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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Brief aus Athen: Piketty fordert in Berlin Schuldenschnitt für Griechenland. Nur ausländische Medien berichten

Markus Barth, Athen. Die Veranstaltung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin war mit dem berühmten Ökonomen Thomas Piketty (Das Kapital im 21. Jahrhundert) prominent besetzt. Der provozierte sogar einen kleinen Eklat. Le Monde berichtete, ebenso fast alle griechischen Zeitungen und Internetportale. Deutsche Medien blieben stumm. Etwa weil er deutsche Heuchelei geißelt?

 

 Der französische Wirtschafts-Professor Thomas Piketty erhielt im Rahmen eines Festaktes den mit 10.000 Euro dotierten Preis „Das politische Buch“ für seinen Weltbestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Die Festrede hielt der stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD und Erste Bürgermeister Hamburgs Olaf Scholz. Der lobte Piketty wegen der "Wichtigkeit seiner Thesen für die Demokratie und insbesondere für die Sozialdemokratie". Doch der Belobigte wollte sich in der anschließenden Diskussion partout nicht auf das sozialdemokratisch-unverfängliche Thema „Gleichheit“ beschränken.

Piketty nutzte die Gelegenheit über ein anderes hochaktuelles Thema zu reden: die öffentlichen Schulden im Allgemeinen und die von Griechenland im Besonderen. Was er sagte war Anlass für die sehr umfassende Berichterstattung hier in Athen aber auch in Frankreich und Belgien, wo man es offenbar überall gern hörte. Um so weniger gern hörten es deutsche Ohren, und die deutschen Medien ersparten ihrem Publikum die Ohrenqual. Außer dem sozialdemokratischen Parteiorgan Vorwärts berichtete nur die mir hier nicht zugängliche Druckausgabe des Berliner Tagesspiegels, wie mir die Friedrich-Ebert-Stiftung auf telefonische Anfrage berichtete. Ich beziehe mich in der Folge auf die ausführliche Reportage der konservativen französischen „Le Monde, die offensichtlich auch für die griechischen Journalisten die entscheidende Nachrichtenquelle war.

Der Berliner Korrespondent von Le Monde, Frederic Lemaitre, berichtet unter dem Titel „Thomas Piketty schlägt vor sich vom deutschen Beispiel nach dem Krieg inspirieren zu lassen“.  Zwei andere europäische Staaten hätten in der Vergangenheit, so habe Piketty betont, höhere Schulden als Griechenland heute gehabt: Großbritannien nach den napoleonischen Kriegen im 19. Jahrhundert und Deutschland nach 1945 und zwar jeweils mehr als 200% des entsprechenden Bruttonationalprodukts. Wie sie diese zurückgefahren hätten, fragte Piketty. Großbritannien durch jährliche Budgetüberschüsse von 3 bis 4%. Da es wegen des damaligen Goldstandards keine Inflation gegeben habe, habe es Großbritannien innerhalb eines Jahrhunderts (!) von 1815 bis 1914 geschafft.

Deutschland seien seine Schulden 1953 erlassen worden. „Eine sehr gute Sache“ nach Thomas Piketty: das habe Deutschland erlaubt, das Land wieder aufzubauen und wieder eine ökonomische Weltmacht zu werden. „Warum sollten wir heute nicht das Gleiche für Griechenland tun“ fragt der französische Volkswirt:

"Die jungen Griechen heute sind nicht mehr verantwortlich für die Fehler der Vergangenheit als die Deutschen im Jahr 1953? Warum sollten wir ihnen verweigern, was man zugunsten der Deutschen gewährt hat?"

Piketty fährt fort: Während die Finanzkrise in den Vereinigten Staaten geboren worden sei, habe man diese dort schnell gelöst. Sie sei aber zu einer europäischen Krise geworden, weil man hier die falschen Entscheidungen gefällt habe. Man habe die öffentlichen Defizite viel zu schnell vermindern wollen. Deshalb sei die Arbeitslosigkeit heute so hoch.

Man müsse Griechenland erlauben in seine Zukunft zu investieren. Er schlägt ein Parlament der Eurozone vor, in dem jedes Land im Verhältnis zu seiner Bevölkerung vertreten sei und das über das Tempo des Defizitabbaus entscheide. Das impliziere, dass Deutschland seine Minderheitsposition akzeptiere.

Das alles war zu viel für Scholz“ kommentiert nicht ohne Süffisanz der Journalist von Le Monde. Der deutsche Sozialdemokrat beharrt, wie er es seiner Partei schuldig zu sein meint, auf dem Schäuble-Mantra: Er sei sehr skeptisch was eine Änderung der Verträge betreffe. Griechenland habe schon so viel Hilfe von Ländern wie der Slowakei bekommen, die weniger reich seien als es selbst. Ein Schuldenschnitt sei ungerecht und unnötig. Griechenland müsse seinen Platz auf den Weltmärkten finden, sich grundlegend reformieren und die Reichen besteuern.

Damit ist Piketty nicht einverstanden: „ Das ist doch Heuchelei“ sagt er. Man verlange von den Griechen die Reichen zu besteuern aber die hätten ihr Geld auf deutschen oder französischen Banken, die den griechischen Behörden Auskünfte über ihre Kunden verweigerten. Der Berlin-Korrespondent von Le Monde erinnert daran, dass Piketty das Thema Staatsverschuldung vor deutschem Publikum schon einmal betonen wollte und zwar bei einer vom SPD-Vorsitzenden und Wirtschaftsminister Gabriel am 7. November 2014 organisierten Diskussionsveranstaltung. Dieser sei damals dessen Argumenten ausgewichen und habe ihn daran gehindert seine Gedanken zu entwickeln.

Diesmal hat Piketty es geschafft. Ob man ihn wohl gehört habe, fragt der französische Journalist. Wenn man von der Nachrichtenlage in der deutschen Presse ausgeht würde ich sagen: Es ist dafür gesorgt, dass man in Deutschland so etwas nicht hören muss. Es reicht, wenn amerikanische Nobelpreisträger wie Joseph Stieglitz und Paul Krugmann oder krawattenlose griechische Finanzminister solchen Unsinn erzählen. In Griechenland und Frankreich hat man Piketty gehört. Aber wen interessiert das schon?