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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Beschwerde über das Heute-Journal und Antwort des ZDF-Intendanten

Von Maren Müller (Publikumskonferenz): Die Publikumskonferenz hat eine Beschwerde über eine Ausgabe des Heute Journals von April an das ZDF gerichtet: Im Heute-Journal von 24.04.2015 wurde das Treffen der europäischen Finanzminister in Riga thematisiert, in dessen Verlauf auch angebliche Beschimpfungen in Richtung des griechischen Finanzministers Varoufakis durch andere Teilnehmer des Treffens zu Sprache kamen.

So fragte Marietta Slomka ihren Kollegen Stefan Leifert, der vor Ort weilte:

 „(…) Es heißt in Agenturmeldungen, Varoufakis sei sogar von anderen Teilnehmern heute regelrecht beschimpft worden. (…) 

Darauf Stefan Leifert: 

 „Ja, das bestätigen die Teilnehmer. Es soll das hitzigste Eurogruppentreffen seit Ausbruch der Griechenlandkrise gewesen sein. Varoufakis ist vorgeworfen worden ein Spieler, ein Zeitverschwender zu sein und auf dem Höhepunkt dieses Wortgefechtes soll ein Finanzminister gesagt haben, man müsse langsam über eine Plan B nachdenken. Also, über einen Staatsbankrott und über den Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Wie wahrscheinlich dieses Szenario ist, darüber wagt natürlich niemand eine Prognose. Was man von heute aus aber sagen kann, ist: Einer Lösung ist man hier in Riga nicht näher gekommen.“

Während Marietta Slomka sich lediglich auf Agenturmeldungen beruft, weiß Stefan Leifert als Korrespondent vor Ort laut eigener Aussage mehr. Er berichtete explizit von einer Bestätigung der Beschimpfungen durch die Teilnehmer des Treffens.

 Grund für die Publikumskonferenz beim Intendanten des ZDF nachzufragen, denn es gab natürlich zum behaupteten undiplomatischen Vorfall auch anderslautende Meldungen:

1.) Welche Teilnehmer des Treffens in Riga bestätigten konkret die Beschimpfungen Varoufakis‘?
2.) Welcher Teilnehmer des Treffens in Riga warf Varoufakis konkret vor, ein Spieler und Zeitverschwender zu sein?
3.) Welcher Finanzminister äußerte konkret die Forderung nach einem Plan B?
4.) Welche sogenannte privilegierte Quelle (deren Inhalt prinzipiell ungeprüft übernommen werden darf) diente als Grundlage für o. g. Tatsachenbehauptung?

 Antwort vom Intendanten des ZDF: https://publikumskonferenz.de/forum/viewtopic.php?f=30&t=660#p2699

 Die Antwort von Herrn Bellut ging ca. 3 Wochen nach der Anfrage ein.

Er informierte darüber, dass es zu den Gepflogenheiten zwischen Politikern und Journalisten gehöre, pikante Details nur vertraulich und unter Wahrung der Anonymität der Quelle preiszugeben und dass sich natürlich die Korrespondenten des ZDF an diese Verabredung hielten.

 Herr Bellut wies außerdem darauf hin, dass alle großen Medien Europas über die atmosphärischen Störungen dieses Treffens berichtet hätten, was Rückschlüsse zu mehreren übereinstimmenden Quellen zugelassen habe. Privilegierte Quellen (anerkannte Presseagenturen,  Pressesprecher) wurden nicht genutzt bzw. hätten nicht zur Verfügung gestanden.

 Kommentar

Der Hang zum Negativismus ist innerhalb der deutschen Medienlandschaft ein offensichtliches Merkmal. Wie anders ist es zu erklären, dass negative Schlagzeilen ausschließlich mit Verweis auf anonyme Quellen verbreitet werden, obwohl  es wohl tatsächlich - entgegen der von Bloomberg  verbreiteten anonymen Gerüchte - zwar inhaltliche Kontroversen, aber keine persönlichen Angriffe und Beschimpfungen gegenüber Varoufakis gegeben habe. Zeit zum revidieren der entsprechenden Falschmeldungen war doch wohl bis heute genügend vorhanden.

In Wahrheit beleidigte niemand Yanis Varoufakis  in der Eurogruppe. Die Debatte fand in zivilisierten und lebendigen Ton statt, stellte Italiens Finanzminister Pier Carlo Padoa am 27.04.2015 sinngemäß mit Bezug  auf Bloomberg fest. http://translate.google.com/translate?hl=de&sl=auto&tl=de&u=http%3A%2F%2Fwww.tanea.gr%2Fnews%2Feconomy%2Farticle%2F5232862%2Fpantoan-kaneis-ypoyrgos-den-prosebale-ton-baroyfakh-sto-eurogroup%2F

 Yanis Varoufakis selbst stellte einen Monat später in seinem Blog die Geschehnisse klar und räumte ein, Tonaufzeichnungen erstellt zu haben, könne diese jedoch aufgrund von Vertraulichkeitsregelungen nicht veröffentlichen und damit nicht für Klarheit sorgen.. http://yanisvaroufakis.eu/2015/05/24/the-truth-about-riga/

Wie traurig sieht dagegen die Gilde der Copy&Paste-Experten aus, deren Quellen dubios und deren Motive alles andere als hehr anzusehen waren

Aus welchem Grund deutsche und internationale Medien im Chor über den angeblichen Bruch der Vertraulichkeiten seitens Varoufakis wehklagen, sich jedoch selbst nicht zu schade sind, Inhalte anonymer Quellen als Nachrichten zu verkaufen und somit bewusst die „Halsschlagader des Journalismus“ - nämlich die Abhängigkeit des Journalismus vom Vertrauen  des Publikums – wiederholt zu durchtrennen, wäre zu klären. Wie oft, meinen Sie, kann wohl die entsprechende Reanimation noch durchgeführt werden?

Die Pressefreiheit erlaubt den Vertretern der Medien eine aggressive Einforderung öffentlicher Transparenz, anstelle der passiven Akzeptanz von  Gefälligkeitsaussagen, gerade wenn es um brisante Entwicklungen geht, die auch Menschen ohne Schlipsfetisch in ganz Europa betreffen.

Von öffentlich-rechtlichen Sendern erwarte ich als Rezipientin, dass

a.) der Grund für die Nichtbenennung einer Quelle publiziert wird

b.) bei der Verbreitung einer Nachricht weder einem  Auftrag,

c.) noch einem vermeintlich zu folgendem (westlichen) Wertekanon oder

d.) einer diffusen Schwarmdummheit  gefolgt wird und

e.) von der öffentlichen Denunziation von - in gewissen Kreisen missliebigen - Politikern Abstand genommen wird. Erst recht, wenn der Politiker ein Vertreter der Europäischen „Wertegemeinschaft“ ist.

Die Rechtsgrundlagen für diese unverschämten Forderungen entnehmen Sie bitte den Rundfunkstaatsverträgen.

 „Geheimniskrämerei und eine leichtgläubige Presse sind schlechte Zeichen für die europäische Demokratie", kommentierte Yanis Voroufakis die Brüsseler Rufmordmaschine, die sich hier des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bedient.