profilbild

________________

Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Ein Investmentbanker über die Finanzmärkte als Waffe

Inzwischen ist fast jede der weltgrößten Banken für die Manipulation von Finanzmärkten bestraft worden. Davon ist praktisch jeder Markt betroffen, einschließlich des riesigen Euro-Dollar-Devisenmarktes. Nun darf man, ohne in die Ecke der verrückten Verschwörungstheoretiker gestellt zu werden, darüber schreiben, wie sich solche Manipulationen geopolitisch nutzen lassen. Zumal ein ehemals führender Investmentbanker mit dieser Auskunft bereits vorangegangen ist.

Es wäre furchtbar naiv zu glauben, wenn eine Dutzend großer Investmentbanken und Fondsgesellschaften die Finanzmärkte beeinflussen und manipulieren können, dass diejenigen, die das Verhalten dieses Dutzends bei Bedarf koordinieren können, dies nicht tun um wichtige Ziele zu erreichen. So sieht das auch Dirk Notheis, und er sollte es wissen. Notheis ist Geschäftsführer von Rantum Capital und früherer Deutschlandchef der Investmentbank Morgan Stanley, gestürzt über die Affäre Mappus. Morgan Stanley gehört sicherlich zu diesem halben Dutzend Banken, das ergänzt wird, von einem halben Dutzend großer Kapitalanlagegesellschaften wie Blackrock, Pimco oder den Investmentvehikeln von George Soros.

Notheis schrieb am 3.2. in einem Gastkommentar im Handelsblatt davon, dass „Waffen mit breiterer Streuung … aus der weltweiten Vernetzung von Kapital- und Rohstoffmärkten in der digitalen Real-time-Welt des 21. Jahrhunderts entstehen“, und

Damit werden Investmentbanker (noch nicht gleich) zu Soldaten, und es ersetzt die Wall Street (nicht) das Pentagon, (aber) die Kontrolle über die globalen Kapitalströme und deren Standards stellen heute hegemoniale Instrumente dar.“ (Klammern von N.H. gesetzt um das Gemeinte deutlicher werden zu lassen)

Wie viele Shorts Trades (Verkaufskontrakte) auf den Rubel auf den Büchern angelsächsischer Hedgefonds liegen, weiß niemand“,

schreibt er, und insinuiert, dass es viele sind, und dass diese Kontrakte nicht allein aus Geschäftsinteresse gelegt wurden.

Diese Waffen sind nicht aus Metall, sondern aus Bits und Bytes gefertigt. Sie tragen keine Sprengköpfe, sondern Information. Nicht der Einschlag von Raketen, sondern die Börsenkurse von Währungen, Aktien oder Rohstoffen entscheiden heute über Handlungsspielräume und damit die Streitfähigkeit von Kriegsteilnehmern.“

Das versorge „diejenigen mit den entscheidenden Waffen, die das sensible geo-ökonomische Netzwerk der Märkte zu ihren Gunsten beeinflussen können.“  Nicht mehr die Schlacht um Donezk, sondern die um den Kurs des Rubels oder Öls werde den Konflikt in der Ukraine entscheiden.

Es ist kein Geheimnis wer das Netzwerk der Märkte zu seinen Gunsten beeinflussen und die Investmentbanker zu  modernen Soldaten in den geo-ökonomisch-strategischen Konflikten machen kann. Die großen Ratingagenturen sitzen in New York. Die großen multinationalen Investmentbanken werden aus den USA gesteuert. Die großen Kapitalanlagegesellschaften ebenfalls. Es gibt in Sachen globale Finanzmärkte nicht viel, was nicht über die USA läuft.

Nehmen wir an, die US-Regierung oder eine andere einflussreiche Stelle mit guten Kontakten zur Finanzbranche hätte ein wichtiges strategisches Interesse, dem gedient wäre, wenn sich bestimmte Finanzmärkte, etwa der Devisenmarkt oder der Aktien- oder Bondmarkt eines Landes, in eine bestimmte Richtung entwickelt. Fragen wir uns, was einen hohen Regierungsvertreter daran hindern sollte, in der Vorstandsetage einer der großen Investmentbanken jemand anzurufen, dem er vrtraut, und ihm zu sagen, dass es die Regierung gerne sähe, wenn dieser oder jener Kurs deutlich in diese oder jene Richtung ginge, und ihn spüren zu lassen, dass es ihm nicht unrecht wäre, wenn auch andere einflussreiche Institutionen mit dem Potential, den Markt zu bewegen, von diesem Wunsch erführen? Wenn das erfolgversprechend wäre, würde ihn nichts daran hindern.

Wäre es erfolgversprechend? Anders gefragt: Was hält den Adressaten des Anrufs davon ab, seine Kollegen in den anderen großen Häusern anzurufen, und ihnen zu erzählen, was die Regierung möchte, und dass er geneigt ist, in diese Richtung zu wetten? Nichts hält ihn ab, wenn es erfolgversprechend ist. Und natürlich wäre es erfolgversprechend. Denn wenn in dieser Gruppe jeder weiß, dass man mit dem Segen der Regierung und damit der Aufsichtsbehörden koordiniert in eine Richtung marschieren kann und damit die Richtung kennt, die der Markt nehmen wird, ohne dass die übrigen Investoren das wissen, dann ist das wie eine Lizenz zum Geld-drucken. Wer würde da schon nein sagen?

Und so würden sie alle über ihre Chefstrategen die Order nach unten zu den Marktstrategen und Analysten geben, wohin die Reise zu gehen hat. Die Anlageabteilungen würden sich entsprechend positionieren, die Analysten würden entsprechende Analysen herausgeben, die der nichtsahnenden Öffentlichkeit die Gründe liefern, warum der Markt in die gewünschte Richtung gehen sollte. Es muss schon viel passieren, damit so etwas schief geht.

So lassen sich vielleicht auch die Meldungen erklären, die es immer wieder gibt, dass Banken wie JP Morgan und Goldman Sachs an jedem einzelnen Tag eines Quartals einen Gewinn im Eigenhandel gemacht haben. So etwas kann es nur geben, wenn man über Informationen verfügt, die andere nicht haben, wenn man schon vorher weiß, wohin die Märkte gehen werden.

Neben der US-Regierung gibt es, was die politische Instrumentalisierung der europäischen Finanzmärkte angeht, noch eine zweite Institution, die die Macht dazu hat, die Europäische Zentralbank (EZB): Sie hat durchgesetzt und beharrt darauf, dass die Anleihemärkte als Aufpasser über die Finanzpolitik der nationalen Regierungen wachen, also über alles, was Geld kostet. Und weil die EZB den Anleihemarkt unter ihrer Kontrolle hat, hat sie damit die nationalen Regierungen unter Kontrolle, jedenfalls alle, die potentiell verwundbar gegenüber Ausschlägen der Anleiherenditen nach oben sind. Auf diese Weise hat die EZB schon viele Regierungen zur  von ihr favorisierte Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik gezwungen. Das habe ich an anderer Stelle bereits ausführlicher dargelegt und will es hier nicht wiederholen.

Zehn Thesen zur Rolle der EZB in der Gesellschaft

Ein Insider packt aus: Die fünfte Gewalt regiert

Interessant und in gewissem Maße offen  ist dabei die Frage, ob die EZB dies in eigener Machhoheit einer sich verselbständigenden, unkontrollierten Behörde tut, oder ob sie sich für die Ziele Anderer einspannen lässt. Ich neige wegen der engen Vernetzung der Notenbanker mit den Größen der internationalen Finanzwelt über Zirkel, die hinter verschlossenen Türen tagen, zu letzterer Variante, wie ich in „Zehn Thesen zur Rolle der EZB“ dargelegt habe.

Eines sollte jedoch allen klar sein: Wenn sich Finanzmärkte kräftig bewegen und Analysten verstärkt größere Bewegungen voraussagen (Der Euro wird auf 1:1 zu Dollar abwerten; italienische Anleihen werden unter Druck kommen), dann lohnt sich grundsätzlich die Frage zu stellen, wem das dienen könnte. Davon sollte man sich auch nicht abhalten lassen, weil es einen erkennbaren ökonomischen Grund für die Richtung der Bewegung gibt. Solche Kampagnen, wenn es Kampagnen sind, setzen immer auf plausible Begründungen aus dem unpolitischen Raum auf. Die Frage, die man sich stellen sollte ist vielmehr: ist es plausibel, dass diese Begründung das Ausmaß der zu beobachtenden oder vorausgesagten Entwicklung erklärt, ohne dass man Marktdynamik und ähnliches bemühen muss. Denn die leicht beeinflussbare Marktdynamik ist genau die Waffe, mit der die Investmentbanken und Kapitalanlagegesellschaften, wenn sie in der Rolle der modernen Soldaten agieren, ihre Kämpfe austragen.

Verwandte Artikel:

Stimmt es wirklich, Herr Draghi, …… dass die EZB die irische Regierung 2010 nicht in ein Hilfs- und Kahlschlagsprogramm gezwungen hat?

Issing, Trichet und die fünfte Gewalt (Goldman Sachs) 27.2.2014

Mario Draghi (ehemals Goldman Sachs) und Mark Carney (auch ehemals Goldman Sachs) wollen den Derivatemarkt ankurbeln, auf dem Goldman Sachs große Expertise besitzt. 15.4.2014.