Die Faktenfinder der Tagesschau und die Russen: Fake News im Kreis

Angetreten ist das Projekt „Faktenfinder“ der Tagesschau als eine Gruppe von Rechercheuren, die den Falschinformationen im Netz bekannte Tatsachen entgegensetzen und sie so neutralisieren wollen. Konfrontiert mit der Notwendigkeit das Ausbleiben von russischen Fake-News-Kampagnen zu erklären und zu Falschinformationen eines etablierten Mediums Stellung zu beziehen, zeigt die Gruppe jedoch sehr bald ihr wahres Gesicht.

Ein besonderes Highlight der Faktenfindung war am 21.4. der Beitrag über die vermeintliche Beeinflussung der französischen Präsidentschaftswahlen durch Moskau mi dem Titel: „Keine Kampagne aber eine Strategie“. Ausgangspunkt war, dass diese vielstimmig befürchtete Fake-News- und –Beeinflussungskampagne ausgeblieben sei. Und dann geht es wild hin und her zwischen beeinflusst und doch nicht beeinflusst. Es wird alles was sich finden lässt zusammengetragen, um den sich aufdrängenden Eindruck zu zerstreuen, dass das ganze Getue um die russische Wahlbeeinflussung  Fake News oder Propaganda war. Die Fakten die man findet sind überwiegend von der eher lächerlichen Sorte.

Unter der Überschrift „ Macron im Fadenkreuz“ heißt es:

Auch wenn der russlandfreundliche Präsidentschaftskandidat François Fillon Sorgen vor einer Einmischung des Kreml als ‚Hirngespinste‘ abtat, so schienen sich die Befürchtungen Anfang Februar zu bestätigen.

Belege: Russische Medien kündigten – fälschlich – an, Wikileaks werde für Frankreich Aufsehen erregendes veröffentlichen und brachten ein Interview mit einem russlandfreundlichen Abgeordneten. Außerdem gab es Gerüchte über einen gleichgeschlechtlichen Liebhaber Marcrons, wobei Faktenfinderin Silvia Stöber hinzusetzt, dass man absolut gar nichts über deren Urheberschaft wusste und weiß. Außerdem hätten russische Medien eher positiv über Le Pen und Fillon geschrieben und habe Macrons Wahlkampfmanager Russland einer Fake-News-Kampagne beschuldigt.

Das wars mit den Fakten. Als ob das reichen würde, Befürchtungen einer Einmischung des Kreml zu bestätigen. Der Rest des Artikels sind Aussagen von allerlei befragten Experten für russische Fake-News-Kampagnen, die darüber spekulieren, warum die gerade vom Faktenfinder diagnostizierte Kampagne doch ausgeblieben ist.

Fake News im Kreis, darf man das vielleicht nennen.

Faktenfinder springen SPON und Tagesschau zur Seite

Leider war dieses peinliche Stück nicht die erste verräterische Einlassung des Faktenfinders zu erfundenen russischen Fake-News-Kampagnen. Die unter anderem medienkritische Website Nachdenkseiten, setzte sich jüngst mit einem Bericht von Spiegel Online (SPON) vom 16. Februar auseinander, den sie als „Fake News im Quadrat“ bezeichnete und regte an, dass sich der Faktenfinder der Tagesschau doch damit befassen möge. Immerhin hatte die Tagesschau die SPON-Meldung in ihrer Hauptsendung am 17.2. millionenfach weiterverbreitet, so wie viele andere Medien auch. Der Faktenfinder biss an. Er bereut das inzwischen sicherlich sehr, denn es ging furchtbar schief, und offenbarte unfreiwillig den Charakter der Unternehmung als Flakgeschütz des Rundfunks, das die regierungsnahe Deutungshoheit über das Weltgeschehen verteidigen soll.

Und darum ging es: SPON hatte unter der Überschrift „Russland attackiert Bundeswehr mit Fake-News-Kampagne“ über ein anonyme E-Mail berichtet, die an einige litauische Parlamentarier und die Polizei ging. Darin wurde behauptet, dort stationierte Bundeswehrsoldaten hätten eine junge Frau vergewaltigt.

Was sagen die Fake-News-Korrektoren der Tagesschau dazu? Faktenfnder Patrick Gensing braucht bis zum achten Absatz, bevor er die durch nichts belegte Behauptung in der SPON-Überschrift erwähnt, die Russen steckten dahinter. Und er tut das  auf ganz raffinierte und indirekte Weise:

Zutreffend ist hingegen der Hinweis der Nachdenkseiten darauf, dass Spiegel Online die Überschrift des Artikels entschärft hat.

Statt zu schreiben: „Die Überschrift von SPON war eine durch nichts bewiesene Behauptung, die die öffentliche Meinung im Sinne der Nato oder der deutschen Regierung beeinflussen sollte, und erfüllt damit die Kriterien für Fake News“, billigt Gensing den Nachdenkseiten großmütig zu, es stimme, dass SPON die Überschrift später geändert habe. So als ob der Hauptvorwurf gewesen sei, dass SPON eine Überschrift änderte.  Das ist ganz tief in die Kiste mit den faulen Tricks gegriffen.

Weiter geht die wohlmeinende Auseinandersetzung  Gensings mit der Fake-News-Überschrift von SPON:

Aus der Schlagzeile ‚Russland attackiert Bundeswehr mit Fake-News-Kampagne‘ machte die Redaktion ‚NATO vermutet Russland hinter Fake-News-Kampagne gegen Bundeswehr‘. Die Erklärung dazu unter dem Artikel: ‚Das haben wir geändert, weil es sich um einen Verdacht der Nato handelt.‘ Spiegel Online bezog sich dabei auf einen NATO-Diplomaten, der aber nicht namentlich genannt wurde.

Dass auch die neue Überschrift von SPON streng genommen Fake News ist, weil „die Nato“ in diesem Fall nie öffentlich einen Verdacht geäußert hat, scheint Gensing bewusst, er benennt es aber nicht. Ein einzelner Nato-Diplomat eines Landes kann kaum im Off die Position der Nato festlegen und verkünden.

Gegen Ende seines Artikels verharmlost Gensing die Fake-News-Überschrift von SPON resümierend als „reißerisch bis irreführend“, wobei dieses Resümee noch sinnwidrig mit der Zwischenüberschrift „Pauschale Aburteilung der Medien als Kampfpresse“ intoniert wird? Aber, setzt er hinzu:

„Nicht zutreffend ist hingegen der Vorwurf, Spiegel Online habe "Fake News im Quadrat" verbreitet, so wie es die Nachdenkseiten behaupten - und es der "deutschen Medienlandschaft" pauschal unterstellen.“

Es ist also keine Fake News, meint Gensing, weil … ja weil …. Man sucht vergeblich. Der Hauptvorwurf der Nachdenkseiten wird nicht explizit bearbeitet. Man kann sich die suggerierte Argumentation allerdings aus anderen Beiträgen zusammensuchen. Sie lautet: es war halt ein Fehler. Fehler passieren. Es war keine Absicht.

Auf den Vorwurf, SPON habe bewusst ohne Belege Russland angeschuldigt, zu antworten: „Es war keine Absicht, es war ein harmloser Fehler“, wäre eine legitime, wenn auch kaum überzeugende Verteidigungsstrategie. Aber dann wäre die ganze Faktenfinderei drum herum unnütz, mit der suggeriert wird, man kläre Tatsachen auf.

Massenhaft Mängel in der Berichterstattung

Der übrige Berichterstattung von SPON und in der Folge der Tagesschau war ebenfalls voller tendenziöser Verzerrungen. Zur Abkürzung wollen wir im Weiteren nur das von der Tagesschau aus dem SPON-Bericht Übernommene oder Fortgesponnene beleuchten.

Vorspann:

Unbekannte haben eine Desinformationskampagne gegen die Bundeswehr in Litauen gestartet. Es ist unklar, wer hinter der Attacke steckt. Aber es gibt einen Verdacht.

Ob es ein oder mehrere Absender waren ist gänzlich unbekannt, aber wenn es eine „Kampagne“ sein soll, darf es natürlich kein Einzeltäter sein, insbesondere weil die Mail mit der Falschbehauptung nirgends Aufsehen erregt hat, bevor SPON und Tagesschau groß darüber berichteten, auch nicht in Litauen.

Der Verdacht wird trotz extremer Indizienarmut zur Hauptnachricht stilisiert. Anders wäre die prominente Berichterstattung in der Tagesschau über eine bis dahin weitgehend ignorierte anonyme E-Mail auch kaum zu rechtfertigen.

Eine Zwischenüberschrift lautet: „NATO spricht von Provokation“

Fakt ist: Es gibt keine Stellungnahme der Nato.

Ein NATO-Diplomat sprach laut Spiegel-Bericht von einer erneuten Provokation der Russen, die gegen die temporäre Truppenstationierung an der Ostgrenze des Militärbündnisses protestieren.

„Nato-Diplomat“ könnte der Generalsekretär oder bloß ein Vertreter von Litauen oder jedem anderen Nato-Staat in Brüssel sein. Die Tagesschau weiß es nicht. Trotzdem baut sie  den gesamten Bericht auf diesem einen, nicht verifizierbaren angeblichen Verdacht einer interessierten aber anonymen Quelle eines anderen Mediums auf. Es gibt keine Distanzierung, keinerlei Hinweis auf die fehlende Verifizierbarkeit und auf die Voreingenommenheit der Quelle. Es gibt keinen Hinweis auf die gegensätzliche Sichtweise der beschuldigten Seite, und diese bekommt keine Gelegenheit, sich zu äußern und die Behauptung zu dementieren. Das widerspricht auf vielfache Weise den Anforderungen an seriösen Journalismus.

Was hat der Tagesschau-Faktenfinder zu all dem zu sagen?

Nichts.

Dann macht der Tagesschau-Bericht genau wie vorher SPON weiter mit:

 „Der Fake-News-Fall erinnert an die angebliche Vergewaltigung einer 13-jährigen Russlanddeutschen aus Berlin Anfang 2016. Die Gerüchte verbreiteten sich rasant im Netz - russische Medien kochten den Fall zudem hoch.

Wenn es keinen objektiven und besser benennbaren Zusammenhang gibt, ist das reine Stimmungsmache. Tatsächlich haben die Fälle extrem wenig miteinander zu tun, außer einem – im aktuellen Fall bloß behaupteten - Zusammenhang mit Russland. Die Gerüchte um die Vergewaltigung waren damals nicht von Dritten erfunden, sondern beruhten auf einer mutmaßlich nicht korrekten Aussage des Mädchens. Durch Weglassen der Information, wer den Vorwurf erfunden hat, wird ein nicht vorhandener Zusammenhang zum aktuellen Fall künstlich suggeriert. Noch deutlicher wird das im SPON-Artikel, wo ausdrücklich „das Vorgehen der Täter, vor allem die Erwähnung einer angeblichen Vergewaltigung“ frappierend an den Fall Lisa erinnere.

Zudem war die damals 13-jährige tatsächlich in dieser Zeit, wenn auch nicht in den besagten Stunden, Opfer schweren sexuellen Missbrauchs, wie sich später aufgrund einer Anklage der Berliner Staatsanwaltschaft herausstellte. Ein 23-jähriger und ein 20jähriger hatten Sex mit ihr und filmten sie dabei. Der Fall ist also viel zu kompliziert um als Musterbeispiel für angebliche, von der russischen Regierung gesteuerte Fake-News-Kampagnen zu dienen.

Was meint der Faktenfinder der Tagesschau dazu?

Nichts

Wenn Fakten nicht interessieren, was dann?

Man fragt sich erstaunt, worüber der Faktenfinder 17 Absätze lang geschrieben hat, um die Vorwürfe gegen die Fake-Berichterstattung über die angebliche Fake-News-Kampagne gegen die Bundeswehr zu untersuchen, außer zwei Absätzen zur Entschuldigung und Vernebelung der Falschbehauptung in der SPON-Überschrift.

Die Antwort: Ein paar Absätze darüber, ob es gerechtfertigt war, von einer Kampagne zu sprechen („Diskutieren lässt sich sicherlich, wie relevant der Vorfall war.“), und ganz viel über die Nachdenkseiten. Und wie.

Eingeführt werden diese als „linke Website“, was wohl pejorativ gemeint ist. Ihnen wird zunächst fälschlich vorgeworfen, sie hätten nicht erwähnt, an wenn die E-Mails gingen. Das muss Faktenfinder Gensing später korrigieren. Noch bevor die Falschbehauptung in der Überschrift von SPON erwähnt wird, gibt es einen farblich hervorgehobenen Kasten mit dem die Glaubwürdigkeit des Kritikers erschüttert werden soll. Das ist ein übliches Propagandainstrument; für einen vermeintlichen „Faktenfinder“ ist es ein eher ungewöhnlicher Kniff.

Die NachDenkSeiten bezeichnen sich selbst als ‚Die kritische Website‘. Es handelt sich dabei um ein Projekt, das 2003 von dem ehemaligen SPD-Politiker Albrecht Müller gegründet wurde. Mitherausgeber Wolfgang Lieb, ebenfalls Ex-SPD-Politiker, zog sich 2015 von dem Projekt zurück. Er kritisierte in einer Erklärung die Methoden der Kritik und die Art der Auseinandersetzung auf der Seite.Die "Frankfurter Rundschau" zählte die NachDenkSeiten zu einer neuen Gegenöffentlichkeit, die gegen eine vermeintliche Gleichschaltung der deutschen Medien anschreibe und dabei keine Berührungsängste mit rechten Personen und Positionen und Verschwörungstheorien habe.

Das muss man anscheinend alles wissen, um richtig einordnen und verstehen zu können, ob die Berichterstattung von SPON und Tagesschau nun korrekt war oder nicht.

Dabei fällt auf, dass Gensing von einer längeren Liste auch positiver Nennungen zur Rezeption der Nachdenkseiten nur folgende Passage aus Wikipedia abgeschrieben hat:

Wikipedia: Steven Geyer von der Frankfurter Rundschau zählte die NachDenkSeiten im November 2015 zu den Machern einer neuen Gegenöffentlichkeit, die gegen eine vermeintliche Gleichschaltung der deutschen Medien anschreiben (…) und dabei keine Berührungsängste mit rechten Personen und Positionen und Verschwörungstheorien haben.

Peinlich dabei. Diese Passage aus Wikipedia ist eine im Tenor zwar passende, in den konkreten Formulierungen jedoch sehr freie, teilweise auch leicht irreführende, zumindest jedoch viel Interpretation des Autors enthaltende Zusammenfassung dessen, was Geyer in dem Rundschauartikel alles insinuiert. Es ist für einen Journalisten, zumal für einen vermeintlichen Faktenfinder, nicht zulässig, derartiges aus Wikipedia abzuschreiben, anstatt den Artikel selbst zu lesen und zu exzerpieren, ganz abgesehen von der böswilligen Auswahl der die Nachdenkseiten beschreibenden Elemente (Kritik eines Weggefährten, negativste Passage aus Wikipedia).

Zur Sicherheit bekommt der von den Nachdenkseiten abgefallene Lieb auch noch das lange Schlusswort mit der Passage, die der Leser wohl als Resümee des Faktenfinders lesen soll:

Der langjährige Mitherausgeber der "Nachdenkseiten", Wolfgang Lieb, hatte 2015 zu seinem Abschied von dem Projekt einen offenen Brief verfasst. Darin stellte er fest: „Mit einer pauschalen Aburteilung ‚der‘ Medien als ‚Kampfpresse‘ ‚als undemokratisch, als von Kampagnen, von Einseitigkeit, von Agitation und Dummheit geprägt‘ mögen sich vielleicht Menschen bestätigt fühlen, die ohnehin der Meinung sind, wir hätten es ganz allgemein mit einer ‚Lügenpresse‘ zu tun. Man unterstützt damit die Leserinnen und Leser jedoch nicht bei einer sachlich differenzierenden Aufklärung darüber, was an der Berichterstattung richtig ist oder nicht - also wo "gelogen" wird und wo nicht. Das aufzudecken, verlangt zwar mühselige Kleinarbeit, aber damit kann man nach meiner Auffassung Menschen besser zum Nachdenken veranlassen und eher Glaubwürdigkeit und Vertrauen gewinnen, als durch Pauschalurteile.

Verstanden? Die Kritik kommt von der falschen Seite, sie kann nicht richtig sein. Das ist Faktenfindung vom feinsten!

Was es mit dem Faktenfinder auf sich hat, deutete sich schon dadurch an, dass er seine Tätigkeit auf Halbwahrheiten und Falschmeldungen „im Netz“ beschränken will und gleichzeitig Journalisten pauschal freispricht mit den Worten: „Es geht bei Fake News nicht um handwerkliche Fehler im Journalismus, die immer versehentlich passieren können - und zwar jedem.“ Nun dürfte gänzlich klar sein: Der Faktenfinder soll dazu dienen, die eigene, regierungsfreundliche Deutungshoheit zu verteidigen. Das wird dadurch besonders besorgniserregend, weil es starke Bestrebungen gibt, alles was von interessierter Seite als Fake News eingestuft wird, im Netz zu zensieren. Wenn staatsnahe Rundfunkanstalten und von Wall-Street-Milliardären finanzierte Journalistengruppen wie Correctiv die Einteilung in zu sperrende Fake News und noch zulässige Meinungsäußerung vornehmen, dann gute Nacht Meinungsfreiheit.

[23.4.17]

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