Der furchterregende Antisemitismus der Schultoiletten

Wenn Kritik an Schultoiletten und schlechten Noten mit Antisemitismus in Verbindung gebracht wird, dann gibt es zwei Möglichkeiten. A) Findet es im Netz statt, so hat wohl eine Person mit einer paranoiden Störung sich Luft verschafft. B) Steht es in einem respektablen Medium hat vielleicht eine staatliche beauftragte Bekämpferin von Hassrede im Netz die Tastatur bedient.

Im vorliegenden Fall ist das Werk „Antisemitismus und Versschwörungsmythos in Deutschland“, das die Verknüpfung herstellt, in der Berliner Zeitung erschienen. Also muss Fall B) einschlägig sein und die psychiatrische Diagnose ausscheiden. Gehen wir deshalb davon aus, dass Autorin Anetta Kahane, die Gründerin und hauptamtliche Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung und MMitglied der Task Force gegen Hatespeech von Justizminister Heiko Maas, in Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist. Dann erfüllt das, was sie schreibt, einen Zweck.

Kahane schreibt aus Anlass des 9. November, dem doppelten Jahrestag von Mauerfall und Pogromnacht. Schon über ihre vielschichtige Gegenüberstellung der beiden Ereignisse in drei dicht gewobenen Sätzen kann man lange sinnieren:  

„Beides hatte menschengemachte Ursachen. In der Wahrnehmung jedoch unterscheiden sich diese Anlässe gründlich. So sehr die Maueröffnung als ein Akt der deutschen Selbstbefreiung gefeiert wird, so wenig ist uns bewusst, dass die Ursachen der Pogromnacht bis heute virulent sind.“

Da wir die psychiatrische Diagnose ausgeschlossen haben, will sie uns nicht sagen, dass man die Pogromnacht auch als Befreiung verstehen sollte.  Also will sie wohl sagen, dass wir uns eigentlich bewusst sein sollten, dass auch die Mechanismen hinter der Unterdrückungsmaschinerie und der Gedankenpolizei der Stasi noch virulent sind. Immerhin dürfen heute ehemalige Stasi-Mitarbeiter wie Anetta Kahane mit staatlichem Geld und in Regierungsauftrag darüber befinden, was im Netz gerade noch akzeptabler Ärger über Regierende und Zustände ist, und was als Hassrede gelten muss.

Kahane verfolgt diesen Teil ihres Gedankens in ihrer Kolumne nicht weiter, aber wir haben es ja trotzdem verstanden und denken es mit, wenn sie im Folgenden auf die Schultoiletten zu sprechen kommt.

„Antisemitismus und Verschwörungsmythos sind noch immer wirksam. Beides gehört zusammen. Ein zentrales Element des Antisemitismus war und ist der Glaube an Verschwörungen. Es liegt in der Natur solcher Ideologien, dass sie die Schuld an allem Übel da suchen, wo sie Macht, Einfluss, Geld und den aktiven Willen zum Bösen vermuten. (…) Viele Jugendliche denken, dass die Juden alles zu verantworten haben. Kriege oder schlechte Noten in der Schule – die Juden haben stets ihre Hände im Spiel. Amerika gleich Israel gleich Schuld an Krieg, Rassismus, Not oder kaputten Schultoiletten. Was es auch sei – der Jude ist schuld.“

Also, liebe Schüler, wenn ihr das nächste Mal über unfaire Noten oder stinkende Schultoiletten aus den 1970er Jahren schimpft, sagt besser – sicherheitshalber – dazu, dass ihr keine Antisemiten seid, und dass ihr keinesfalls denkt, „der Jude“ habe bei dieser konkreten Schultoilette, über die ihr euch ärgert, seine Hände im Spiel. Andererseits: wenn ihr das tut, wirkt das sehr defensiv, so als hättet ihr ein schlechtes Gewissen. Lasst es lieber mit dem Schimpfen. Akzeptiert die Noten und die Schultoiletten wie sie kommen und stinken.

Auch über Dinge, welche eine amerikanische Regierung tut, sollte man tunlichst nicht mehr abfällig reden. Denn damit drückt man implizit eine Gegnerschaft zu Israel aus und verrät damit seinen versteckten Antisemitismus. Ob das auch unter Trump noch gilt, oder ob Trump selbst ein Antiamerikaner ist und kritisiert werden darf, muss sich noch herausstellen. Lieber abwarten.

Pazifist sollte man auch nicht offen sein, wenn man nicht der Hassrede überführt werden will. Immerhin sind die USA in eine beträchtliche Anzahl kriegerischer Auseinandersetzungen mit bestenfalls unklarer völkerrechtlicher Legitimation verwickelt. Jegliches öffentliche Gegen-Krieg-Sein verbietet sich daher. Auch Kritik an deutschen Waffenlieferungen in Krisengebiete oder Auslandseinsätzen der Bundeswehr ist schwer antisemitsch-hassrednerisch vermintes Terrain.

Wenn unsere Bundesregierung zulässt, dass amerikanische Unternehmen und Geheimdienste unsere Grundrechte außer Kraft setzen, indem sie uns der Totalüberwachung unterziehen, und unser eigener Geheimdienst dabei hilft, dann sollte man das tunlichst in der Öffentlichkeit unerwähnt lassen. Das ist zwar eine allseits bekannte Verschwörung. Aber darüber zu reden ist eine Verschwörungstheorie und es gilt: „Ein zentrales Element des Antisemitismus war und ist der Glaube an Verschwörungen“, was in der Lesart von Frau Kahane auch umgekehrt gilt: Zentrales Element der Verschwörungstheorie ist der Antisemitismus. Anetta Kahane bringt das alles so auf den Punkt:

„Zu allen Zeiten gefährdet der antisemitische Verschwörungsglaube nicht allein die Juden, sondern jeglichen Weg zu Fortschritt und Emanzipation. Die Moderne und ihren Optimismus zu zerstören, war immer das Ziel der Antisemiten.“

Kritik an den Herrschenden und ihren Zuständen, seien es stinkende Schultoiletten oder fehlender Datenschutz, ist moralzersetzend. Nur bedingungsloses Vertrauen an die Weitsicht, moralische Integrität und Gemeinsinn der Obrigkeit erlaubt Fortschritt und Emanzipation. Womit wir wieder bei der Mauer wären, deren Fall tatsächlich nicht die völlige Befreiung brachte, von allem was östlich davon an totalitärem Gedankengut herumschwirrte. Frau Kahane hat wieder einmal Recht. 

Nachtrag (17:15): Hier kann man bereits die ersten, schnell und gut gemachten Bemühungen einer hart arbeitenden Verunglimpfungstruppe besichtigen, meinen Text durch Kollage von aus dem Zusammenhang gerissenen Fragmenten und ständige beleglose Wiederholung von Wörtern wie "Querfront", "Querflöte" und "rechts/neurechts" als Äußerungen eines Antisemiten darzustellen. Die Methode ist sehr beliebt und wird in diesen Kreisen extensiv genutzt, u.a. um Kriegsgegner und Gegner von Sondergerichten für Investoren (TTIP, Ceta) einzuschüchtern und moralisch zu diskreditieren. (18:25 Uhr) Antisemitismus ist zweifellos ein ernstes Problem. Gerade deshalb ist es extrem kontraproduktiv alles und jeden (wenn es einem nicht passt) des Antisemitismus zu beschuldigen, und sei es nur, weil er eine These vertritt, die andere als Verschwörungstheorie klassifizieren, selbst wenn sie nicht das Geringste mit Aussagen über Juden zu tun hat. Meine Kinder haben mir während ihrer Schulzeit einiges über unausgegorene (auch rechte) Thesen von Mitschülern erzählt. Aber nichts davon kam auch nur in die Nähe dessen, dass jemand Juden für verstopfte oder kaputte Toiletten verantwortlich gemacht hätte.

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