den berühmten Aufsatz des Historikers Richard Hofstadter aus dem Jahr 1964, weil dieser Verschwörungstheorie zu sehr in die Nähe der klinischen Paranoia rücke. Butters abgewogene Definitionen sind weit hiervon entfernt. Eine lautet:

Verschwörungstheorien behaupten, dass eine im Geheimen operierende Gruppe, nämlich die Verschwörer, aus niederen Beweggründen versucht, eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt zu kontrollieren oder zu zerstören.

Okay, das klingt doch ein bisschen nach Paranoia. Aber es ist nur die erste Annäherung. Eine weiterführende Definition lautet:

Drei Grundannahmen sind konstitutiv für Verschwörungstheorien: 1.) Nichts geschieht durch Zufall. 2.) Nichts ist, wie es scheint. 3.) Alles ist miteinander verbunden.

Das erlaubt, bestimmte Thesen vom Verschwörungstheorievorwurf auszunehmen, nämlich solche, die nur davon ausgehen, dass in einem ganz konkreten Fall etwas nicht so ist, wie offiziell dargestellt und dies mit bestimmten, klar definierten Interessenlagen und Indizien begründet wird. Jedenfalls könnte das die allzu naive LeserIn denken. Dem ist aber nicht so, wie Butter uns aufklärt, denn: Was Verschwörungstheorie ist, ist keine Sache der Fakten, sondern eine Frage der geistigen Haltung dahinter. Leicht erfüllt man mit scheinbar gut begründeten, nicht auf den ersten Blick paranoiden Thesen nämlich eine andere Definition, die Butter ebenfalls nutzt. Danach bestimmt der Vorwurf der Heimlichkeit und der Dualismus von Gut und Böse das Wesen der Verschwörungstheorie.

Die Verschwörer agieren im Geheimen und verfolgen einen Plan. Die Verschwörer schaden unschuldigen Menschen.

Solchen Thesen liegt, wie Butter nachweist, ein völlig falsches Geschichtsbild zugrunde. Aus wissenschaftlicher Sicht entwickle sich die Gesellschaft und die Geschichte ungeplant-chaotisch. Niemand kann daran etwas steuern, oder wie Butter mit Siegmund Freud und Karl Popper den Verschwörungstheoretikern entgegenschleudert:

Der Mensch weiß oft gar nicht genau, was er will und was nicht, und hat entsprechend Schwierigkeiten, seine Absichten in die Tat umzusetzen und selbst wenn er es wüsste, könnte er es nicht, da soziale Systeme Effekte generieren, die niemand intendiert hat.

All die geopolitischen Thinktanks und Berater, sie dienen nur zur Unterhaltung der Eliten. Es gibt keine Macht und keine Mächtigen und keine Möglichkeit für diese, absichtsvoll etwas am Lauf der Geschichte zu ändern. Wer anderes annimmt, und etwa die Möglichkeit in Betracht zieht, dass Kennedy Opfer eines Coups unter Beteiligung der CIA geworden sein könnte, der ist ein Verschwörungstheoretiker. Denn, wie Butter darlegt, ist die CIA gar nicht in der Lage, so etwas zu tun, weil es in der Führung lauter verschiedene Fraktionen mit unterschieldichen Interessen gibt.

Mit diesem klugen Gedankengang macht Butter klar, dass nicht nur „System- und Superverschwörungstheorien“ zu disqualifizieren sind, sondern auch Ereignisverschwörungstheorien, die sich um klar eingrenzbare Ereignisse wie Attentate und Staatsstreiche drehen. Bei diesen sei zwar eher vorstellbar, dass sie sich einmal als wahr erweisen, räumt Butter ein, aber das sei „sehr unwahrscheinlich“ und in der Praxis auch noch nie vorgekommen. Butter ist hier nicht zaghaft. Er schreibt nicht „selten“, er schreibt tatsächlich „nie“.

Somit wissen wir, dass nicht etwa die CIA den Schah von Persien an die Macht gebracht hat und dass es keine Verschwörung gab, um mit gefälschten Beweisen für angeblich im Irak gesichtete chemische Massenvernichtungswaffen einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Es gab auch keinen Angriff in der Schweinebucht, Pinochets Coup gegen Allende wurde nicht aus den USA gestützt und gesteuert, die Operation Condor gab es nicht. Es gab nie ein Stay-Behind und kein Gladio. False Flag Operationen der Geheimdienste, also Anschläge, die verübt wurden, um den Verdacht gezielt auf jemand anderes zu lenken, das hat es alles noch nie gegeben. Der Verfassungsschutz hat den nationalsozialistischen Untergrund nicht gedeckt und mit Waffen versorgt. Dass regelmäßig V-Leute an den Tatorten waren und massenhaft Akten geschreddert und Beweisstücke versehentlich vernichtet wurden, hat nichts mit irgendetwas zu tun. Einfach nur verrückte Zufälle waren das. Endlich wissen wir es.

Dabei läuft Butter allerdings nicht in die Falle, einfach jedwede Verschwörung vorschnell als Verschwörungstheorie abzutun. Manche Theorien über Verschwörungen seien auch wahr, räumt er unumwunden ein. Dazu gehört der Vorwurf, Putin habe sich mit seinen Oligarchenfreunden und seinen fünften Kolonnen verschworen um die Wahlen in den USA zu manipulieren.

Zusammenfassend lautet die hilfreiche Handreichung Butters für Journalisten, Wissenschaftler und Publizisten: 1. Was geschieht, geschieht ohne Plan, 2. Alles ist, wie es scheint und offiziell dargestellt wird, egal wie unplausibel und wie hart widerlegbar es ist, 3. Das hat nichts mit irgendetwas anderem zu tun.

Es würde also klar von verschwörungstheoretischer Paranoia zeugen, wenn jemand darauf hinweisen würde, dass Butter Vizechef eines von der EU und EU-Regierungen finanzierten Projekts namens COMPACT - Comparative Analysis of Conspiracy Theories  ist, zu Deutsch: Vergleichende Analyse von Verschwörungstheorien. Denn das würde ja implizieren, dass man annimmt, dass das etwas mit seinen staatstragenden Thesen zu tun hat und kein Zufall ist. COMPACT ist ein unerschrockenes Projekt, wie man unter anderem daran sieht, dass auf der Website das nächste Projekttreffen im Mai ausgerechnet im Hotel de Bilderberg stattindet. Der Chef des Projekts ist, wie Butter, Professor der Amerikanistik, was aber nichts mit irgendwas zu tun hat, sondern Zufall ist. Dass die rund 100 Wissenschaftler, die an dem Projekt mitmachen, in das gleiche staatstragende Horn stoßen, hat auch nichts damit zu tun, dass man Butter und seinem Mit-Amerikanisten vorher beschreiben muss, was man forschen und herausfinden will, um an die staatlichen Forschungsgelder zu kommen. Es liegt vielmehr einfach daran, dass zufällig und ungeplant alle der wissenschaftlich fundierten Meinung sind, dass die offizielle Version von Ereignsisen immer stimmt und wer daran zweifelt ein Verschwörungstheoretiker ist.

[17.3.2018]

Nachtrag (18.3.): Paul Schreyer hat heute eine sehr lesenwerte, nicht-sarkastische Rezension des Buches von Butter veröffentlicht. Darin finden sich neben Gegenargumenten auch viele Gegenbeispiele und eine gut begründete alternative Sicht  von "Verschwörungstheorien".