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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Ungleichheit für Manager: McKinsey erklärt, wie man die Diskussion für Elitezwecke instrumentalisiert

Das Wirtschaftsberatungsunternehmen McKinsey hat mit einer Studie zur Ungleichheit Schlagzeilen gemacht. Das Werk ist eine Anleitung für Manager und Politiker, die Ungleichheitsdebatte so umzulenken und umzudeuten, dass sie Macht und Privilegien der Eliten nicht mehr bedroht.   

Auf den ersten Blick mögen sie aus Sicht der Wirtschaftsgrößen befremdlich anmuten, die Schlagzeilen, die ausgerechnet das Washingtoner McKinsey Global Institute (MGI) mit einer Studie zur Einkommensungleichheit provozierte (deutsche Pressemitteilung). "Ärmer als ihre Eltern? Stagnierende und fallende Einkommen in fortgeschrittenen Ländern" lautete (übersetzt) der Titel der im Juli veröffentlichten Studie. Ein besonders spektakuläres Ergebnis: Bei 65 bis 70 Prozent der Bevölkerung der untersuchten Industrieländer schrumpfte das Einkommen zwischen 2005 und 2014 inflationsbereinigt. In den zwölf Jahren davor war das nur bei weniger als zwei Prozent der Bevölkerung der Fall. 

Fällt da ausgerechnet der Berater der globalen Wirtschaftselite den Wirtschaftsweisen und Unternehmensverbänden in den Rücken, die sich redlich mühen, die Ungleichheitsdiskussion als fehlgeleitet oder überzogen zu entlarven? Nur auf den ersten Blick ist das so. Wer die Studie genau und mit dem nötigen Misstrauen liest, für den wird klar, dass es darum geht, die Diskussion auf ein Nebengleis zu schieben, wo sie keinen großen Schaden anrichten kann. Dabei fallen sogar noch Argumente für die von der Wirtschaftselite präferierte Wirtschafts- und Sozialpolitik ab.

McKinsey appelliert an Manager und Unternehmenseigner, das Thema ernst zu nehmen und nicht zu leugnen - weil man sonst nicht ernst genommen wird, wenn man die Richtung beeinflussen will, welche diese unvermeidliche Debatte nimmt.

Denn wenn große Teile der Bevölkerung die Wahrnehmung haben, dass die freie Marktwirtschaft ihre Lebensverhältnisse und die ihrer Kinder nicht mehr verbessert, dann werden sie empfänglich für Stimmen, die mehr Regulierung, mehr Umverteilung und weniger Globalisierung fordern, warnt das Institut. 

Diese Wahrnehmung scheint bereits da zu sein. In einer Umfrage im Vereinigten Königreich, Frankreich und den USA sagten 40 Prozent der Befragten, ihre Einkommensposition habe sich mittelfristig verschlechtert - und gerade diese Personen waren besonders empfänglich für anti-liberale Botschaften Das Institut macht wenig Hoffnung, dass sich das von selbst ändert. Selbst bei wieder höheren Wachstumsraten würden Automatisierung und Alterung dafür sorgen, dass bis zu 40 Prozent der Einkommenssegmente keinen Fortschritt erleben, bei geringen Wachstumsraten sogar bis zu 80 Prozent. 

"Wirtschaftspolitiker und Wirtschaftslenker haben beide eine Rolle dabei zu spielen, die Diskussion zu lenken und Lösungen zu finden",

mahnt McKinsey. Und dann kommt die Anleitung zur Lenkung dieser Diskussion und Tipps, wie man die Standards für eine Lösung so tief setzt, dass sie leicht zu erreichen sind. 

"Der meistverwendete Ansatz beim Nachdenken über die Einkommensungleichheit war in letzter Zeit der Blick auf den steigenden Abstand zwischen dem reichsten Bevölkerungssegment und denen in der Mitte und am unteren Ende der Skala", stellt McKinsey fest. Dazu hat vor allem der Franzose Thomas Piketty mit seinem Megaseller "Das Kapital im 21. Jahrhundert" beigetragen. Diesem Ansatz gilt es, etwas entgegenzusetzen. Denn wenn die Wirtschaftselite den Abstand zwischen oben und unten als Maßstab akzeptiert, hat sie schon verloren. Denn ohne massive Umverteilung zulasten derer am oberen Ende der Skala lässt sich diese Spanne kaum merklich einengen. Von dieser Problematik muss der Blick also weggelenkt werden. 

Das Institut verfolgt deshalb stattdessen zwei alternative Ansatzpunkte, wie verhindert werden kann, dass aus der schlechten Einkommensentwicklung von Mittel- und Unterschicht ein antikapitalistischer Stimmungswandel erwächst. 

Fairnessmaßstäbe absenken

Zum einen müsse die Anzahl derer, deren Einkommen stagnieren, begrenzt werden - insbesondere in den politisch besonders wichtigen mittleren Einkommensschichten. Das Institut wählt deshalb eine andere Messlatte als den Vergleich von unten und oben, nämlich den Vergleich über die Zeit. Der lädt zwar die Medien zu reißerischen und auf den ersten Blick unangenehmen Befunden ein von der linken Junge Welt, bis zu Wallstreet Online. Gleichzeitig erlaubt er aber, mit geringem Aufwand Verbesserungen zu erzielen.

In den Fokus stellt McKinsey dafür einerseits den Anteil der Einkommensgruppen mit über längere Zeit stagnierenden oder sinkenden Einkommen, andererseits die längerfristige Einkommensentwicklung der mittleren Einkommensschicht.

Durch die langen Zeiträume, die McKinsey zugrunde legt, ist es durch minimale Umverteilung oder schon sehr geringe jährliche Lohnsteigerungen möglich, eine Wohlstandssteigerung breiter Schichten darzustellen. Dafür reicht es, dass das (inflationsbeereinigte) Einkommen über ein Jahrzehnt oder mehr hinweg leicht steigt. So stellt das Institut fest: "In den USA sorgten Steuern und Transfers dafür, dass ein Rückgang der Markteinkommen für 81 Prozent der Einkommenssegmente in eine Zunahme des verfügbaren Einkommens für nahezu alle Segmente verwandelt wurde." Wo bisher Arbeitnehmervertreter die wahnwitzige Idee hatten, die Arbeitnehmer könnten in gleichem Umfang wie die Arbeitgeber an Produktivitätssteigerungen beteiligt werden, genügt es für McKinsey, wenn ihr (inflationsbereinigtes) Einkommen um ein Zehntel Prozent im Jahr steigt. Die Einhaltung dieses minimalistischen Teilhabe-Standards ist natürlich voll kompatibel mit dem Wunsch der Eliten, ihren Einkommens- und Vermögensvorsprung weiter auszubauen.

Damit das Publikum von links bis rechts das schluckt, wendet das Institut einen Trick an. Es vergleicht den Zwölfjahreszeitraum von 1993 bis 2005 mit dem Neunjahreszeitraum von 2005 bis 2014. Hätte man die Einkommenszuwächse bzw. Rückgänge über die gleich langen Zeiträume 1994 bis 2004 und 2004 bis 2014 aufaddiert, wäre der erste Zeitraum weniger gut, der zweite deutlich weniger schlecht ausgefallen. Dieses fast schon grotesk unsaubere Vorgehen, das offenbar in den berichtenden Medien niemand auffiel oder nicht für berichtenswert gehalten wurde, hat zwei Vorteile. Indem die Situation des aktuelleren Zeitraums sehr ungünstig erscheint, wirkt selbst der propagierte Minimalstandard der Teilhabe wie ein Fortschritt. Außerdem lassen sich künftig gegenüber dieser sehr niedrigen Basis besonders leicht Verbesserungen konstatieren.

Der Fokus auf die Gehaltsentwicklung über die Zeit lenkt den Blick auf die üblichen wirtschaftsliberalen Abhilfemöglichkeiten, bei denen Interessenharmonie statt Verteilungskonflikt dominiert: die Förderung der Produktivität und das Fördern des Wirtschaftswachstums.

Junge gegen Alte ausspielen

Durch einen Fokus auf die Einkommensperspektiven junger Menschen gelingt McKinsey darüber hinaus zweierlei. Zum einen wird die Bildungspolitik ins Zentrum gerückt, ein weiterer Lieblingsschauplatz wirtschaftsliberaler Reformer, die den für die Eliten unangenehmeren Folgerungen der Ungleichheitsdiskussion ausweichen wollen. 

Daneben erlaubt es, das altbewährte Prinzip „teile und herrsche“ anzuwenden. Wie schon bei der Rentendiskussion bis zum Erbrechen von der arbeitgeberfinanzierten Initiative Neue Marktwirtschaft vorexerziert, kann man so tun, als ob es die auf ihren „Privilegien“ beharrenden Alten seien, die den Jungen die Zukunft verbauen. „Simple Rezepte wie schuldenfinanzierte Umverteilung verbieten sich“, wie McKinsey feststellt, wenn man die junge Generation ins Zentrum rückt. Umverteilung über Steuern ist natürlich auch problematisch, wegen der negativen Anreizeffekte, höhere Mindestlöhne sind schlecht, weil sie die Jungen angeblich zu Gunsten der Alten draußen halten, usw, usf. So erwächst aus vorgeblicher Sorge um die zunehmende Ungleichheit ein Sammelsurium an Argumenten gegen alle Gegenmaßnahmen, die die Einkommens- und Vermögenszuwächse des obersten Prozents beeinträchtigen könnten. Und was das Beste ist: mit der gewählten, um das Wohl der unteren und mittleren Schichten besorgten Rhetorik, kann man dieses Gedankengut auch in linke Kreise und ihre Medien einpflanzen.  

Leseempfehlung: Der Soziologieprofessor i.R. Ulf Kadritzke entlarvt in der deutschen Le Monde diplomatique unter dem Titel "Die Mitte als Wille und Vortäuschung" in kraftvollen Worten das Gedankengut und die Absichten, in die sich diese Ausarbeitung von McKinsey einsortiert. Teaser: "Das Unternehmen Renault steht mit allen vier Rädern in der Wirklichkeit. Im Espace, dem Großraumgefährt für die Familie gehobenen Einkommens, ist auf dem Display die Türverriegelung von innen als „Ghetto-Schaltung“ angezeigt. ...."