Skandalös willfähriger Tagesschaubericht über resistente Keime im Hühnerfleisch

Ich habe mir eigentlich vorgenommen, mich nicht mehr aufzuregen über das, was die Tagesschau uns täglich vorsetzt. Aber der Tagesschau-Bericht am Mittwoch (ab Min 10) über antibiotikaresistente Keime in jeder zweiten Geflügelprobe, schlug dem Fass den Boden aus.

Gestützt auf eine Antwort des Landwirtschaftsministeriums auf eine Anfrage der Grünen wird dort von dem Skandal berichtet, dass in der tierquälerischen Massengeflügelhaltung in großem Maßstab antibiotikaresistente Keime gezüchtet werden, die jedes Jahr vielen Menschen den Tod bringen und den Krankenhäusern riesige Probleme bereiten. Sogar Reserveantibiotika würden in der Tiermast eingesetzt und so unbrauchbar gemacht, erfährt man. Reserveantibiotika sind die Mittel, die man beim Menschen nicht breit einsetzt, um Resistenzen zu vermeiden und sie für Fälle in Reserve zu haben, wo Menschen von Keimen befallen werden, die gegen die gängigen Antibiotika resistent sind. In der extremen Massentierhaltung, die nötig ist, um massenhaft Fleisch ins Ausland exportieren zu können, kommt man ohne Antibiotika nicht aus, da kann man nichts machen - als Landwirtschaftsminister, der ja die industrielle Landwirtschaft zu schützen hat, schon gar nicht.

Wer nun aber erwartet hätte, dass der Landwirtschaftsminister sich wenigstens in dieser Richtung vor der Kamera rechtfertigen müsste, wegen seiner Verantwortung für diese Riesensauerei, oder wenigstens erklären müsste, was er nun endlich dagegen tun will, der sah sich bitter enttäuscht. Vielmehr durfte Christian Schmidt, der seit dreieinhalb Jahren die Verantwortung trägt, wie ein unbeteiligter Experte treuherzig in die Kamera blickend sagen, dass es zu viel sei, wenn jede zweite Probe mit solchen resistenten Keimen belastet sei. „Eigentlich sollte gar keine Probe belastet sein“, sagte er noch und fügte ebenso klug wie nichtssagend hinzu: „Wir haben immer eine gewisse Keimbelastung.“ Dann wurde abgeschnitten.

Unter journalistischen Gesichtspunkten ist es dreiste Arbeitsverweigerung dem gebührenzahlenden Zuschauer gegenüber, wenn man den Verantwortlichen für einen Skandal so in die Kamera sprechen lässt und keine kritische Frage stellt. Das ist kein Journalismus mehr, das ist reine Vorwahl-Hofberichterstattung.

Und am Ende wurden wir dann zu allem Überfluss noch belehrt, dass wir uns durch strenge Hygiene in der Küche schützen könnten. Als ob damit dem Problem multiresistenter Keime beizukommen wäre und die Regierung aus dem Schneider wäre, wenn nur jeder schön reinlich ist.

Korrekturhinweis 14.9. 18 Uhr: Letzter Absatz geändert. In der Ursprungsfassung hatte ich geschrieben, es wäre Waschen des Fleisches empfohlen worden. Das war nicht korrekt. Im Film ist tatsächlich nur zu sehen, wie ein Messer gewaschen wird. Entsprechend habe ich den Nachtrag gelöscht, wonach die Empfehlung Fleissch zu waschen einer kürzlichen Emfpehlung des NHS in Großbritannien widerspreche, rohes Fleisch nicht zu waschen. Ich bedauere den Fehler.

Nachtrag 2 vom 14.9.: Im Januar 2012 hatte der BUND schon einmal genau das Gleiche festgestellt, resistente Keime in jeder zweiten Probe, und die Tagesschau hat einen Tierarzt und Epidemologen dazu befragt. Er listete auf, was in letzten fünfeinhalb Jahren durch das Landwirtschaftsministerium hätte getan werden können, um den Dauerskandal abzustellen.

tagesschau.de: Wie kann die Ausbreitung solcher Keime in Zukunft verhindert werden? Tenhagen: Dazu müssten wir weniger Antibiotika in der Tierzucht einsetzen. Wir dürfen sie aber nicht einfach weglassen, sondern müssen Haltungsbedingungen und Hygiene verbessern. Impfungen können einen Beitrag leisten so wie besseres Gesundheitsmanagement, etwa durch eine konsequente Betreuung durch einen Tierarzt. Wichtig ist auch, die hygienischen Bedingungen bei der Schlachtung zu verbessern, denn dort werden die Erreger auf das Fleisch übertragen. Ob Bio-Fleisch weniger belastet ist, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Sicher ist aber, dass dort strengere Auflagen für den Gebrauch von Antibiotika gelten.

Die heutige Tagesschau-Redaktion hätte nur den zugehörigen Bericht in den Tagesthemen von damals (ab ca. min 15) anschauen müssen. Dort gibt es unter anderem ein längeres Gespräch vom jetztigen Intendanten Tom Buhrow mti dem SWR Ernährungsexperten Werner Eckert, in dem dieser klar macht, dass Ansteckung beim Essen des Fleisches nicht das Problem ist. Außerdem wird in dem Bericht mit DART begonnen, der Deutschen Antibiotika Resistenz Strategie. Was ist daraus nur geworden? Das wäre doch ein Frage gewesen, die zu stellen gelohnt hätte. Kurzes Googeln hätte ergeben, dass DART im Jahr 2015 von der Bundesregierung erneuert wurde und Agrarminister Schmidt damals die scharfe Formulierung eingebracht hat: "Die Anwendung von Antibiotika dient nicht alleine der Heilung von Tieren, sondern verhindert auch die Übertragung krankmachender Bakterien von Tieren auf Menschen. Hiervon profitieren Personen mit Tierkontakt (beispielsweise Landwirte und deren Familien oder Hundebesitzer und deren Familien) sowie Verbraucher von Lebensmitteln und anderen Produkten, die vom Tier stammen. Für die Lebensmittelkette gilt: Nur von gesunden Tieren können gesunde Lebensmittel gewonnen werden." Der NRW-Agrarminister Remmel von den Grünen kündigte in den Tagesthemen damals an, den Missstand abzustellen, Verbraucherschutzministerin Aigner kündigte umgehend neue Gesetze an. Heute ist der Befund noch exakt derselbe, das Resistenzproblem größer geworden, und die Tagesschau interessiert sich nicht die Bohne für vergangene Abhilfeversprechen und heutige Abhilfemöglichkeiten.  (Die Sendung von Januar 2012 ist übrigens auch sonst sehr interessant. Merkel und Sarkozy kündigten damals die Einführung der Finanztransaktionssteuer an, und Markus Bornheim vom Bayerischen Rundfunk sagte in einem Kommentar, das damalige Rettungspaket für Griechenland solle nur die französischen und deutschen Banken retten und werde darüber hinaus keines seiner erklärten Ziele erreichen, weil die gesetzten Bedingungen nur dazu führen könnten, dass es Griechenland schlechter geht.)

[13.9.2017] 

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