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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Spiegel Online ist eine Schande für den deutschen Journalismus

Zwei Propagandastücke gegen Russland wie aus der Feder des Atlantic Council in nur drei Wochen, einem großen Publikum prominent dargeboten als Aufmacherartikel von Spiegel Online: Hat sich das einstige führende Nachrichtenmagazin Spiegel endgültig aus dem Journalismus verabschiedet?

In Syrien ist ein russischer Stützpunkt von einem mit Bomben beladenen Drohnenschwarm angegriffen worden. Die Russland-Korrespondentin von Spiegel Online berichtet darüber unter dem Titel "Angriff des Drohnenschwarms" und stellt zunächst fest, Moskau versuche den Verdacht auf die USA zu lenken. So weit, so korrekt. Dass sie dabei schon in der Wortwahl deutlich macht, wie wenig sie von allem hält, was aus dem offiziellen Russland kommt, geschenkt. Jede russische Quelle wird explizit als kreml-nah eingeordnet und abgewertet, wie sich das gehört. Die Eingangsfrage aus dem Vorspann: „Was steckt dahinter?“ versucht die Autorin nicht einmal zu beantworten. Stattdessen dreht sie den Tenor in Richtung: Ätsch Putin, du hast den Sieg über die Aufständischen verkündet und jetzt wirst Du von diesen mehrmals angegriffen.

Anhand verschiedener angelsächsischer Quellen sät sie Zweifel an der von Russland unausgesprochen suggerierten These, dass die Amerikaner etwas damit zu tun haben. Ganz anders als bei den russischen Quellen gibt es bei den angelsächsischen jedoch keinerlei Einordnung, die dem Leser die Parteilichkeit der Quellen offenbaren würde. Experte eins ist ein „Analyst bei der britischen Rechercheplattform Bellingcat." Der Chef und Gründer von Belingcat, Eliot Higgins, ist “nonresident senior fellow for Digital Forensic Research Lab with the Atlantic Council’s Future Europe Program.” Der Atlantic Council, das sind die, die Steinmeier, Gabriel, Platzeck, Wagenknecht und andere als nützliche Idioten, Einflussagenten und trojanische Pferde Moskaus bezeichnet und Geheimdienste, Medien und Zivilgesellschaft zur Hatz auf sie aufgefordert haben. Sie sind dabei so verfälschend vorgegangen, dass sich sogar Stefan Meister, der Autor des Deutschland-Kapitels der besagten Atlantik-Council-Publikation („Informationskrieg in Deutschland? Zur Gefahr russischer Desinformation im Bundestagswahljahr“) mit deutlichen Worten distanziert hat. Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt auf Basis eines Interviews mit Meister:

Der Atlantic Council verfällt immer wieder in eine Kalte-Kriegs-Rhetorik und fährt auf der Schiene freie Welt gegen russische Geheimdienste‘, sagt Meister heute über die Organisation, die er für ideologisch getrieben hält. Tatsächlich gehe das Vorgehen des Councils ‚an der Realität deutsch-russischer Beziehungen völlig vorbei‘, da es Washington an Verständnis für den eigenen Charakter dieser Beziehungen fehle.

Der Atlantic Council zeichnet sich durch die Zusammenarbeit von Wirtschaftsführern global agierender Großunternehmen, ehemaligen Regierungschefs und Spitzenbeamten aus, auch aus dem militärischen Bereich. Jede Menge hochrangiger Regierungsmitglieder und Regierungsberater in Washington rekrutierten sich aus seinen Reihen.

Das muss einen Spiegel-Online-Leser alles nicht interessieren.

Quelle Nr. 2 ist BBC Russland, Quelle Nr. 3 ein nicht näher bezeichneter Christiaan Triebert, der einen Artikel dazu auf der Website Daily Beast geschrieben hat. Auf seinem Twitter-Account lernt man, dass auch er zu Belingcat gehört. Sein Co-Autor Adam Rawnsley bekommt auch keine Funktionsbezeichnung. Er schreibt für das US-Magazin Foreign Policy über Sicherheitspolitik. Sein Twitter-Profil lässt ihn Russland gegenüber nicht gerade als um Objektivität bemüht erscheinen. Einen Artikel der russischen Nachrichtenagentur Sputnik zum Thema kommentiert er mit „Lord spare me from the plague of dumbasses with Internet access“, also „Herr verschone mich vor der Plage von dummen Arschlöchern mit Internetanschluss“, ohne das klar würde, was genau er an dem Sputnik-Artikel auszusetzen hat. Es wird dort in etwa das referiert, was auch im Spiegel-Online-Artikel als russische Sicht referiert wird, ohne dass dort sehr kräftige Gegenargumente geliefert würden.

Das absichtsvolle Nichteinordnen von Nato-nahen Quellen als parteiisch hat System. Vor drei Wochen schrieb der Syrien-Spezialist des Spiegel als Aufmacher der Online-Seite über „Desinformation als Kriegswaffe: Russlands perfider Feldzug gegen die Wahrheit“. Darin enttarnte er auf Basis einer Studie von The Syria Campaign, angebliche russische Verleumdungen der syrischen „Weißhelme“. Dabei vergaß er nicht nur zu erwähnen, dass Syria Campaign eine Spendensammelstelle eben dieser Weißhelme ist, sondern verschleierte auch noch durch Falschangaben die federführende Studien-Urheberschaft von Syria Campaign. Die Falschdarstellung steht immer noch unkorrigiert in dem Stück auf Spiegel Online.

Und im Februar 2017 war eine „Studie des Thinktanks Atlantic Council“, in dem Russland und Syrien Kriegsverbrechen bei der Eroberung Aleppos vorgeworfen wurden, Aufmacher von Spiegel Online, ohne jeden Hinweis auf die Parteilichkeit des Herausgebers. Was darin stand wurde berichtet wie Fakten, aus einer offen russlandfeindlichen Perspektive heraus.

Das hat alles nichts mehr mit seriösem Journalismus zu tun, das ist bestenfalls Embedded journalism. Bei allen drei Beispielen ist das einzige, was ein Öffentlichkeitsarbeiter vom Atlantic Council an diesen Stücken auf Spiegel Online hätte verbessern können, ihnen ein bisschen mehr den Anschein von Objektivität zu geben, damit die Propaganda nicht gar so auffällt und besser wirkt.

Noch zum Thema: Zum vermuteten Hintergrund der Atlantic-Council-Kampagne gegen Gabriel: Sigmar Gabriels fataler transatlantischer Fehltritt

[13.1.2018]
Änderungshinweis (14.1.): Titel des aktuellen Spiegel-Online-Beitrags und Link zu diesem eingefügt. Absatz zu Stfan Meister zur besseren Verständlichkeit umformuliert.