Adieu DJV: Von einer Journalistengewerkschaft, die Fake-News verbreitet und heimliche Kungelrunden mit Regierenden verteidigt, fühle ich mich nicht vertreten

Ausgerechnet der Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbandes, meiner Journalistengewerkschaft, schrieb auf dem DJV-Blog einen Beitrag, in dem er den russischen Auslandsender RT Deutsch falsch beschuldigte. Das Dementi von RT Deutsch bezeichnete er als Kampagne gegen den DJV und lehnte es ab, dazu Stellung zu nehmen. Erst Tage später wird die Falschnachricht stillschweigend gelöscht. Für mich bringt das ein bereits gut gefülltes Fass zum Überlaufen. Ich sage tschüss.

Am 17. Februar bloggte der DJV-Pressesprecher noch zum Manifest von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg „Chance vertan“ und kritisierte diesen dafür, nicht hinreichend, „beherzt gegen die Verbreitung von Lügen und Hetze vorzugehen.“ Sieben Tage später, am 24.2. bloggt er wieder und kritisiert den SPD-Politiker Matthias Platzeck dafür, dass er RT Deutsch ein Interview gegeben hatte, mit sehr markigen Worten und einer falschen Anschuldigung:

„Was hat ihn getrieben, sich jetzt interviewen zu lassen? Und ausgerechnet von der Putin-treuen Propagandaschleuder RT Deutsch? Das ist die Plattform, die das Märchen einer angeblichen Vergewaltigung in die Welt gesetzt und damit diplomatische Verwicklungen ausgelöst hat. Wenn es in Deutschland eine Heimat von Fake News gibt, dann auf diesem Portal.“

Wie RT Deutsch am 27.2. darlegte, und wie Jens Berger auf den Nachdenkseiten bestätigte, hatte RT Deutsch erst zwei Wochen nach dem zeitweisen Verschwinden des russlanddeutschen Mädchens Lisa erstmals über den Fall berichtet, eine Woche nachdem andere Medien bereits berichtet hatten. Wenn dieses Dementi auf das der DJV-Pressesprecher laut RT Deutsch umgehend hingewiesen wurde, falsch sein sollte, wäre das leicht zu widerlegen. Wenn nicht, hätte der DJV-Pressesprecher unbedingt reagieren und seine falsche Anschuldigung korrigieren müssen. Es kann ja durchaus passieren, dass einem etwas so plausibel erscheint, dass man es nicht nachprüft, und dann stellt es sich als falsch heraus. Das passiert jedem Journalisten in einem langen Berufsleben ein paar Mal. Doch der DJV Pressesprecher dachte nicht daran. Laut RT Deutsch reagierte er auf den Hinweis auf seinen Fehler sehr unwirsch und brach das Gespräch ab. Eine öffentliche Reaktion gab es nicht. Der Text blieb stehen Auf meine Anfrage als besorgtes DJV-Mitglied an ihn, warum er das Dementi nicht widerlege oder seine Anschuldigung zurücknehme, reagierte er schnell.  Er werde sich zu dieser „Schmutzkampagne“ gegen ihn nicht äußern. Auf die Erwiderung, dass es hier um prinzipiell widerlegbare Aussagen handle, antworte er mit herabsetzenden Äußerungen über das "Nicht-Medium"  RT Deutsch, das einer Stellungnahme nicht würdig sei und dem er diese Genugtuung nicht geben wolle.

Ich will hier nicht für oder gegen RT Deutsch Stellung beziehen. Es steht jedem frei, den staatsfinanzierten Auslandssender Russlands für moralisch minderwertiger oder weniger verlässlich zu halten als die staatsfinanzierten westlichen Auslandssender, etwa weil man die russische Regierung unter Putin nicht mag. Wenn aber der Pressesprecher meines Journalistenverbandes meint, neben grenzwertigen Verunglimpfungen ein Medium und alle, die mit ihm reden, auch noch mit Falschbehauptungen verleumden zu dürfen, dann empfinde ich das als unerträglich. Das ist zu weit weg von meinem Verständnis von Journalismus.

Der DJV-Chef taucht ab

Meine Anfrage als zunehmend besorgtes Mitglied an DJV-Chef Frank Überall, blieb bisher unbeantwortet. Auch sonst hat er sich nicht zu dem Fall geäußert, sondern ist abgetaucht.

Dass der Beitrag mit den „Fake News“ inzwischen (offenbar am 1.3. oder in der Nacht zum 1.3.) stillschweigend gelöscht wurde, macht die Sache nicht besser. Eine öffentlich getätigte falsche Anschuldigung ist auch öffentlich zu korrigieren. Das dürften der Pressesprecher des DJV und der DJV-Vorsitzende wissen. Kümmert sie aber anscheinend nicht, da es gegen den Feind geht. Und ausgerechnet dieser Verband will demnächst auf seiner Fachtagung für junge Journalisten dem Nachwuchs „Haltung im Journalismus“ beibringen. Nicht mehr mit meinen Beiträgen.

Hier der volle Text des gelöschten Blogbeitrags aus dem Google-Cache:

"24. Februar 2017. Allzu häufig ist Matthias Platzeck in den Medien nicht mehr vertreten. Er ist zwar nicht völlig ins Private abgetaucht und engagiert sich im deutschrussischen Forum für gute Beziehungen zu Moskau. Aber damit dringt er nicht jeden Tag in die Zeitungen und Rundfunknachrichten vor. Ob er das vermisst? In seiner kurzen Zeit an der Spitze der SPD war ihm der Medienrummel zuviel. Was hat ihn getrieben, sich jetzt interviewen zu lassen? Und ausgerechnet von der Putin-treuen Propagandaschleuder RT Deutsch? Das ist die Plattform, die das Märchen einer angeblichen Vergewaltigung in die Welt gesetzt und damit diplomatische Verwicklungen ausgelöst hat. Wenn es in Deutschland eine Heimat von Fake News gibt, dann auf diesem Portal. Das dürfte auch Matthias Platzeck wissen, wenn er regelmäßig außer RT Deutsch noch andere Medien liest und sieht. Dass er das ausblendet, ist eine Ohrfeige für die Qualitätsmedien."

Warum das Fass schon gut gefüllt war

Ich hatte Frank Überall aus diesem Anlasse auch gebeten zu seiner vor kurzem als Pressmitteilung verschickten Gerichtsschelte Stellung zu nehmen. Darin hatte der DJV unter der Überschrift „Urteil ist eine Farce“ das Verwaltungsgericht Berlin dafür gerügt, dass es die Bundeskanzlerin verpflichtete, offenzulegen, mit welchen Journalisten sie sich zu vertraulichen Gesprächen getroffen habe und worüber geredet worden sei. „Der Richterspruch ist eine Farce“, wird der DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall darin zitiert. Der DJV-Vorsitzende sieht in der Verfügung einen Eingriff in das Redaktionsgeheimnis. Hintergrundgespräche seien keine Kungelrunden, sondern wichtige Instrumente zur Gewinnung und Einordnung von Informationen.

Dieses Verständnis von Journalismus teile ich nicht. Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch zu wissen, oder wenigstens später herausfinden und kritisieren zu können, wenn nach einem Hintergrundgespräch bei der Kanzlerin oder einem Minister oder Unternehmenschef einige Journalisten wichtiger Medien zufällig ein bestimmtes Thema ganz wichtig finden und mit ähnlichem Tenor bearbeiten. Wenn das heimlich geschieht, ist das sehr wohl problematisch und der Zwang für das Regierungsmitglied zur Transparenz ist sehr heilsam. Denn die Selbstkontrolle der Medien kann hier wenig ausrichten. Es kann sich eigentlich keiner leisten, einer solchen Einladung nicht Folge zu leisten, denn dabei werden wertvolle Informationen vermittelt, die sonst nur die Konkurrenz hat. Man kann auch nicht offenlegen, dass es das Treffen gab, sonst wird man künftig nicht mehr eingeladen. Und man kann sich auch nur schwer dem vorgeschlagenen Tenor völlig verweigern, sonst droht die gleiche Sanktion. Auch von einem DJV-Chef, der die Organisatoren solcher Runden zur Meinungsmanipulation gegen die desinfizierende Wirkung des Sonnenlichts abschirmen will, fühle ich mich nicht vertreten. Er leistet unserem Berufsstand einen Bärendienst, weil er das ohnehin grassierende Misstrauen der Öffentlichkeit weiter befördert.

Es stört mich auch erheblich die Rolle der DJV-Vertreter (ebenso wie der verdi-Vertreter) in den Rundfunkräten. Ich musste feststellen, dass diese zum Beispiel, was den WDR angeht, mit Verve verteidigen und unterstützen, dass dort eine ehemalige Mitarbeiterin der ARD-Programmdirektion, freigestellt von der ARD mit Rückkehrrecht, als Sprecherin der Programmkommission des WDR-Rundfunkrats Programmbeschwerden der Zuschauer und Hörer im Akkordtempo abschmettert. Auch derartige Zustände tun dem Vertrauen in die Medienschaffenden alles andere als gut. (Siehe: „WDR-Rundfunkrat beantwortet Programmbeschwerde mit Lob für Rolf-D. Krause (mit P.S.)“, insbesondere den Nachtrag.)  Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Sitze in den aufgeblähten Rundfunkräten für ein Ehrenamt mit sehr überschaubarem Aufwand äußerst auskömmlich bezahlt sind.

Auch die Website Übermedien ("Medien besser kritisieren") hat sich des gelöschten DJV-Blogs zu RT Deutsch soeben mit lesenswert spitzer Feder angenommen.  Leseprobe:

„Schon bald wird Hendrik Zörner wieder etwas bloggen, das ist gewiss. Er legt Wert darauf, dass dies nichts mit seinem Arbeitgeber, dem DJV, zu tun habe. Deshalb stehe da auch unter den Einträgen „Ein Kommentar von Hendrik Zörner“, was ja ganz logisch ist: Wenn der DJV-Pressesprecher im DJV-Blog auf der DJV-Internetseite etwas kommentiert, was sollte das dann auch mit dem DJV zu tun haben? Von dessen Vorsitzendem, Frank Überall, der auch ständig die Medienwelt kommentiert, ist bis dato übrigens kein Statement übermittelt, in dem er diese DJV-Blog-Praxis für gut heißt oder sich um das Ansehen des Journalismus sorgt.“

Zum Abschluss noch zwei Kontext-Informationen:

1. Im Fall Lisa hat sich „das Märchen einer angeblichen Vergewaltigung“ offenbar inzwischen wie dieser Tage berichtet wurde, in eine Anklage wegen schweren Missbrauchs einer Minderjährigen und Herstellung von Kinderpornographie gegen einen 23-jährigen Deutschen verwandelt. RT Deutsch berichtete auch über diese überraschende Wendung, erwartbar mit mainstreammedienkritischen Nebentönen. Nicht alles davon klingt ungerechtfertigt.  

2. Matthias Platzeck gehört mit anderen Politikern wie Sigmar Gabriel und einigen Wirtschaftsgrößen, die sich für Entspannung mit Russland und Lockerung von Sanktionen ausgesprochen haben, zu den Trojanischen Pferden und Einflussagenten des Kreml in Deutschland, die der Atlantic Council im Herbst in einer „Studie“ identifiziert hat. Ob der DJV-Pressesprecher wohl seine Informationen und Haltungen aus solchen verlässlichen Publikationen bezieht? Die Tonalität jedenfalls ist seiner sehr ähnlich.

Nachtrag (2.3.2017): Heute hat der DJV auf die Kritik reagiert und auf dem DJV-Blog die Falschmeldung ausdrücklich korrigiert, unter anderem mit den Worten:

"Dieser Kommentar hat für viel Kritik gesorgt. Nicht wegen Platzeck und dessen Interview, sondern wegen der Behauptung im DJV-Blog, RT Deutsch habe den sogenannten Fall Lisa in die Welt gesetzt. Leser des Kommentars warfen dem DJV daraufhin die Verbreitung von Falschmeldungen vor. Richtig ist: Die Urheberschaft am Fall Lisa liegt nicht bei RT Deutsch! Das zu behaupten war ein Fehler, für den wir um Entschuldigung bitten."

Unterzeichner sind Pressesprecher und DJV-Vorsitzender. Gleichzeitig halten sie ausdrücklich die ziemlich alberne Fiktion aufrecht, wenn der Pressesprecher des DJV auf dem DJV-Blog - in den auch Pressemitteilungen des Verbandes eingestellt werden -  etwas schreibt, dann sei das eine Privatangelegenheit, die nichts mit dem DJV zu tun habe. Der Blogbeitrag wurde in modifizierter Form wieder eingestellt. RT Deutsch wird weiterhin als putintreue Propagandaschleuder und DIE Heimat von Fake News in Deutschland bezeichnet, nun aber ohne den (falschen) Beleg.

 

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