Was ist nur in die FAZ gefahren?

Der „Vorsorgeatlas“, den der als Wissenschaftler getarnte Lobbyist für Kapitalanlagegesellschaften, Bernd Raffelhüschen, regelmäßig für die Fondgesellschaft Union Investment erstellt, bringt wegen der meist unkritischen Berichterstattung in den Medien jedes Mal gute Werbung für Union Investment und die Branche. Was aber die altehrwürdige FAZ diesmal daraus machte, ist so weit unterhalb jeglichen journalistischen Standards und des gesunden Menschenverstands, dass man einfach darauf eingehen muss.

Man schaut erst mal nach oben und sucht das Wort „Anzeige“ über diesem Beitrag auf der Titelseite des Finanzteils, nachdem man kurz hineingelesen hat. Es fehlt. Offenbar kann es sich die FAZ leisten, fast eine halbe Aufschlagseite für Werbung zu verwenden, ohne Geld dafür zu nehmen. „Zusammenspiel aus Gesetzlich und Privat funktioniert“, lautet der Titel, ohne Anführungszeichen oder sonstige journalistische Distanzierung von der Behauptung.  Das wäre gerade noch akzeptabel, wenn man in der Unterzeile etwas über die interessengeleitete Quelle erführe. Doch nein: Die Unterzeile heißt „Die Ansprüche aus allen drei Vorsorgeschichten genügen durchschnittlich für einen stabilen Lebensstandard“, wieder ohne Anführungszeichen oder sonstige journalistische Distanzierung von der noch dazu falschen Behauptung. Auf das handwerkliche Versagen, einen Titel und Untertitel zu produzieren, bei dem man sich schon sehr gut auskennen muss, um zu ahnen worum es geht, wollen wir nicht näher eingehen. Es soll um die unsägliche Propaganda für gewinnorientierte Unternehmen gehen, die hier gemacht wird.

Es wird nämlich noch schlimmer. Die ersten Sätze nach der Meinungsäußerung im Titel dieses vermeintlichen Nachrichtenstücks sind ein weiterer Kommentar, mit dem der Autor zugunsten der Fondsbranche Stellung in der politischen Debatte bezieht und jegliche Gegenposition vorsorglich als uninformiert abqualifiziert:

In der Rentendiskussion wollen manche Akteure der Öffentlichkeit weismachen, das bestehende System führe direkt in die Altersarmut. Ein nüchterner Blick auf die Zahlen zeigt hingegen: Für die jüngeren Menschen sinkt das Rentenniveau zwar deutlich, aber durch ihre Ansprüche aus betrieblicher und privater altersvorsorge können sie das kompensieren. Die durchschnittliche Ersatzquote, also der Anteil am letzten Bruttoeinkommen der heute 20 bis 65 Jahre alten Deutschen wird zum Renteneintritt bei 82,6 Prozent liegen.

Man weiß kaum, wo man anfangen soll bei dieser Ansammlung von Ungeheuerlichkeiten. Welcher Journalist, der etwas auf sich hält, macht sich in einem Nachrichtenstück derart offen parteiisch mit der Sache eines gewinnorientierten Marktteilnehmers gemein, übernimmt die Analyse eines Dritten unkritisch und behauptet dann auch noch wider besseres Wissen ausdrücklich, die genannten Zahlen und ihre interessengeleitete Interpretation stellten Tatsachen dar und seien einem „nüchternen“, mithin objektiven Blick entsprungen. Nirgends wird die Quelle der Behauptungen explizit genannt. Es folgt vielmehr ein allgemeines Zitat von Bernd Raffelhüschen.

Es wird noch schlimmer. Das vermeintliche Haupt-Faktum, das die FAZ sich zu Eigen macht, ist dazu noch grob falsch dargestellt. Nicht einmal Union Investment und Raffelhüschen stellen in ihrem „Vorsorgeatlas“ die absurde Behauptung auf, die heute erwerbstätigen Deutschen könnten im Durchschnitt mit einer (bis auf die Kommastelle angegebenen) Ersatzquote von 82,6 Prozent rechnen. Damit rechnen kann nach ihren PROGNOSEN nur jenes  privilegierte Viertel der erwerbstätigen Bevölkerung, das neben Ansprüchen aus der gesetzlichen Rente auch noch solche aus Riester Renten und/oder (das wird nicht ganz klar) betrieblicher Altersvorsorge erworben und darüber hinaus noch nennenswert Geld- und Immobilienvermögen angespart haben wird. Hier wäre, wenn es sich nicht eigentlich um einen werblichen Text handeln würde, eine Richtigstellung durch die FAZ angezeigt. Aber da der Fehler ja die Falschbehauptungen Raffelhüschens („Die Menschen in Deutschland müssen sich keine Sorgen um ihre Rente machen.“) stützt, wird dieser sich wohl nicht beschweren.

Nicht nur fehlt in dem Artikel der ausdrückliche Hinweis auf die Interessenlage der Fondsgesellschaft, für die das Geschäft mit der privaten Altersvorsorge ein sehr wichtiges Standbein ist, das leiden würde, wenn die gesetzliche Rente wieder funktionsfähig gemacht würde. Der Zusammenhang wird sogar noch aktiv verharmlost. „In Kooperation mit Union Investment“ habe Raffelhüschen den Atlas erstellt, lässt die FAZ wissen. Warum dieser vernebelnde Euphemismus für „im Auftrag und bezahlt von …“?

„Raffelhüschen verdeutlichte“, nicht etwa „behauptete“, fängt der zweite Absatz an, in dem dieser die Rentenkürzungen lobpreisen darf, wiederum distanzlos-zustimmend von der FAZ referiert.

Selbst die leicht erkennbare Dümmlichkeit von Raffelhüschens Fairness-Argument für den Nachhaltigkeitsfaktor, jede Generation werde darauf geprüft, „wie viele oder wenige Kinder sie in die Welt gesetzt hat“, und bei der Rente entsprechend behandelt, fällt dem FAZ-Autoren nicht auf, oder er will sie nicht sehen. Warum soll es fair sein, dass die Eltern von vier Kindern eine niedrige Rente bekommen, weil es in ihrer Generation so viele gibt, die sich wegen der Benachteiligung derer mit Kindern bei Zeugung und Aufzucht zurückgehalten haben. Wohlgemerkt: Die Eltern der vier Kinder durften, während sie sich materiell einschränkten, um die Kinder großzuziehen, durchgehend in voller Höhe Rentenbeiträge abführen. Der als Beamter vollversorgte Herr Raffelhüschen mit seiner Ersatzquote, nach der sich normale Rentner nur die Finger lecken können, mag das fair finden. Allzu viele andere wahrscheinlich nicht.

Im vorletzten Absatz des langen Artikels kommt dann schließlich noch die Quelle für die Behauptung des Autoren aus dem Eingangssatz, wonach Kritiker der Zerstörung der gesetzlichen Rente einfach keine Ahnung hätten.

„Wer einen vollständigen Systemwechsel fordert, verkennt die wissenschaftlichen Fakten.“

So wird der Vorstandschef von Union Asset Management zitiert. Diese interessengeleitete Unsinnsbehauptung also wird vom Autoren als eigene Feststellung in den Anfangssatz gezogen, so als ob es allein schon deshalb um wissenschaftliche Tatsachen ginge, und nicht um Politik und Interessen, weil man sich einen Professor als Verfasser seiner Propagandatexte leisten kann.

Wie so ein unterirdisches Stück die Qualitätskontrollen einer führenden überregionalen ‚Qualitätszeitung durchlaufen und an prominenter Stelle gedruckt werden konnte, ist mir absolut unbegreiflich.  Wenn ich mir vorstelle, ich würde  in der Presseabteilung der Union Investment arbeiten und sollte den Artikel aus Unternehmenssicht optimieren, mir würde wenig einfallen, außer ein bisschen mehr den Anschein objektiver Berichterstattung zu erwecken und dafür die werbliche Parteilichkeit etwas zurückzunehmen, damit sie weniger augenfällig ist. Werbung wirkt schließlich am besten, wenn sie nicht als solche erkannt wird.

Wer mehr über die Rolle von Raffelhüschen und Kollegen bei der Zerstörung der gesetzlichen Rente erfahren möchte, dem sei das hier besprochene Buch „Die große Rentenlüge“ empfohlen. [11.10.2017]

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