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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Stimmt es, dass die Finanzkompetenz verbessert werden muss? (mit Leserreaktionen und Antwort)

Die Stärkung der Finanzkompetenz der Bürger ist ein hehres Ziel, das die Geldbranche fordert und fördert. Die Politik stimmt ein. Bundespräsident Joachim Gauck sagte vor erfreuten Bankvertretern, die Deutschen hätten eine Holschuld. Wer persönliche Chancen nutzen und Risiken einschätzen wolle, "der muss sich informieren und in Finanzfragen kompetenter werden". Ganz ähnlich äußerte sich Bundesbankpräsident Jens Weidmann: Retailkunden könnten nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden,

wenn sie auf Renditejagd Risiken ausblendeten. Noch deutlicher wurde der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke 2011: "Gut informierte Kunden, die als ihre eigenen Berater fungieren können, sind der beste Schutzwall gegen die Schwemme an Finanzprodukten und Dienstleistungen, die ungeeignet, unnötig teuer oder missbräuchlich sind." 
  Ebenso gut könnte man den Menschen aufgeben, sich besser über Krebsforschung und Kieferchirurgie zu informieren, um weniger auf Ärzte angewiesen zu sein. Und wie Lauren Willis im American Economic Review nachgewiesen hat, würde es extrem teuer, die Finanzbildung der Mehrheit der Bevölkerung Bernankes Ideal auch nur nahezubringen. Billiger und effektiver wäre es, Finanzprodukte zu regulieren und einer Genehmigungspflicht zu unterwerfen, so wie das bis etwa 1980 geregelt war. 
  Einer Bevölkerung, von der der größte Teil nicht einmal einfachste Zinseszinseffekte versteht, wird zugemutet, ohne Leitplanken immer mehr Entscheidungen zur Finanzplanung zu treffen. Diese reichen oft in die Zukunft und weisen viele Unwägbarkeiten auf. Und sie sind so komplex, dass selbst Akademiker mit überdurchschnittlich gutem Matheverständnis überfordert sind. Wer kann schon die reale Rendite nach Steuern einer Immobilie über eine - unbekannte - Lebenszeit von vielen Jahrzehnten ausrechnen? 
  Wenn niemand hilft, die Komplexität zu reduzieren, lädt das die Anbieter zu Missbrauch ein. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Betonung der Finanzbildung durch die Bank- und Versicherungsbranche und deren Verteidiger dazu dient, den Kunden die Verantwortung für Fehlentwicklungen zuzuweisen - und Forderungen nach mehr Regulierung abzuwehren.

Handelsblatt Nr. 078 vom 23.04.2014 Seite 010.

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