So teuer ist Brexit! Die neueste wissenschaftlich verbrämte Propaganda der Bertelsmann Stiftung

Mit einer Auftragssstudie des Ifo-Instituts will die Bertelsmann Stiftung vor der Wahl in UK belegen, dass ein Austritt aus der EU die Briten sehr teuer käme. Es ist nicht die erste windige Studie, die die Bertelsmänner für solche Propagandazwecke vom Ifo Institut für Wirtschaftsforschung bestellt und bekommen haben. Taugt sie mehr als frühere?

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Die Rezeption und Wiedergabe der Studie in den Medien war ganz so, wie es sich die Bertelsmann Stiftung erhofft hatte. Man kann sich eben auf die meisten Medienvertreter verlassen, darauf, dass sie kritiklos und ohne nachzudenken, widerkäuen, was man ihnen per Pressemitteilung vorsetzt.

„Hunderte Milliarden Kosten: "Brexit"-Studie zeigt: Großbritanniens EU-Austritt wäre richtig teuer“, titelt „Focus“.

Die Briten würden sich nur ins eigene Knie schiessen“, der Schweizer „Tagesanzeiger“.

Brexit wäre auch für Deutschland teuer“, titelt n-tv und

„EU-Austritt wäre teuer“, die Süddeutsche

Das Bruttoinlandsprodukt könne bis 2030 um bis zu 14 Prozent oder 313 Milliarden Euro niedriger ausfallen als bei einem Verbleib in der EU, so das Fazit einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Ifo-Instituts“,

bringt die Süddeutsche in einem kurzen Beitrag die vermeintlichen Studienerkenntnisse auf den Punkt.

. „Die britische Wirtschaftsleistung pro Kopf würde in einem solchen Fall bis 2030 jährlich um 0,6 bis 3 Prozent geringer ausfallen...Gegenüber den gravierenden wirtschaftlichen Nachteilen einer britischen Abkehr von Europa verblasst der einzige finanzielle Pluspunkt fast bis zur Unkenntlichkeit. Nach einem Brexit würden die Londoner Zahlungen in die EU-Kasse entfallen …  das wären gerade mal etwa 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung“,

schreibt der Tagesanzeiger.

Das ist beides ziemlich nah an der Presseerklärung der Bertelsmann Stiftung mit genau dem dort vorgegebenen Tenor – und völliger Unsinn.

Bei n-tv erfährt man immerhin korrekt, dass die angeblichen BIP-Verluste nicht jährlich auftreten, im Sinne, dass das Wachstum jedes Jahr 0,6 bis 3 Prozent niedriger ist, sondern nur auf 12 Jahre aufsummiert um insgesamt 0,6 bis 3 Prozent, also ein Wachstumseffekt vonmikroskopischen 0,05 Prozent bis ca. 0,2 Prozent der Bruttoinlandsprodukts pro Jahr für 12 Jahre und danach keine weitere Wachstumswirkung mehr. Das ist vernachlässigbar in Anbetracht der Schätzunsicherheit und deckt keine der reißerischen Überschriften, welche die Bertelsmann Stiftung so absichtsvoll generiert hat.

Zieht man jetzt noch den eingesparten finanziellen Nettobeitrag der Briten zur EU ab, so ist man entgegen den Behauptungen der Bertelsmann Stiftung im positiven Bereich, wenn man den unteren Rand der Kostenschätzung von 0,6 Prozent nimmt, jedenfalls für die ersten ca. 10 Jahre, in denen jedes Jahr der Nettobeitrag wegfällt und die negativen Wirkungen auf die Wirtschaftsleistung noch nicht voll eingetreten sind. Und danach darf man eine finanzielle Entlastung von 0,5 Prozent nicht mit einem um 0,6 Prozent niedrigeren Wirtschaftsleistung (BIP) aufrechnen. Denn im BIP sind die Abschreibungen auf Maschinen und Anlagen, die mit der Produktion vebunden sind enthalten. Das ist das „B“ in BIP. Im BIP ist auch nichts abgezogen für die Mühe und die Umweltverschmutzung, die mit seiner Erstellung verbunden sind. BIP und Nettobeitrag direkt gegeneinander aufzurechnen ist ähnlich unsinnig, wie wenn man einem Unternehmen sagen würde: „Dein Umsatz wird um 0,6 Prozent sinken, dein Gewinn aber nur um 0,5 Prozent steigen, das ist ein ganz schlechtes Geschäft.“

Aber solches unwissenschaftliche Tun stützt den Tenor, so wie die Tatsache, dass in der ganzen Studie nichts über mögliche ökonomische Vorteile eines Austritts zu lesen, ist, die womöglich den Nachteilen gegenzurechnen wäre.

Die große Spanne von 0,6 bis 3 Prozent rührt übrigens davon her, dass das Ifo-Institut für die Bertelsmänner drei Szenarien für den Austritt betrachtet hat: vom wahrscheinlichen, weichen Szenario, in dem Großbritannien einen ähnlichen handelspolitischen Status mit der EU wie die Schweiz aushandelt, bis hin zu dem (sehr unwahrscheinlichen) Extremszenario, in dem Großbritannien wie jedes nicht EU-Land ohne Handelsvereinbarungen mit der EU behandelt wird und darüber hinaus alle Freihandelsabkommen der EU mit Drittländern für die Briten ihre Gültigkeit verlieren. Über die sehr unterschiedliche Wahrscheinlichkeit dieser Szenarien wird natürlich kein Wort verloren.

Werden darüber hinaus nicht nur handelsökonomische, sondern auch dynamische wirtschaftliche Folgewirkungen, wie zum Beispiel eine geringere Innovationskraft und die Schwächung des Finanzzentrums London, miteinbezogen, könnten die BIP-Einbußen im ungünstigsten Szenario bei bis zu 14% liegen“,

schreibt die Bertelsmann Stiftung und verwirrt damit erfolgreich die Medien. Die entscheidende Floskel  „im ungünstigsten Szenario“, klappert nach, aber geschrieben ist der Satz so, dass man auf „“dynamische wirtschaftliche Folgewirkungen“ und „Schwächung des Finanzzentrums London“ achtet.

Den „ungünstigsten Fall“ kann man getrost vergessen, und damit auch die 14 Prozent, aber die Bertelsmann Stiftung und die berichtetenden Medien nutzen diese Zahl, um die 0,5 Prozent des BIP Ersparnis beim Nettobeitrag „fast zur Unkenntlichkeit verblassen“ zu lassen. Damit hört die Irreführung aber nicht auf. Die „Schwächung des Finanzzentrums London“ ist auch bei der ersten, „statischen“ und sehr niedrigen Kostenschätzung schon drin. Durch die gewählte Formulierung wird fälschlicherweise indirekt behauptet, das sei nicht der Fall.

Und was sind nun diese „dynamischen Effekte“? Da ist zum einen:

Wenn der internationale Wettbewerbsdruck zurückgeht, verringert sich für die heimischen Unternehmen die Notwendigkeit, über Investitionen und Innovationen ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Damit lässt das Produktivitätswachstum nach. Studien zufolge … kann der Brexit dazu führen, dass das britische reale BIP je Einwohner langfristig um zwei Prozent (»sanfter Ausstieg«) bis 14 Prozent (»Isolierung des UK«) unter dem Wert liegen würde, der sich im Fall eines Verbleibs in der EU ergeben würde.“

Vergessen wir mal wieder die 14 Prozent des völlig unrealistischen Szenarios. Dann bleibt: Die Autoren nehmen irgendeine Abnahme des Produktivitätswachstums über eine unbekannte Anzahl von Jahren an, mindestens zwölf, summieren auf, und kommen damit auf die immer noch bescheidene Einbuße von insgesamt 2 Prozent des BIP. So what? Reine Spekulation und bei diesem Zeithorizont vernachlässigbar.

Dann kommt noch eine zweite, ganz wilde „dynamische“ Wirkung.

Die EU befindet sich mit einer Reihe von Ländern in Verhandlungen zu bilateralen Freihandelsabkommen, die zum Teil kurz vor der Ratifizierung stehen (Kanada, USA, Japan, Singapur, Indien etc.). Von der damit einhergehenden stärkeren Handelsintegration erwartet die EU positive Wachstumsimpulse. Bei einem Austritt aus der EU würden dem UK diese Impulse entgehen. Die damit verbundenen langfristigen BIP-Einbußen liegen zwischen 1,4 Prozent im Fall eines »sanften Ausstiegs« und 7,5 Prozent im Szenario eines »tiefen Schnitts«“.

Wir erinnern uns: EU-Kommission, BDI, VDA und INSM und andere mussten gerade erst vor kurzem einräumen, dass ihre Behauptungen falsch waren, wonach TTIP ein halbes Prozent mehr Wachstum pro Jahr bringen werde. Tatsächlich seien es nur insgesamt ein halbes Prozent über zehn Jahre. Das Ifo Institut hatte mit zwei Studien für die Bertelsmann Stiftung und das Wirtschaftsministerium zu den Lieferanten des scheinbar wissenschaftlichen Basismaterials für überzogene Darstellungen der TTIP-Wirkungen gehört. Nun soll also der Verzicht auf die Segnungen von TTIP und Co. die Briten bis zu 7,5 Prozent Wirtschaftsleistung kosten. Wer soll das schlucken und dabei nicht husten?

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