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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Wahrheitsjournalisten und Lügenpolitiker: Wenn Journalistenschüler die Wahrheit gepachtet haben

Die Schüler der Kölner Journalistenschule haben die Aussagen von Politikern in Talkshows überprüft und angeblich einen sehr hohen Anteil von Falschaussagen festgestellt. In den sozialen Medien war das ein heißes Thema. Wenn diese Mischung aus Selbstgefälligkeit und Obrigkeitshörigkeit den Standard journalistischer Recherche der Zukunft darstellt, dann wird sich der Ruf der Presse nicht bessern.

Schauen wir uns einmal an (um nicht Frauke Petry verteidigen zu müssen), was der zweitplatzierte auf der Lügenskala der angehenden Journalisten, Markus Söder (dessen Anschauungen ich selten teile), angeblich alles Falsches gesagt hat:

„Die Mehrheit der Deutschen glaubt, dass Deutschland die Flüchtlingskrise kulturell nicht bewältigen kann.“ (21.1.2016.)

In der Meldung zum Politbarometer Januar der Forschungsgruppe Wahlen vom 15.1. heißt es: Erstmals ist eine klare Mehrheit von 60 Prozent (Dez.: 46 Prozent) der Meinung, dass Deutschland die vielen Flüchtlinge, die zu uns kommen, nicht verkraften kann.“ Entgegen der Einschätzung der Journalistenschüler stimmt also, was Söder sagte.

„Von den 160.000 in Europa zu verteilenden Flüchtlingen hat die EU-Kommission bis zum 18. Februar erst 400 verteilt.“(18.2.2016)

Die Journalistenschüler fanden durch viel spätere Befragung der EU-Kommission heraus, es seien zu dem Zeitpunkt bereits 583 gewesen. Die Aussage wird deshalb als „überwiegend falsch“ eingestuft. Das ist lächerlich. Zum Einen: Söder hat anders ausgedrückt gesagt, dass erst 2,5 Promille der zu verteilenden Flüchtlinge verteilt seien, während es tatsächlich 3,6 Promille waren. Man braucht nicht viel guten Willen um das als überwiegend richtig einzustufen. Außerdem: Es ist normal, dass Söder, wenn er am 18. Februar recherchiert eine niedrigere Zahl ermittelt, als Monate später, wenn alle Nachmeldungen durch sind. Wenn das seine Aussage zu einer Falschaussage macht, dann lügen unsere Statistiker und die Medien, die davon berichten, ohne Unterlass.

„Die SPD will die Steuern erhöhen um die Aufnahme der Flüchtlinge zu bezahlen.“ (7.3.2016)

Die Journalistenschüler räumen zwar ein, dass die Juso-Chefin und ein SPD-Landesfinanzminister so etwas gerade gefordert hätten, aber die offizielle Position der SPD sei es nicht. Nun hat Söder aber nicht gesagt, es sei offizielle Position der SPD, er hat gesagt, „die SPD will“. Das kann man bestenfalls ungenau formuliert oder polemisch nennen, so wie das im politischen Geschäft halt normal ist. Selbst wenn die SPD im Wahlkampf Steuererhöhungen fordern sollte, würde sie das kaum vorrangig mit den Ausgaben für Flüchtlinge begründen. War Söders Aussage dann "überwiegend falsch"? Nur wenn man die Wahrheit gepachtet hat.

„Anfang Januar haben die griechischen Fähren gestreikt und die Eisenbahn ist nicht gefahren. Deshalb kamen Anfang Januar weniger Flüchtlinge als am Ende des Monats.“ (18.2.20169

Die Journalistenschüler ordnen das in ihrer Hybris als „überwiegend falsch“ ein, weil sie Berichte gefunden haben, wonach es auch gegen Ende des Monats noch Streiks gegeben habe, und weil der Zusammenhang nicht bewiesen sei. „Nicht bewiesen“ ist aber etwas ganz anderes als erwiesener Maßen „falsch“. Das sollte jemand den jungen Leuten noch beibringen, bevor sie auf Leser losgelassen werden.

„Wenn in Österreich die Obergrenze erreicht ist, werden die Flüchtlinge weitergeschickt.“ (21.1.2016)

Wieder der kleine aber feine Unterschied zwischen unbewiesener Behauptung oder Befürchtung und Falschaussage. Obwohl Söder den jungen Leuten auf deren Anfrage hin versuchte, das zu erklären, blieben sie bei der Einstufung als „falsch“, also nicht einmal „überwiegend falsch“, sondern hart „falsch“. Wie die Journalistenschüler wissen können, was passiert wäre, wenn die Obergrenzen erreicht worden wären, bleibt ihr Geheimnis. Die Antwort hat entweder mit Hybris zu tun oder mit der festen Überzeugung, dass nicht passieren wird, was keine Behörde ausdrücklich angekündigt hat.

„Im Januar sind mehr als 100.000 Flüchtlinge nach Deutschland gekommen.“ (18.2.2016)

Jetzt wird es ganz possierlich: Es seien offiziell nur rund 92.000 registrierte Flüchtlinge gewesen. Über die Anzahl der nicht-registrierten lägen (naturgemäß) keine Zahlen vor. Aber: „Wir gehen davon aus, dass die Behörden darauf hinweisen würden, wenn die Dunkelziffer tatsächlich bei mehreren Tausend liegt“, schreiben die angehenden Journalistinnen und Journalisten treuherzig und begründen damit, dass sie Söders Aussage nicht als „unbewiesen aber nicht unplausibel“ oder Ähnliches einstufen, wie das der gesunde, kritische Menschenverstand täte, sondern als „falsch“. Wenn diese Obrigkeitshörigkeit die Norm für diejenigen ist, die künftig unseren Behörden auf die Finger schauen sollen, dann dürfen diese sich freuen.

Alle angeblichen Falschaussagen Söders bis auf eine haben sich somit entweder als korrekt, als zugespitzte aber faktenbasierte Behauptungen über die Intentionen des politischen Gegners, als überwiegend richtig oder als unwiderlegte Plausibilitätsvermutung herausgestellt. Die verbleibende Falschaussage war „Die Schweden führen Obergrenzen ein.“ Das taten sie nicht. Sie haben stattdessen ihre Grenzen dicht gemacht.