Die Geheimnisse der Brüsseler Rufmordmaschine

Der griechische Journalist Nikos Sverkos lüftet ein paar ranzig stinkende Geheimnisse der Spin-Doktoren in Brüssel. Sie erklären, warum Yanis Varoufakis im übrigen Europa so eine schlechte Presse hat, und warum die Berichte aus Brüssel sich so gleichen, obwohl sie den Anschein erwecken, jeder Autor habe Hintergrundinformationen von überall her eingesammelt.

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Secrets of the Brussels media machine”, lautet der aus dem griechischen übersetzte englische Titel von Sverkos äußerst lesenswertem und aufschlussreichen Artikel, dessen wichtigste Aussagen ich für das deutschsprachige Publikum übersetzen möchte. Ich kenne zwar das Brüssel Nachrichtengeschäft im Speziellen nicht. Aber was ich in meiner langjährigen Journalistenzeit so mitbekommen und über die Verhandlungen mit Griechenland so gelesen habe, lässt mir diese Beschreibung hochgradig plausibel erscheinen.

Die gut geölte Brüsseler Maschine, er nennt sie Medienmaschine, ich bevorzuge Propagandamaschine, operiere auf der Basis der Anonymität. Obwohl es sich meist um hochrangige Offizielle oder deren Sprecherpersonal handele, die ausgewählte Journalisten zu inoffiziellen Pressekonferenzen zusammenrufen, erscheinen sie als anonyme Quellen, so als hätten die Journalisten mit viel Geschick irgendwie Verhandlungsteilnehmer oder Leute, die sonstwie etwas wissen zum Reden gebracht. Die Brüsseler Journalisten spielen dieses Spiel mit und wahren sowohl die Anonymität ihrer offiziellen Quellen als auch den Anschein, es hätte diese inoffiziellen Pressekonferenzen nicht gegeben. Alles andere wäre der Karrieretod. Man würde nicht mehr eingeladen und vom Informationsfluss abgeschnitten, mit dem die Konkurrenten punkten können.

Die deutschen EU-Vertreter und ihre Alliierten hätten den besten Zugang zu dieser Maschine, behauptet Sverkos. Der Zugang von Frankreich und Italien sei deutlich schlechter, von Griechenland natürlich ganz zu schweigen.

Auf der Medienseite sind die wichtigsten Spieler die beiden großen internationalen  Nachrichtenagenturen Reuters und Bloomberg, sowie die Financial Times. „Was auch immer diese Gruppen berichtet, das beeilen sich die anderen Medien in Europa nachzuziehen.“ 

Die inoffiziellen Pressekonferenzen würden sehr oft von einer deutschstämmigen Person abgehalten, die auch für den Sprecherdienst der EU-Kommission arbeite. Dieser Mann gebe wenig auf die EU-Etikette oder auf die  Neutralität zu der ihn sein Beruf theoretisch verpflichtet.

Sverkos geht als Beispiel näher auf die denkwürdigen Verhandlungen des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis mit der Euro-Gruppe am 23. und 24. April in Riga ein. Beim vorbereitenden Dinner der Finanzminister am 23. sei alles noch normal gewesen. Aber am 24. berichteten die Medien von Beschimpfungen, die sich Varoufakis während des eigentlichen Treffens von den Kollegen habe anhören müssen. Beleidigungen wurden berichtet, allerdings ohne Quellen für die Information zu nennen, und ohne diejenigen zu nennen, die sie angeblich ausgesprochen haben.

Der besagte Offizielle habe unmittelbar nach Ende des Treffens acht Journalisten für die übliche inoffizielle Pressekonferenz zusammengerufen. Sverkos gibt an, mit einem Teilnehmer gesprochen zu haben. Der habe davon berichtet, wie der Offizielle Varoufakis als jemand von einem anderen Planeten beschrieb, der sich verhalte, wie man das noch nie von jemand oder selbst von Varoufakis erlebt habe.

Zwei andere EU-Offizielle, einer, der für die Eurogruppe arbeitet, einer von der diplomatischen Mission eines südeuropäischen Landes, hätten ein identisches Briefing gegeben. Sie hätten ebenfalls Varoufakis als „Außerirdischen“ bezeichnet. Sie seien ebenso aggressiv gewesen, habe ein Journalist erzählt, der bei den Briefings zugegen war. Nachdem die Journalisten aber anfingen, Fragen nach dem Kern der Meinungsunterschiede zu stellen, hätten es keine Antwort gegeben. Offenbar ging es ausschließlich darum, Varoufakis schlecht zu machen.  

Diese scheinbar abgesprochenen Briefings wurden dann noch komplettiert von harschen, aber di Etikette noch halbwegs wahrenden öffentlichen Aussagen verschiedener Minister.

Die drei internationalen Leitmedien verbreiteten alle die Darstellung der Spin-Doktoren aus den inoffiziellen Pressekonferenzen. Sie berichteten von einer extrem aggressiven Atmosphäre bei dem Treffen und brachen dabei den üblichen journalistischen Code, der es verbietet, anonyme Quellen Beleidigungen aussprechen zu lassen und diese zu verbreiten. Hier als Beispiel, was die Welt unter Verweis auf Bloomberg daraus machte:

http://www.welt.de/wirtschaft/article140044706/Euro-Kollegen-beschimpfen-Varoufakis-als-Amateur.html

"In der Sitzung entlud sich dann auch die Verärgerung bei anderen Regierungsvertretern. Nachdem Varoufakis das Wort ergriff und erklärte, seine Regierung könne sich mit den Partnern binnen einer Woche auf eine Reformliste verständigen, konnten einige Kollegen ihre Verärgerung nicht länger verbergen. Als "Amateur", "Zeitverschwender" und "Spieler" wurde er beschimpft, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg."

(Es sei erwähnt, dass Varoufakis italienischer Kollege Pier Carlo Padoan öffentlich dementierte, dass es diese Beleidigungen bei dem Treffen gegeben habe. Das hinterließ aber nirgendwo größere Spuren. Woraus man schließen darf, dass in den europäischen Medien von anonymen Quellen berichtete Beleidigungen ohne genannte Beleidiger mehr zählen als der abweichende Bericht eines italienischen Finanzministers, der sich namentlich zitieren lässt. Sverkos hat wohl recht. Italien hat geringen Zugang zur Brüsseler Propagandamaschine.) 

Varoufakis entschied sich daraufhin, nicht am Abendessen der Minister teilzunehmen. Reuters habe das zum Anlass, ihn als „isoliert“ zu bezeichnen, ohne eine Stellungnahme von der griechischen Seite einzuholen.

Als Startpunkt für die Brüsseler Rufmordkampagne gegen Varoufkakis macht Sverkos das Eurogruppentreffen im Februar aus, als die griechische Seite versucht habe, die „scheinbar undurchdringliche Medien-Mauer, die sie umgab, zu durchbrechen“. Sie machte einen inakzeptablen Beschlussvorschlag des Eurogruppenchefs Dijsselbloem publik und schoss ihn damit praktisch ab. Das habe wichtige Leute in Brüssel sehr verärgert, berichtet Sverkos Brüsseler Journalistenquelle. Krieg sei erklärt worden.

Fortsetzung:

Die Brüsseler Rufmordmaschine läuft weiter auf Hochtouren

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