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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

World Future Council berechnet volkswirtschaftliche Kosten der Sparsamkeit

Der World Future Council (WFC), eine in Hamburg ansässige, international bestens vernetzte gemeinnützige Organisation, reiht sich ein in die Phalanx der Kritiker der europäischen Sparpolitik. Anders als US-Regierung oder Internationaler Währungsfonds, die speziell Deutschland im Visier haben, betrachtet eine Studie der Lobbyorganisation das unter den Verhältnissen leben als globales Phänomen. Es geht auch nicht nur um die Austeritätspolitik in Reaktion auf die Staatsschuldenkrise. Vielmehr schreibt der Autor, dass die Welt schon seit 30 Jahren wirtschaftlich unter ihren Verhältnissen lebt.

Das besondere an der Studie von WFC-Forscher Matthias Kroll ist, dass sie nicht bei der Analyse von abstrakten Aggregaten wie gesamtwirtschaftliche Nachfrage und gesamtwirtschaftlichem Angebot anfängt und stehen bleibt. Vielmehr geht sie von den einzelnen Unternehmen und Arbeitnehmern aus.

Ausgangspunkt ist zum einen die Feststellung, dass es, entgegen dem absurden Modell des ökonomischen Mainstream, unfreiwillige Arbeitslosigkeit gibt; also qualifizierte Arbeitskräfte, die produktiv arbeiten könnten, es aber nicht tun. Zum anderen berücksichtigt sie, dass selbst bei normaler Wirtschaftslage die Produktionskapazitäten der Unternehmen ausweislich aller Umfragen nur zu rund 80 Prozent ausgelastet sind. Das ist eine ganz andere Welt als die der üblichen makroökonomischen Modelle. In deren Fantasiewelt sind die Produktionskapazitäten voll ausgelastet und Arbeitslosigkeit ist immer freiwillig, beziehungsweise es gibt sie nicht. Was wir Arbeitslosigkeit nennen, bedeutet in diesen Modellen, dass das repräsentative Wirtschaftssubjekt weniger als Vollzeit arbeitet.

Die Anerkennung der Realität der Unterauslastung bedeutet: Die Unternehmen können die Produktion beträchtlich ausweiten, ohne dass es zu preistreibenden Engpässen kommt. Wenn mehr produziert wird, kann der Geldmantel der Wirtschaft weiter geschnitten werden. Die inflationsfreie Finanzierung der Mehrproduktion sollte also kein Problem darstellen, jedenfalls wenn die zusätzlichen Mittel in produktive Verwendung und nicht in Spekulation fließen.

Kroll kommt überschlägig zu dem Ergebnis, dass der Welt eine Produktionsleistung von mindestens 2,3 Billionen Dollar pro Jahr entgeht, weil sie auf eine mögliche bessere Auslastung des Arbeitskräftepotentials verzichtet. Für Europa beziffert er den Verlust auf mindesten 580 Mrd. Euro.

Eines der interessanten Ergebnisse der Berechnungen von Kroll ist, dass man die Arbeitslosigkeit in Europa weitgehend beseitigen könnte, ohne dass die Kapazitätsauslastung der Unternehmen deutlich über die Normalauslastung ansteigen müsste.

Sind die Entscheidungsträger aller Länder also einfach nur dumm, dass sie das nicht besser hinkriegen? Das wirkt unwahrscheinlich. Man muss sich nur fragen: Was wäre, wenn wir Vollbeschäftigung hätten? Schon ist man bei einem Aspekt, der in der Studie nicht vorkommt. Abbau von Arbeitslosigkeit kann die Preise auch treiben, wenn es nicht zu Angebotsengpässen kommt. Denn sie lädt Gewerkschaften und Arbeitnehmer zu härteren Gehaltsverhandlungen ein. Ohne einen Verteilungskonsens der Arbeitgeber mit mächtigen Arbeitnehmervertretern funktioniert Marktwirtschaft bei Vollbeschäftigung nicht über längere Zeit. Denn wenn es keine zentralen Gehaltsverhandlungen mit dem Ziel der Wahrung der Vollbeschäftigung bei fairer Verteilung des Gewinns aus der Arbeitsteilung gibt, dann führt Vollbeschäftigung fast unweigerlich in die Inflation, die dann die Notenbank mit einer Rezession und folglich Arbeitslosigkeit bekämpft. Die einzige Alternative, die ich sehe ist nicht schön. Sie besteht in einer ausgeprägten Trennung der Arbeitsplätze in gute und schlechte Job. Die Inhaber der angenehmen, relativ gut bezahlten Jobs werden dadurch diszipliniert, dass es sehr viele von den weniger angenehmen und viel schlechter bezahlten Jobs des zweiten Arbeitsmarkts gibt. Wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren, droht dann zwar nicht die Arbeitslosigkeit, aber der Abstieg in den zweiten Arbeitsmarkt.