Wie Spiegel Online (wieder) Nachrichten manipuliert um Politik für TTIP zu machen

Samstag-Nachmittag, 16:30 Uhr, Ich komme nach Hause, setze mich an den Computer und will mal schauen, was in Hannover bei der Anti-TTIP-Demo so los ist. Anscheinend nicht viel. Beim führenden Online-Nachrichtenportal lese ich an dritter Nachrichtenstelle, dass „Tausende“ demonstrieren. Auf dem Aufmacher-Video ist eine recht bescheidene  Versammlung zu sehen.

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Das scheint in die Binsen gegangen zu sein für die TTIP-Gegner, schließe ich. „Lt. Polizei 16.000 Teilnehmer“ verrät ein redaktionelles Textbanner im Video. Doch beim Wegklicken fällt mir auf, dass über dem Video steht „Zehntausende demonstrieren in Hannover“. Das passt irgendwie nicht. Zurück zur Nachrichtengeschichte auf der Startseite, nochmal gecheckt, da steht in der Überschrift wirklich „Tausende“. Aber gleich am Anfang des Textes steht dann, dass die Polizei schon zum Auftakt der Veranstaltung 25.000 Teilnehmer geschätzt hat. Komisch. Stammt die Zahl von 16.000 Teilnehmern im Video von vor der Veranstaltung? Ich erinnere mich dunkel, dass Spiegel Online (Spon) schon vor einem halben Jahr wegen seiner Berichterstattung zur TTIP-Demo in Berlin unter Beschuss gekommen war, und werde misstrauisch.

Bei ntv.de sind es „Zehntausende“ Demonstranten, bei FAZ.de und Handelsblatt.de auch. Bei tagesschau.de auch. 35.000 Teilnehmer laut Polizeiangaben heißt es übereinstimmend, nach Angaben der Veranstalter eher 90.000. Alle stützen sich auf Nachrichtenagenturen, u.a. dpa und Reuters, die so berichten.  Nur Spon hat nicht erkennbar Agenturmaterial verwendet, sondern offenbar selbst geschrieben.

Das macht sich auch stark im Aufbau der Berichterstattung bemerkbar. Alle anderen berichten normal, wie man das bei so einer Veranstaltung erwartet. Sie beschreiben, was auf der Demo so zu sehen ist, wer die Veranstalter sind und worum es Ihnen geht, und zitieren dann einige Politgrößen, die sich gegen TTIP aussprechen. Daneben kommen auch prominente TTIP-Befürworter zu Wort.

Ganz anders bei Spon: Da es hier nur Tausende Demonstranten sind, müssen ihre Argumente auch nicht so ausführlich genannt werden. Was Spon zum Anliegen der Demonstranten zu berichten hat, lässt sich problemlos komplett zitieren:

„Teilnehmer trugen T-Shirts mit der Forderung "Stoppt TTIP" und Plakate mit dem Schriftzug "Gib TTIP keine Chance". Zu den Protesten hat ein Bündnis von mehr als 20 Verbänden aufgerufen. Die Veranstaltung richtet sich nicht nur gegen das TTIP-Abkommen zwischen der Europäischen Union und den USA, sondern auch gegen das schon fertig verhandelte Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada, Ceta.“

Dann kommt drei Absätze lang Merkel mit dem, was sie für TTIP ins Feld führt. Dann ein Absatz Obama pro TTIP. Dann die EU-Handelskommissarin Malmström mit zwei Absätzen, in denen sie erläutert, warum sie die Kritik der Deutschen für hirnrissig hält. Den Abschluss bildet ein wachsweiches Statement von Grünen-Chef Hofreiter, bei dem nicht recht klar wird, ob man es als Unterstützung der Demonstranten auffassen soll, oder ob er sagen will, die Demonstration sei unnötig. Kein einziger prominenter Kritiker wird mit Kritik zitiert. Wer in einer normalen Redaktion, in der Nachrichten und nicht Politik gemacht werden, in seiner Probezeit so einen Bericht von einer Demonstration abliefert, der hat verloren.

Um 18:30 Uhr, weit nach Ende der Demo, stand an dritter Nachrichtenstelle auf der Spon-Startseite immer noch der gleiche Bericht von 14 Uhr mit der gleichen irreführenden Überschrift, mit der falschen Zahl von 25.000 Teilnehmern im Text und dem gleichen irreführenden Video mit den offenkundig falschen 16.000 Demonstranten im Bannertext. Um 18:50 war beides dann von der Spon-Startseite verschwunden, unter Poltiik – Deutschland aber ganz weit unten in alter, nicht korrigierter Schönheit noch da.

Im Lauf der nächsten beiden Stunden kommt dann ein neuer Beitrag zu Hannover auf die Spon-Startseite, eine „Videoumfrage bei Anti-TTIP-Demonstranten: ‚Obama Go Home'“. Wenig subtil wird damit signalisiert: Es sind Antiamerikaner, die hier demonstrieren. So richtig gelingen mag das allerdings nicht. Offenbar waren trotz erkennbarem Bemühen nur wenige Antiamerikaner und auch nur sehr maßvolle Antiamerikaner aufzutreiben. Immerhin hat der Sprecher aber mitbekommen, dass „über 30.000 Teilnehmer“ da waren, anders als die Spon-Redaktion, die bis 22 Uhr noch keinen Anlass sah, den Bericht über die Demo zu korrigieren und zu aktualisieren.

Es gibt zwei Möglichkeiten um zu erklären, warum auf Spiegel Online bis nach dem Ende einer Großdemonstration ein total veralteter Text mit veraltetem Video und mit völlig falschen, zu niedrigen und sich gegenseitig widersprechenden Teilnehmerzahlen stehen bleibt.

Die eine Erklärung ist, dass jemand gezielt die Demonstration unwichtiger aussehen lassen wollte, als sie war und beim Manipulieren die Beigaben wie Video und Video-Überschrift nicht beachtet hat.

Die alternative Erklärung ist, dass Deutschlands führendes Nachrichtenportal bei einem solchen Großereignis am Samstag als Einziges nicht in der Lage ist, einen Bericht mit falschen und veralteten Angaben im Verlauf von sechs Stunden zu korrigieren und zu aktualisieren, und sei es mithilfe von reichlich vorhandenen korrekten Agenturtexten.

Zur Plausibilitätsprüfung der beiden Varianten hilft einerseits der offenkundig tendenziöse Text des Artikels, der zu Variante 1 passt. Es hilft auch die Erinnerung und das Archiv. Wie war das noch bei der Berlin-Demo gegen TTIP mit rund 250.000 Teilnehmern, der größten Demo in Deutschland seit vielen Jahren.

Bei Spiegel Online hieß das damals nicht wie bei ntv.de und anderen „Hunderttausende demonstrieren gegen TTIP“, sondern „Zehntausende demonstrieren gegen TTIP“ und am Ende gab es als Zugabe noch ein Video, in dem unter dem Titel „Was bringt die größte Freihandelszone der Welt“ erklärt wurde, was alles für TTIP spricht. Und dann wurde das noch mit einem weiteren Beitrag  garniert, in dem die TTIP-Demonstranten in die rechtsäußere Ecke gestellt wurden, unter der Überschrift: „Stoppt-TTIP-Demo: Schauermärchen vom rechten Rand“.

Bei der Untertreibung der Teilnehmerzahlen und der Verunglimpfung der Teilnehmer als Rechte oder Antiamerikaner hören die Parallelen nicht auf. Auch im damaligen Spon-Bericht von der Anti-TTIP-Demo in Berlin hatte die Beschreibung und Zitierung der Argumente der TTIP-Befürworter ein deutliches Übergewicht. Absätzelang referiert wurden damals die Pro-TTIP-Botschaften von Sigmar Gabriel, Arbeitgeberpräsident Kramer, EU-Kommissar Verheugen und FDP-Chef Lindner.

Wer bei dieser Vorgeschichte und dieser Übereinstimmung der Muster an eine versehentlich produzierte, extrem schlechte Text- und Video-Berichterstattung zur Demo in Hannover glauben mag, und nicht an gezielte Manipulation nach vorher festgelegtem Muster, dem steht das frei.

Nachtrag: Am Sonntagvormittag steht der veraltete Bericht zur Demonstration mit den falschen Zahlen unkorrigiert als erster verwandter Artikel im Spon-Aufmacher verlinkt. Der Aufmacher ist ein Interview mit der US-Handelsministerin Penny Pritzker. Sogar aus einer Interviewfrage des spektakulär willfährigen Stichwortgebers ("Finden Sie, dass die deutsche Regierung mehr tun muss, um für die Vorteile des Abkommens zu werben?") heraus wird noch einmal auf den inzwischen völlig veralteten Text mit den viel zu niedrigen Demonstrantenzahlen verlinkt ("In Hannover sind Tausende auf die Straße gegangen. Was ist Ihre Botschaft an die Demonstranten?"). Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Fortsetzung:

Spiegel Online kann Vorwurf manipulativer TTIP-Berichterstattung nicht entkräften

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