profilbild

________________

Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Die EZB steigt in die Kreditlenkung ein

Mit ihrer heutigen Entscheidung, Banken, die ihre Kreditvergabe an produzierende Unternehmen ausweiten, besonders langfristige und günstige Kredite zu gewähren, hat sich die Europäische Zentralbank von einem Dogma abgewandt. Dem Dogma, dass die Banken und Finanzmärkte von sich aus das Geld in die produktivste Verwendung lenken. Das ist aus gesellschaftlicher Sicht nicht der Fall und zwar vor allem aus zwei Gründen. Zum einen haben die Akteure der Finanzbranche einen sehr kurzen

Zeithorizont. Sie werden an vierteljährlichen, monatlichen oder noch kürzere Benchmarks gemessen. Das leistet einem Nach-mir-die-Sintflut-Handeln Vorschub. Oft lässt sich mit aus gesellschaftlicher Sicht unnützen oder gar schädlichen Engagements, etwa in einem heiß-laufenden Immobilienmarkt oder Aktienmarkt, viel schnelleres Geld verdienen als mit der Finanzierung von langfristigen, wachstumssteigernden Investitionen.

Zum anderen hat die Kreditvergabe oder Nichtvergabe gesamtwirtschaftliche Rückwirkungen, die im einzelwirtschaftlichen Kalkül einer Bank nicht vorkommen. Wenn die Banken aus vernünftigen einzelwirtschaftlichen Erwägungen bei der Kreditvergabe sehr zurückhaltend sind, bringen sie weniger neues Geld in Umlauf, beziehungsweise lassen den Geldumlauf sogar schrumpfen. Dieses Geld fehlt dann, um Nachfrage zu finanzieren. Damit verschlechtern sich die Lage der Unternehmen, ihre Investitionsbereitschaft und ihre Kreditnachfrage, sowie ihre Kreditwürdigkeit. Ein sich selbst verstärkender negativer Kreislauf.

Dieser Teufelskreis eines sich selbst überlassenen Kreditmarkts ist nun auch der EZB so offensichtlich geworden, dass sie handelt. Man muss leider befürchten, dass sie bei erster Gelegenheit zu ihrem alten Credo zurückkehren und das Experiment beenden wird.

Dabei wäre eine Kreditlenkung in produktive Verwendungen langfristig wichtig, um die Stabilität des Finanzsektors und gleichzeitig das Wachstumspotential der Wirtschaft zu erhöhen.

Denn nicht jeder Kredit ist aus gesellschaftlicher Sicht gleich wertvoll. Wenn die Immobilienkredite stark ausgeweitet werden, treibt das nur die Immobilienpreise nach oben und schafft die Gefahr einer Immobilien- und Wirtschaftskrise. Wenn dagegen Investitionskredite an Unternehmen vergeben werden, dann fördert das den technischen Fortschritt und das Wirtschaftswachstum, und damit auch die Voraussetzungen für eine verzinste Rückzahlung der Kredite. Zusätzliche Konsumenten – und Wohnimmobilienkredite schaffen dagegen keine Werte. Zins und Tilgung müssen aus der Wertschöpfung der Unternehmen abgezweigt werden. Das ist ein Belastung für die Wirtschaft, keine Hilfe.

Ausführlicher habe ich das in Teil 3 der Serie „Über das Geld“ dargelegt.